Deutschland bei WM 2026: Talent trifft auf Trauma
Ein Kader im Gesamtmarktwert von 982 Millionen Euro, zwei der besten Mittelfeldspieler ihrer Generation und der bekannteste Torwart der Welt. Trotzdem schied Deutschland 2018 in der Gruppenphase aus und 2022 erneut. Am 11. Juni beginnt die WM 2026 in den USA, Deutschlands erstes Spiel ist am 14. Juni in Houston. Julian Nagelsmann steht vor dem ersten WM-Versuch als Bundestrainer der Nationalmannschaft, die Opta auf sieben Prozent Titelchance einschätzt.
2018, 2022 und die EM: Warum Deutschland kämpft
Bei der WM 2018 in Russland verlor Deutschland in der Gruppenphase gegen Mexiko und Südkorea und schied als amtierender Weltmeister aus. Bei der WM 2022 in Katar gelang ein Unentschieden gegen Spanien, doch die Niederlage gegen Japan und ein wertloser 4:2-Sieg gegen Costa Rica schickten die DFB-Elf erneut nach Hause. Zur Heim-EM 2024 kämpfte sich Nagelsmanns Team bis ins Viertelfinale vor und verlor dann gegen Spanien 1:2 nach Verlängerung.
Diese drei Ergebnisse stehen hinter der WM-Nüchternheit, die deutsche Fußballfans mittlerweile ausstrahlen. Der letzte WM-Titel liegt zwölf Jahre zurück: 2014 in Brasilien gewann Deutschland das Finale gegen Argentinien 1:0 durch Mario Götzes Tor in der Verlängerung. Seitdem blieb von jedem Turnier eine Enttäuschung zurück und der Aufbau unter Nagelsmann muss nun mit einem guten Abschneiden in den USA belegt werden.
Musiala, Wirtz und der Kader im Check
Mit Florian Wirtz vom FC Liverpool und Jamal Musiala vom FC Bayern hat Deutschland zwei Mittelfeldspieler, die in der Saison 2025/26 zu den besten Europas zählten. Wirtz wurde Meister mit Leverkusen und lieferte zweistellige Tor- und Vorlagenwerte. Musiala half Bayern zu einem Champions-League-Halbfinale und kehrte nach Monaten Verletzungspause, die er sich beim FIFA Klub-WM-Turnier zugezogen hatte, rechtzeitig zurück. Beide sind Anfang Zwanzig und stehen beim ersten Turnier in ihrer Karriere als die unbestrittenen Stammspieler des DFB-Teams.
Joshua Kimmich übernimmt die Kapitänsbinde und geht bei seiner dritten WM als erfahrenster Feldspieler ins Rennen. Bundestrainer Julian Nagelsmann traf eine mutige Entscheidung bei der Torhüterposition: Manuel Neuer, der nach der EM 2024 seinen DFB-Abschied erklärt hatte, kehrt mit 40 Jahren als Nummer eins zurück. Neben ihm stehen Alexander Nübel und Oliver Baumann bereit. Nagelsmann sagte in der Kaderbekanntgabe, er habe Neuer persönlich von einer Rückkehr überzeugt, weil die Torwartfrage mit Neuer am einfachsten zu beantworten sei.
Die Offensivoptionen sind breit aufgestellt: Kai Havertz und Nick Woltemade spielen in der Premier League, Deniz Undav trifft regelmäßig für den VfB Stuttgart. Leroy Sané nahm nach seinem Wechsel zu Galatasaray weitere WM-Startelf-Qualitäten mit. Notable Absagen: Serge Gnabry verpasst das Turnier verletzungsbedingt. Said El Mala, Torjäger von 1. FC Köln und Senkrechtstarter der Bundesligasaison, schaffte es trotz Hoffnungen nicht in den finalen 26er-Kader. Leon Goretzka ist dabei, er kehrt nach langen Verletzungspausen rechtzeitig zurück.
Der Gesamtmarktwert des Kaders beträgt laut Transfermarkt-Daten rund 982 Millionen Euro. Damit ist Deutschland das fünftteuerste WM-Team, hinter Frankreich, England, Spanien und Portugal. Brasilien und Argentinien liegen dahinter. Die Titelchance beziffert der Opta-Supercomputer auf sieben Prozent, hinter Spanien und Frankreich mit je etwa 18 Prozent.
Gruppe E: Pflichtprogramm und eine Warnung aus Abidjan
Deutschland trifft in Gruppe E auf drei Gegner mit deutlich unterschiedlichem Kaliber. WM-Debütant Curaçao, die niederländische Karibikinsel mit rund 160.000 Einwohnern, ist das schwächste Los und dürfte das Auftaktspiel in Houston am 14. Juni zur Pflichtaufgabe machen. Ecuador, südamerikanischer WM-Qualifikant, hat athletisches Potenzial aber kaum Weltklassespieler im Kader.
Die Elfenbeinküste ist das Warnsignal der Gruppe. Die Ivorer sind amtierender Afrikameister und haben mit Spielern wie Yan Diomande sowie einem gut organisierten Kollektiv bei internationalen Turnieren regelmäßig überrascht. Nagelsmann sagte zur Auslosung: „Es ist eine Gruppe, wo wir weiterkommen wollen und weiterkommen können, aber auch von Beginn an gefordert sind.“ Die Wahrscheinlichkeit, die Gruppenphase zu überstehen, beziffert Opta auf 96 Prozent. Das klingt komfortabel und ist dieselbe Rechnung, die 2022 in Katar ähnlich positiv ausfiel und trotzdem falsch lag.
Die WM 2026 hat ein anderes Format als die Vorgänger: 48 Teams, 12 Gruppen und die beiden Ersten sowie acht beste Drittplatzierte kommen weiter, insgesamt 32 Teams. Deutschland wird nach der Gruppe E voraussichtlich auf ein Team aus den Gruppen F, G oder H treffen, je nach Platzierung. Das Turnier endet erst am 19. Juli.
Am 20. Juni zeigt sich, ob Deutschland reif für mehr ist
Das Spieltagsprogramm gibt Nagelsmann eine klare Struktur: Curaçao am 14. Juni, dann Elfenbeinküste am 20. Juni in Toronto, dann Ecuador am 25. Juni in New York. Das mittlere Spiel ist das Entscheidende. Gelingt gegen den Afrikameister ein Sieg oder zumindest ein Unentschieden, ist das Achtelfinale so gut wie sicher. Eine Niederlage gegen die Elfenbeinküste würde Druck auf das Abschlussduell gegen Ecuador erzeugen und je nach Ergebnis die Gruppenphase zur Zitterpartie machen.
Das Mindestziel ist das Achtelfinale. Dafür reicht in der erweiterten Turnierstruktur in der Regel der zweite Gruppenplatz. Nach den Enttäuschungen der letzten beiden WMs würde selbst ein Viertelfinaleinzug als Fortschritt gelten. Der Maßstab, an dem Nagelsmann letztlich gemessen werden wird, liegt allerdings höher: Halbfinale oder besser, sonst gilt das Turnier als weiteres Scheitern in dem Jahrzehnt, das sich Deutschland gerne als Goldgeneration von Musiala und Wirtz vorstellt. Das Talent ist unbestreitbar da. Ob es dieses Mal reicht, entscheidet sich ab dem 14. Juni.
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