Stuhlbakterien lindern schwere Erdnussallergie
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Stuhlbakterien lindern schwere Erdnussallergie

Wenn das Darmmilieu die Ursache von Nahrungsmittelallergien ist, könnte es auch der Schlüssel zur Heilung sein. Eine Phase-1-Studie zeigt zum ersten Mal klinisch am Menschen: Spender-Darmbakterien können die Erdnusstoleranz bei schwer Allergischen messbar steigern.

Quellen (10)
  1. Medical Xpress: Stuhlbakterien gegen Erdnussallergiemedicalxpress.com
  2. Genetic Engineering & Biotechnology News: FMT und Erdnusstoleranzgenengnews.com
  3. HCPLive: Fäkale Mikrobiotatransplantation in Phase-1-Studiehcplive.com
  4. News Medical: Mikrobiom-Therapie erhöht Erdnusstoleranznews-medical.net
  5. Nature: Erste Stuhlbakterien-Transplantation gegen Lebensmittelallergiennature.com
  6. STAT News: Könnten Stuhl-Kapseln Lebensmittelallergien behandeln?statnews.com
  7. Allergy & Asthma Network: Palforzia eingestelltallergyasthmanetwork.org
  8. HCPLive: Palforzia-Einstellung beendet einziges zugelassenes Peanut-OIThcplive.com
  9. ClinicalTrials.gov: Studie NCT02960074clinicaltrials.gov
  10. Boston Children's Hospital: FMT-Programm für Erdnussallergieanswers.childrenshospital.org
10. August 2026, 10:09 Uhr762 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Schwere Erdnussallergie zwingt Millionen Betroffene weltweit zu permanenter Wachsamkeit. Eine einzige Nuss kann einen anaphylaktischen Schock auslösen, in seltenen Fällen tödlich. Forscher des Boston Children's Hospital haben nun in einer klinischen Phase-1-Studie gezeigt, dass orale Kapseln mit Darmbakterienkulturen gesunder Spender die Toleranzschwelle bei einem Teil der Allergiker messbar anheben. Der Befund kommt zu einem kritischen Zeitpunkt: Das bisher einzige von der US-Behörde FDA zugelassene Desensibilisierungsmittel, Palforzia, wurde am 31. Juli 2026 vom Hersteller eingestellt.

Was ist eine fäkale Mikrobiotatransplantation?

Bei einer fäkalen Mikrobiotatransplantation (FMT) werden Darmbakterienkulturen gesunder Spender auf Empfänger übertragen. Das Verfahren ist seit Jahren zur Behandlung hartnäckiger Clostridium-difficile-Infektionen zugelassen und wird zunehmend bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen eingesetzt. Die Spenderbakterien kommen gefriergetrocknet in oralen Kapseln. Im Darm des Empfängers sollen sie sich ansiedeln und das mikrobielle Milieu so verändern, dass das Immunsystem Nahrungsproteine nicht mehr als Bedrohung klassifiziert. Mediziner nennen das Toleranzinduktion. Die Studie, geleitet von Rima Rachid und Talal Chatila, wurde am 5. August 2026 in Science Translational Medicine veröffentlicht.

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Die Studie: Kapseln, Antibiotika und ein Mechanismus

Das Forscherteam enrollte 15 Erwachsene, die auf 100 Milligramm Erdnussprotein oder weniger reagierten, was weniger als der Hälfte einer Erdnuss entspricht. In Teil A erhielten zehn Teilnehmer eine Einmaldosis von 36 FMT-Kapseln ohne Vorbehandlung. Drei von zehn sprachen an. In Teil B wurden fünf weitere Teilnehmer zunächst vier Tage mit Antibiotika behandelt, um im Darm Platz für die Spenderbakterien zu schaffen. Drei von fünf dieser Gruppe (60 Prozent) reagierten positiv.

Insgesamt sprachen sechs von 15 Studienteilnehmern auf die Behandlung an. Einer tolerierte danach 300 Milligramm Erdnussprotein, was in etwa einer ganzen Erdnuss entspricht. Fünf weitere tolerierten 600 Milligramm oder mehr. Alle 15 Teilnehmer vertrugen die Behandlung sicher: Drei leichte und zwei mittelschwere Nebenwirkungen traten auf und verschwanden innerhalb von 12 bis 48 Stunden. Der Mechanismus: Bestimmte Spenderbakterienstämme verändern das Gallensäureprofil im Darm so, dass regulatorische T-Zellen (RORγt+ Tregs) aktiv werden. Diese Immunzellen dämpfen überschießende Reaktionen gegen Nahrungsproteine.

Warum Darmbakterien? Der Zusammenhang mit Allergien

Der Zusammenhang zwischen Darmmikrobiom und Lebensmittelallergien ist seit Jahren zentrales Forschungsfeld. Epidemiologische Studien zeigen, dass Kinder in Gesellschaften mit hohem Antibiotikaverbrauch und industrialisierter Ernährung häufiger an Erdnuss- und anderen Nahrungsmittelallergien erkranken. Eine naheliegende Erklärung: Antibiotika reduzieren die mikrobielle Vielfalt und bestimmte Bakterienstämme, die das Immunsystem auf Toleranz gegenüber Nahrungsproteinen trimmen, fehlen dann. In Tierversuchen entwickelten keimfreie Mäuse nach Übertragung von Mikrobiom menschlicher Allergiker selbst allergische Reaktionen. Übertragung von Mikrobiom gesunder Spender kehrte diesen Effekt um. Die neue Studie liefert nun erste klinische Belege beim Menschen für diesen Zusammenhang.

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Im Vergleich: Andere Ansätze und das Ende von Palforzia

Bisheriger Goldstandard war die orale Immuntherapie (OIT): Patienten nehmen über Monate schrittweise steigende Allergenmengen ein. Das 2020 von der FDA zugelassene Palforzia erreichte in seiner Zulassungsstudie PALISADE beeindruckende Ergebnisse: 67 Prozent der Behandelten tolerierten am Ende 600 Milligramm Erdnussprotein, gegenüber vier Prozent in der Placebogruppe. Doch OIT muss dauerhaft fortgeführt werden, kann selbst allergische Reaktionen auslösen und erfordert aufwendige Titrierungsregime unter ärztlicher Aufsicht.

Alternativ gibt es seit 2024 den Antikörper Omalizumab (Xolair), der als Schutzschirm vor schweren Reaktionen zugelassen ist, aber keine Desensibilisierung bewirkt. Dann kam der Einschnitt: Am 31. Juli 2026 stellte der Hersteller Stallergenes Greer Palforzia ein, nicht wegen Sicherheitsproblemen, sondern aus wirtschaftlichen Gründen. Damit fehlt das einzige zugelassene Desensibilisierungsmittel. Auch die sublinguale Immuntherapie (SLIT), bei der winzige Allergenmengen unter der Zunge aufgelöst werden, ist in klinischen Studien bei Kindern aktiv, aber noch nicht zugelassen. Vor diesem Hintergrund erhält der FMT-Ansatz, der das Darmmilieu nachhaltig verändert statt dauerhaft Allergen zuzuführen, besondere strategische Relevanz.

Phase 2 entscheidet über den Weg zur Therapie

Die Phase-1-Studie war mit 15 Teilnehmern zu klein für statistisch gesicherte Aussagen und erfasste ausschließlich Erwachsene. Ob der Effekt auch bei Kindern gilt, der am stärksten betroffenen Altersgruppe, bleibt unbekannt. Die Antibiotikavorbehandlung spielte eine wichtige Rolle: Ohne sie sprachen nur 30 Prozent an, mit ihr 60 Prozent. Das legt nahe, dass die Darm-Nische erst freigeräumt werden muss, damit Spenderbakterien dauerhaft Fuß fassen. Eine Phase-2-Studie läuft bereits. Ergebnisse werden 2027 erwartet. Bestätigen sie die Phase-1-Resultate, wäre erstmals ein klinisch validierter Therapieansatz vorhanden, der das Darmmikrobiom als Hebel gegen Lebensmittelallergien nutzt.

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