Fünfter Rekord: Europa räumt 603 Dämme aus Flüssen
An einem Fluss in Südkarelien geschah nach 2021 etwas, das seit mehr als einem Jahrhundert nicht mehr möglich war: Lachse schwammen den Hiitolanjoki stromaufwärts, durch Abschnitte, die drei Wasserkraftdämme für sie unpassierbar gemacht hatten. Die Dämme wurden zwischen 2021 und 2023 abgerissen. Schon im Herbst 2022 dokumentierten Biologen Lachsbrütlinge in Dichten von bis zu 400 Stück pro Ar. 2025 brach Europa zum fünften Mal in Folge seinen eigenen Rekord beim Abbau solcher Barrieren: 603 Dämme, Wehre und Durchlässe entfernt, 3.740 Kilometer Flusslauf damit befreit.
Sechsmal mehr als 2020
Als das Netzwerk Dam Removal Europe 2020 erstmals europaweit zu zählen begann, kamen rund 100 Barrieren pro Jahr zusammen. Seitdem ist die Zahl jedes Jahr gewachsen. 2024 lag sie bei 542 Entfernungen, 2025 bei 603, elf Prozent mehr als im Vorjahr. In sechs Jahren hat sich das Tempo versechsfacht. Insgesamt beteiligten sich 2025 erstmals 29 Länder, seit 2025 darunter auch Island und Nordmazedonien.

Schweden führte mit 173 entfernten Strukturen, gefolgt von Finnland mit 143 und Spanien mit 109. Die meisten Barrieren sind keine imposanten Staudämme, sondern alte Durchlässe und Stauwehre, die einst Forstwirtschaft oder Mühlen dienten und deren Zweck längst entfallen ist. Chris Baker, Direktor von Wetlands International Europa, nennt solche Entfernungen die größten verfügbaren ökologischen Sofortmaßnahmen: Die Barrieren liefern keinen Nutzen mehr, richten aber weiter Schaden an. Rund 1,2 Millionen Barrieren unterbrechen die europäischen Flüsse noch, mehr als 150.000 davon gelten als obsolet.
Lachs in Gewässern, die seit einem Jahrhundert gesperrt waren
In Nordmazedonien wurde 2025 die Shuplji-Kamen-Sperre am Fluss Pčinja beseitigt, eine 53 Meter lange Betonkonstruktion, die seit mehr als 70 Jahren die Fischwanderung auf rund 70 Kilometer stromaufwärts blockiert hatte. Zehn Fischarten, darunter der endemische Vardar-Bitterling, können nun wieder ihren historischen Lebensraum erreichen. Im Süden Frankreichs öffnete der Abbau eines Wehrs am Nebenfluss des Gave de Pau dem atlantischen Lachs und dem Iberischen Desman, einem kleinen wassergebundenen Säugetier, wieder die Laichgründe. Island vollzog 2025 erstmals in seiner Geschichte einen Dammabbau.
42 Prozent der europäischen Süßwasserfischarten gelten nach Angaben von Wetlands International als vom Aussterben bedroht. Für viele Arten ist die Verbindung ihrer Laichgründe keine Verbesserung, sondern eine biologische Voraussetzung: Ohne Durchgängigkeit der Flüsse können sie sich nicht fortpflanzen.
Im Vergleich: Was Flussrestaurierung bewirken kann
Der bislang am gründlichsten dokumentierte Dammabbau ist der am Elwha River im US-Bundesstaat Washington. Zwischen 2011 und 2014 wurden dort zwei Staudämme aus dem frühen 20. Jahrhundert entfernt. Innerhalb von zweieinhalb Jahren kehrten acht anadrome Fischarten zurück. Die Forellenpopulation wuchs von rund 3.000 auf mehr als 25.000, wie Untersuchungen des US Geological Survey und der NOAA Fisheries zeigen. Mehr als 4.000 Chinook-Lachse wurden im Einzugsgebiet bis 2022 dokumentiert.

Gemessen am europäischen Gesamtbild ist die Progression ebenfalls bemerkenswert: 2020 bis 2025 stieg die Zahl der jährlichen Entfernungen von rund 100 auf 603. Seit dem Inkrafttreten der EU-Naturwiederherstellungsverordnung im Jahr 2024, die mindestens 25.000 Kilometer Fluss bis 2030 wieder frei fließend machen soll, sind in einem einzigen Jahr 3.740 Kilometer verbunden worden. Das entspricht 15 Prozent des Gesamtziels.
Was dem Tempo entgegensteht
Gleichzeitig sind in Europa mehr als 8.700 neue Wasserkraftwerke in Planung, vor allem in den Alpen und auf dem Balkan. Nach Angaben des Netzwerks Riverwatch würden rund 90 Prozent dieser Projekte nur wenig Strom erzeugen, aber erhebliche Schäden an Ökosystemen verursachen: Fragmentierung von Flüssen, unterbrochene Fischwanderung, gestoppter Sedimenttransport. Das sind dieselben Schäden, die der Dammabbau in anderen Teilen Europas gerade rückgängig zu machen versucht.
Die Frage, wie die EU den Ausbau erneuerbarer Energien mit der Renaturierungspflicht vereinbart, ist in der nationalen Umsetzung der Naturwiederherstellungsverordnung noch nicht abschließend gelöst.
Bis 2030 fehlen noch 21.000 Kilometer
Wenn sich das Tempo von 3.740 Kilometern pro Jahr hält, würde Europa das Ziel von 25.000 Kilometern frei fließender Flüsse im Jahr 2031 erreichen, ein Jahr zu spät. Um die Verpflichtung bis 2030 zu erfüllen, müsste das jährliche Volumen um rund 70 Prozent wachsen, von 3.740 auf etwa 6.300 Kilometer. Das Netzwerk Dam Removal Europe bezeichnet das als machbar: Der Bestand an 150.000 obsoleten Barrieren ist groß genug. Der Engpass liegt bei Genehmigungsverfahren, nationaler Finanzierung und politischem Willen.
Im Rahmen der globalen Freshwater Challenge haben sich 54 Länder und die Europäische Union verpflichtet, bis 2030 insgesamt 300.000 Kilometer Flusslauf weltweit zu restaurieren und 350 Millionen Hektar Feuchtgebiete wiederherzustellen. Europas 3.740 Kilometer aus 2025 sind ein Anfang.
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