Ölschock-Bilanz: Wie der Irankrieg Deutschland trifft
Wirtschaft

Ölschock-Bilanz: Wie der Irankrieg Deutschland trifft

Benzinpreise stiegen im April um mehr als ein Viertel, das BIP stagnierte im ersten Quartal, der Exportüberschuss mit den USA brach um 30 Prozent ein. Drei Monate nach Kriegsbeginn ist die wirtschaftliche Rechnung des Irankriegs für Deutschland konkret messbar.

1. Juni 2026, 18:45 Uhr 770 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Von 17 Cent staatlicher Steuersenkung kamen bei Super E10 nur 7,8 Cent an der Zapfsäule an. Das misst der ADAC seit Anfang Mai, seit die Bundesregierung auf den Preisanstieg durch den Irankrieg mit einem Tankrabatt reagierte. Die restlichen 9,2 Cent blieben bei den Mineralölkonzernen. Im ersten Quartal 2026 stagnierte das Bruttoinlandsprodukt real. Im April hatten Treibstoffpreise um 26,2 Prozent über dem Vorjahr gelegen. Drei Monate nach dem Beginn des Krieges zwischen den USA und Iran ist die wirtschaftliche Bilanz für Deutschland erstmals in Zahlen greifbar.

Von Hormus bis zur deutschen Zapfsäule

Der Irankrieg begann am 28. Februar 2026 mit dem US-Angriff auf iranische Militäreinrichtungen und entwickelte sich innerhalb von Wochen zu einem handfesten Ölpreisschock. Rohöl der Sorte Brent kletterte in der Spitze auf über 106 Dollar pro Barrel, mehr als ein Drittel über dem Niveau vor dem Konflikt. Weil Deutschland seinen Energiebedarf zu erheblichen Teilen aus Ölprodukten deckt, schlugen sich die Weltmarktpreise direkt in den Verbraucherpreisen nieder.

Im April 2026 kostete Super E10 im Bundesdurchschnitt 2,109 Euro pro Liter, laut ADAC-Erhebungen bundesweit. Die Inflationsrate betrug 2,9 Prozent im Jahresvergleich, angetrieben von Energieprodukten mit einem Anstieg von 10,1 Prozent. Treibstoff allein war 26,2 Prozent teurer als ein Jahr zuvor. Das Statistische Bundesamt veröffentlichte diese Zahlen als Endwerte für April.

Auf diese Entwicklung reagierte die Bundesregierung Anfang Mai: Eine Senkung der Energiesteuer um 14 Cent pro Liter plus Mehrwertsteuereffekt sollte theoretisch 17 Cent entlasten. Der Tankrabatt gilt bis Ende Juni 2026. Im Mai sanken die Benzinpreise tatsächlich auf 1,983 Euro, die vorläufige Inflationsrate fiel auf 2,6 Prozent, Energie auf plus 6,6 Prozent.

17 Cent versprochen, 7,8 Cent weitergegeben

Die Entlastung blieb kleiner als versprochen. Der ADAC berechnete, dass Mineralölkonzerne bei Super E10 nur 7,8 Cent der möglichen 17 Cent weitergaben, bei Diesel immerhin 10,5 Cent. Ramona Pop, Vorständin des Verbraucherzentrale Bundesverbands, nannte den Rabatt den falschen Ansatz und forderte, ihn nach Juni nicht zu verlängern. Statt Steuervergünstigungen, die über Konzernmargen abgefedert werden, seien direkte Zahlungen an Haushalte der wirksamere Weg.

Das Bundeskabinett hatte versucht, mit einer 1.000-Euro-Einmalzahlung an Beschäftigte nachzusteuern. Der Bundestag stimmte dem Paket am 24. April zu. Doch der Bundesrat lehnte die Entlastungsprämie am 8. Mai ab, weil die Gegenfinanzierung über eine höhere Tabaksteuer vollständig dem Bund zugutekäme, die Steuerausfälle aber zu zwei Dritteln Länder und Kommunen trügen. Das Ergebnis: Die Entlastung bleibt stecken zwischen Kabinettsbeschluss und föderalem Einspruch, während die Preisursache fortbesteht.

83 Prozent der Unternehmen: negative Effekte

Der DIHK hat im April und Mai mehr als 2.400 Unternehmen zu den Folgen des Irankriegs befragt. Das Ergebnis: 83 Prozent berichten von negativen Auswirkungen, in der Industrie sogar 87 Prozent. Als häufigste Belastungen nennen 73 Prozent gestiegene Frachtkosten und Transportkosten, 71 Prozent höhere Energiepreise. Nur 22 Prozent der Unternehmen planen, ihre Investitionen zu erhöhen, der niedrigste Wert seit der COVID-Pandemie. Fast ein Viertel erwägt Personalabbau. Der DIHK revidierte daraufhin seine Jahresprognose von 1,0 Prozent auf 0,3 Prozent BIP-Wachstum für 2026.

Das Statistische Bundesamt lieferte parallel dazu konkrete Außenhandelsdaten. Der Exportüberschuss mit den USA sank im ersten Quartal 2026 auf 12,4 Milliarden Euro, verglichen mit 17,8 Milliarden im ersten Quartal 2025, ein Rückgang von 30,5 Prozent. Deutsche Exporte in die USA fielen um 12,1 Prozent. Am härtesten traf es den Fahrzeugbau: Kraftfahrzeuge und Teile verloren 28,4 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Als Ursachen gelten sowohl die hohen US-Einfuhrzölle seit 2025 als auch die gestiegenen Produktionskosten durch teurere Energie.

Die Bundesbank beschreibt die Gesamtlage in ihrem Monatsbericht für Mai als schwunglos: Das BIP blieb im ersten Quartal 2026 real auf saisonbereinigter Basis bei null. Nach Prognosen der Bundesbank sollte 2026 noch ein Wachstum von 0,6 Prozent erreicht werden, das aber stark davon abhängt, wie sich der Ölpreis entwickelt. Ein anhaltend hohes Preisniveau würde auch das zweite Quartal belasten.

Was Évian am 15. Juni entscheiden kann

Der nächste Termin mit dem Potenzial, die Preisentwicklung zu wenden, ist der G7-Gipfel in Évian-les-Bains vom 15. bis 17. Juni 2026. Die G7-Regierungen stehen unter Druck, einen Aktionsplan zur Hormuskrise vorzulegen. Frankreichs Wirtschaftsminister Roland Lescure hatte beim G7-Finanzministertreffen in Paris gewarnt, bei fortgesetzter Blockade seien bis zu 50 Millionen Menschen von Lebensmittelengpässen bedroht. Ein Drittel des weltweit gehandelten Grunddüngers passiert die Straße von Hormus.

Für Deutschland bedeutet das: Wenn in Évian kein Fahrplan zur Deeskalation beschlossen wird, läuft der Tankrabatt am 30. Juni aus, ohne dass die Preisursache behoben ist. Der Rohölpreis liegt nach dem Verhandlungsabbruch Irans am heutigen Montag wieder bei rund 94 Dollar. Das 60-Tage-Memorandum zwischen den USA und Iran, das den Konflikt einfrieren sollte, ist nach dem iranischen Rückzug aus den Gesprächen gegenstandslos. Eine strukturelle Antwort, also die Reduzierung der Abhängigkeit von Öl durch beschleunigte Wärmedämmung oder Ausbau des Nahverkehrs, ist im Koalitionsvertrag nicht vorgesehen.

Quellen (10)

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