Kubicki oder Höne: Wie die FDP sich neu erfindet
Wolfgang Kubicki hat sich einen Namen für das zugespitzte Wort gemacht. Als Bundeskanzler Friedrich Merz im Herbst erklärte, die FDP sei politisch tot, nannte Kubicki ihn einen Eierarsch. Mit derselben Energie, so sein Versprechen, wolle er die FDP zurück in die Parlamente führen. Sein Gegenkandidat Henning Höne, 35 Jahre jünger, hält dagegen: Den Wettbewerb rein um Lautstärke werde die FDP nicht gewinnen. Am 31. Mai entscheiden 660 Delegierte beim Bundesparteitag, welchem dieser zwei Wege sie folgen wollen.
Wie die FDP in diese Lage geriet
Bei der Bundestagswahl am 23. Februar 2025 erhielt die FDP 4,3 Prozent der Zweitstimmen. Damit schied die Partei zum zweiten Mal in ihrer Geschichte aus dem Bundestag aus. Das erste Mal war 2013, nach dem Ende der Koalition mit der CDU. Damals brauchte die FDP vier Jahre für die Rückkehr. Der entscheidende Unterschied zu heute: 2013 übernahm Christian Lindner, damals 34 Jahre alt, eine Partei mit vollem Apparat und klarer Oppositionsstrategie. 2025 trat Lindner nach dem Koalitionsbruch mit der SPD zurück und hinterließ eine Partei ohne Mandate, ohne Fraktionen, ohne Öffentlichkeit.
Im Mai 2025 wählte die FDP Christian Dürr mit 82,25 Prozent zum neuen Bundesvorsitzenden. Der Wirtschaftspolitiker aus Niedersachsen hatte in der Ampel als Fraktionsvorsitzender ein solides, aber wenig sichtbares Profil. Was als ruhiger Wiederaufbau gedacht war, endete zehn Monate später in einer weiteren Katastrophe: Im März 2026 scheiterte die FDP in Baden-Württemberg mit 4,4 Prozent und in Rheinland-Pfalz mit 2,1 Prozent an der Fünfprozenthürde. Die Partei sitzt damit in keinem einzigen deutschen Landtag mehr. Der Bundesvorstand beschloss, beim Bundesparteitag im Mai geschlossen zurückzutreten. In aktuellen Bundesumfragen liegt die FDP bei etwa 3 Prozent.
Zwei Kandidaten, zwei Strategien
Wolfgang Kubicki, 74 Jahre alt, war bis zum Ende der Ampelkoalition stellvertretender FDP-Bundesvorsitzender und Vizepräsident des Bundestages. Er bezeichnet sich selbst als Krawallmacher aus dem Norden und wirbt damit, die FDP bereits viermal in Parlamente zurückgeführt zu haben. Seine Diagnose: Die Partei sei nicht an ihrer Politik gescheitert, sondern daran, dass sie sich in einer Koalition mit inhomogenen Partnern aufgerieben und ihre Kernbotschaften nicht laut genug vertreten habe. Wer ihn vors Schienbein trete, bekomme es zurück. Konfrontation als Strategie, Sichtbarkeit als Ziel.
Henning Höne ist 39 Jahre alt, nordrhein-westfälischer Landesvorsitzender der FDP und bisher stellvertretender Bundesvorsitzender. Er tritt mit einer anderen Diagnose an: Die FDP brauche neue Köpfe, um neues Vertrauen aufzubauen. Eine Partei, die ihre glückloseste Regierungszeit mit den lautesten Stimmen verteidigt, werde keine neuen Wählerinnen und Wähler gewinnen. Zur Frage, ob lautere Töne helfen würden, sagte Höne bei einer gemeinsamen Kandidatendebatte: Lauter werden am Ende andere immer sein. Den Wettbewerb rein um Lautstärke werden wir nicht gewinnen.
Was beide Kandidaten trennt, geht über Auftritte hinaus. Kubicki steht für die Kontinuität einer FDP, die liberalen Markenkern gegen Koalitionspartner verteidigt hat und dabei gescheitert ist. Höne steht für den Bruch: andere Gesichter, anderer Ton, andere Prioritäten. Konkrete programmatische Differenzen haben beide öffentlich kaum markiert. Die Wahl am 31. Mai ist damit weniger eine Programmabstimmung als eine Vertrauensfrage darüber, welche Strategie die Partei für glaubwürdiger hält.
Was 2013 lehrt und was nicht
Der Vergleich mit 2013 ist unvermeidlich, hinkt aber an mehreren Stellen. Nach dem ersten Bundestagsrauswurf reformierte Lindner die FDP inhaltlich und symbolisch, gewann zuerst Landtage zurück und holte 2017 mit 10,7 Prozent die Rückkehr in den Bundestag. Vier Jahre Aufbau in der Opposition. Heute sind es mindestens drei Jahre bis zur nächsten Bundestagswahl 2028.
Der Unterschied ist strukturell. Lindner war 2013 das frische Gesicht einer Partei, die ihre alten Figuren beiseitegeschoben hatte. Kubicki ist Teil der Ampel-Geschichte. Er war dabei, als Lindners Rücktritt als Finanzminister das Ende der Koalition einleitete. Für Wählerinnen und Wähler, die der FDP die Ampel verübeln, verkörpert er die Kontinuität dieser Phase, nicht den Bruch mit ihr. Höne hingegen ist bundesweit deutlich weniger bekannt. Bekanntheit ist in einer Partei ohne Bundestag das entscheidende knappe Gut: Es gibt keinen Fraktionsvorsitz, keine Ausschüsse, keine Plenarsitzungen die Sichtbarkeit produzieren.
Politisch beobachtet wurde auch, dass Christian Lindner beim Bundesparteitag am 31. Mai anwesend sein wird. Er hat öffentlich keine Kandidatenempfehlung ausgesprochen. Seine Präsenz wird die Atmosphäre des Parteitages prägen, ob er will oder nicht.
Was am 31. Mai wirklich entschieden wird
Die Wahl des Vorsitzenden ist erst der Anfang. Die eigentliche Arbeit danach ist schwerer: Die FDP braucht Landtagserfolge, um Sichtbarkeit zurückzugewinnen. Sie braucht eine programmatische Antwort auf die Frage, was liberale Politik im Deutschland der Merz-Regierung bedeutet, wenn CDU/CSU und SPD im Koalitionsvertrag bereits weite Teile des wirtschaftsliberalen Feldes besetzt haben. Und sie braucht eine Erzählung, warum die Wählerinnen und Wähler, die zur Union oder zu den Freien Wählern abgewandert sind, zurückkommen sollten.
Keiner dieser Punkte wird am 31. Mai gelöst. Was entschieden wird, ist die Grundausrichtung: kämpferische Kontinuität oder ruhiger Neustart. Die 660 Delegierten in Berlin werden damit nicht die FDP retten. Aber sie legen fest, auf welchem Weg die Partei versucht, sich selbst zu retten.
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