Gasspeicher bei 42 Prozent: Winterziel gefährdet
Wirtschaft

Gasspeicher bei 42 Prozent: Winterziel gefährdet

Zum 1. Juli waren die deutschen Gasspeicher nur zu 41 Prozent gefüllt, der niedrigste Stand für diese Jahreszeit seit dem Krisenwinter 2021/22. Experten warnen: Selbst das auf 76 Prozent gesenkte Ziel für November könnte verfehlt werden, weil zwei Betreiber die Einlagerung wegen ungünstiger Preise gestoppt haben.

20. Juli 2026, 14:43 Uhr 862 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Zwei Gasspeicher in Bayern und Rheinland-Pfalz stehen derzeit still: Die Betreiber bayernugs (Speicher Wolfersberg) und Enovos Storage (Speicher Frankenthal) haben die aktive Befüllung eingestellt, weil sie sich bei den aktuellen Marktpreisen nicht lohnt. Im Rest des Landes füllen sich die Speicher langsam, aber zu langsam. Bei der aktuellen Rate von 0,26 Prozentpunkten täglich wird Deutschland bis zum 1. November den Mindestzielwert von 76 Prozent verfehlen, warnt der Branchenverband Initiative Energien Speichern (INES). Zum Vergleich: Am 1. Juli lagen die Speicher erst bei 41 Prozent, der niedrigste Stand für diese Jahreszeit seit dem Krisenwinter 2021/22.

Wie Deutschland mit leeren Speichern in den Sommer ging

Der Winter 2025/26 hat die deutschen Gasspeicher tief geleert. Im Februar 2026 sank der Füllstand auf rund 27 Prozent. Anfang Mai lag er noch bei 26,12 Prozent, umgerechnet 64,7 Terawattstunden. In den Jahren 2018 bis 2021 lagen die deutschen Speicher zu Beginn der Sommerfüllsaison regelmäßig zwischen 40 und 55 Prozent. Der Ausgangsstand zu Beginn dieser Einlagerungssaison war historisch schwach.

Seitdem füllen sich die Speicher wieder, wenn auch langsam. Am 7. Juli 2026 lag der Füllstand bei 42,88 Prozent. Die tägliche Befüllungsrate beträgt nach INES-Daten rund 0,26 Prozentpunkte. Bis zum 1. November verbleiben noch 116 Tage. Bei gleichbleibendem Tempo würde Deutschland auf rund 73 Prozent kommen, also rund drei Prozentpunkte unter dem Mindestwert. Das ursprüngliche EU-Richtziel von 90 Prozent gilt Branchenexperten schon länger als unerreichbar.

Deutschland bezieht sein Gas seit dem Ende russischer Lieferungen aus drei Hauptquellen: Norwegen liefert 44 Prozent der Importe, die Niederlande 24 Prozent und LNG-Terminals vor allem in Belgien 21 Prozent. Diese Diversifizierung hat die Versorgung grundsätzlich stabilisiert. Gerade deshalb wächst die strategische Bedeutung gut gefüllter Speicher: Ohne das russische Puffervolumen sind Reserven im eigenen Land die wichtigste Rückfallebene für einen harten Winter.

Warum der Markt die Speicher nicht füllt

Das zentrale Problem liegt im Preisgefälle zwischen Sommer und Winter. Für eine wirtschaftlich lohnende Einlagerung müsste Gas im Sommer spürbar günstiger sein als im Winter, damit Betreiber beim späteren Wiederverkauf Gewinne erzielen. Dieser Anreiz fehlt derzeit. Die anhaltenden Spannungen rund um die Straße von Hormus infolge des Nahostkonflikts haben die Großhandelspreise für Gas auch im Sommer hochgehalten. Der negative Sommer-Winter-Spread macht kommerzielle Einlagerung unrentabel.

Die Folge ist konkret: Die Betreiber bayernugs (Speicher Wolfersberg) und Enovos Storage (Speicher Frankenthal) haben die aktive Befüllung ihrer Anlagen gestoppt. Wer derzeit einspeichert, macht Verlust.

INES-Geschäftsführer Sebastian Heinermann benennt das Dilemma: „Die Infrastruktur ist grundsätzlich in der Lage, die Speicher bis zum Winter zu befüllen. Entscheidend ist die ausreichende Nutzung der gebuchten Kapazitäten.” Genau an dieser Nutzung hapert es. INES fordert staatliche Eingriffe: Marktanreize für Speicherbetreiber, damit gebuchte Kapazitäten tatsächlich genutzt werden. Zusätzlich schlägt der Verband eine nationale Resilienzreserve von 78 Terawattstunden vor, die bei einem dreimonatigen Ausfall der norwegischen Pipelinesysteme die Versorgung absichern könnte.

Direkte physische Auswirkungen der Hormuz-Spannungen auf die deutsche Versorgung hält der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) für begrenzt, weil Deutschland kein Flüssiggas direkt aus Katar bezieht. Die globale Unsicherheit treibt aber die Großhandelspreise und ist ein wesentlicher Grund dafür, dass der wirtschaftliche Anreiz zur Speicherbefüllung ausbleibt.

Was ein kalter Winter bedeuten würde

Für normale oder milde Wintertemperaturen reicht ein Speicherstand von 76 Prozent zum 1. November nach INES-Berechnungen aus, um die Gasversorgung stabil zu halten. Das ändert sich bei extremer Kälte. In einem Szenario mit Temperaturen wie im Referenzwinter 2010, einem der kältesten Winter der jüngeren deutschen Klimageschichte, könnten monatliche Unterdeckungen von bis zu 9 Terawattstunden entstehen, mit täglichen Spitzen von bis zu 2 Terawattstunden.

Engpässe dieser Größenordnung würden in der Praxis nicht zu flächendeckenden Haushaltsabschaltungen führen, aber erhebliche Preissprünge und gezielte Drosselungen bei energieintensiven Industriebetrieben erzwingen. Die Erfahrungen aus dem Winter 2021/22, als Deutschland monatelang an der Grenze seiner Speicherkapazitäten operierte, gelten als Referenz für das, was solche Engpässe konkret bedeuten.

Bundesnetzagentur-Präsident Klaus Müller gibt derzeit Entwarnung: Die Versorgungslage sei stabil, ein maßvoller Umgang mit Gas bleibe aber ratsam. Die Bundesregierung plant nach Auskunft von Regierungssprecher Stefan Kornelius keine neuen Entlastungsmaßnahmen. Preisschwankungen auf dem Gasmarkt seien normale Marktbewegungen.

Einen strukturellen Vorteil hat Deutschland dennoch: Haushalte und Unternehmen haben den Gaskonsum dauerhaft gesenkt. Der Gesamtverbrauch lag 2025 rund 13,5 Prozent unter dem Durchschnitt der Jahre 2018 bis 2021, der Haushalts- und Gewerbesektor sogar 12,8 Prozent darunter. Diese Einsparungen sind überwiegend struktureller Natur, durch neue Wärmepumpen und verbesserte Gebäudedämmung und dürften dauerhaft erhalten bleiben.

INES-Forderung: Marktanreize oder nationale Reserve

INES sieht ohne politische Intervention ein strukturelles Marktversagen. Die Kombination aus fehlendem wirtschaftlichem Anreiz und der bereits gestoppten Befüllung bei zwei Betreibern zeige, dass der Markt das Problem nicht allein löse. Der Verband fordert von der Bundesregierung, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Speicherbetreiber zu verbessern, damit gebuchte Kapazitäten im verbleibenden Sommerfenster tatsächlich genutzt werden.

Die vorgeschlagene nationale Resilienzreserve von 78 Terawattstunden ist auf einen spezifischen Worst Case ausgelegt: einen dreimonatigen Ausfall der norwegischen Pipelinesysteme, des mit Abstand größten Einzellieferanten. Norwegen allein deckt 44 Prozent der deutschen Gasimporte. Ein Ausfall dieser Route ohne ausreichende Reserven wäre selbst bei einem normalen Winter kaum kurzfristig zu kompensieren.

Ob die Bundesregierung dem Vorschlag folgt, ist offen. Ohne Kurskorrektur gilt die Einschätzung von Heinermann als Warnung für alle, die mit Gas heizen: „Bei außergewöhnlich kaltem Winter steigen die Risiken erheblich.” Das Wetter im November ist nicht vorhersehbar. Der Füllstand der Speicher ist die Variable, die sich noch verändern lässt.

Quellen (8)

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