Andes-Virus: Patientin in Paris kämpft ums Leben
Drei Wochen nach den ersten Todesfällen auf der MV Hondius ist das Andes-Virus mit den Evakuierten nach Europa geflogen. In Paris kämpft eine Französin an einer ECMO-Maschine ums Leben, einem Gerät, das ihr Blut außerhalb des Körpers mit Sauerstoff anreichert, weil ihre Lungen diese Aufgabe nicht mehr erfüllen können. Gleichzeitig sprangen am 9. Mai acht britische Spezialkräfte per Fallschirm auf Tristan da Cunha, die entlegenste dauerhaft bewohnte Insel der Welt, darunter ein Arzt und eine Intensivpflegekraft. Der Ausbruch fordert Maßnahmen, die es in dieser Form noch nicht gegeben hat.
An der Herzlungenmaschine in Paris
Die Patientin hatte die MV Hondius bereits verlassen, bevor das Schiff Teneriffa erreichte. In Frankreich testete sie auf das Andes-Virus positiv; zunächst verschlechterte sich ihr Zustand langsam. Dann eskalierte die Erkrankung. Der Infektiologe Xavier Lescure vom Pariser Bichat-Krankenhaus bestätigte am 13. Mai, dass die Frau nun von einer extrakorporalen Membranoxygenierung abhängig ist. Die ECMO-Maschine übernimmt die Arbeit der Lunge: Blut wird aus dem Körper geleitet, außerhalb mit Sauerstoff angereichert und wieder zugeführt. Es ist das intensivmedizinisch letzte Mittel, bevor eine Organtransplantation die einzige verbleibende Option wäre.
Das Andes-Virus befällt primär die Lunge. Das sogenannte Hantavirus-Pulmonale Syndrom führt zu einem plötzlichen Lungenversagen, bei dem Flüssigkeit in die Alveolen eindringt. Unbehandelt verläuft das Syndrom in etwa 40 Prozent der Fälle tödlich. In Südamerika, wo das Virus endemisch vorkommt, behandeln spezialisierte Kliniken jährlich Dutzende Fälle. In Europa gibt es kaum Erfahrung mit dieser Erkrankung. Die drei Todesfälle an Bord der MV Hondius wurden zunächst fehldiagnostiziert, weil Hantavirus für das behandelnde Personal kein bekanntes Krankheitsbild darstellte.
Nach dem Stand der Europäischen Seuchenschutzbehörde ECDC vom 12. Mai sind weltweit 11 Fälle bekannt: neun bestätigte Infektionen mit dem Andes-Virus und zwei wahrscheinliche Fälle, mit drei Todesopfern. Die 122 evakuierten Passagiere und Besatzungsmitglieder aus 19 Nationen stehen unter täglicher Beobachtung ihrer nationalen Gesundheitsbehörden. Neben der Französin testete auch eine US-amerikanische Passagierin nach ihrer Rückkehr in die Vereinigten Staaten positiv. Sie wird in einem der staatlich zugelassenen Hochrisikoisolationszentren der USA betreut.
Fallschirmabsprung auf einer Insel mit 221 Einwohnern
Tristan da Cunha liegt 2.800 Kilometer von der südafrikanischen Küste entfernt, hat keinen Flughafen und ist normalerweise nur per Schiff erreichbar, das alle paar Wochen anlegt. Am 9. Mai näherte sich ein britisches Transportflugzeug vom Typ RAF A400M dem Inselarchipel und ließ acht Personen aus rund 7.000 Fuß Höhe, etwa 2.100 Metern, über dem Atlantik ab.
Das Team umfasste sechs Angehörige der Pathfinders aus der 16 Air Assault Brigade sowie einen Arzt und eine Intensivpflegekraft. Sie brachten 3,3 Tonnen Material mit, darunter Sauerstoffflaschen für die nahezu erschöpften Reserven der Insel. Ihr Ziel war ein Mann mit Hantavirus-Verdacht, der in Isolation betreut wurde. Ob sein Fall mit dem Ausbruch auf der MV Hondius zusammenhängt, war zunächst unklar. Der Patient ist nach britischen Angaben stabil.
Die britische Regierung bezeichnete den Einsatz als bislang einmalig: Es war das erste Mal, dass ein Notfallteam per Fallschirm auf Tristan da Cunha eingesetzt wurde. Dass ein einziger Verdachtsfall auf einer Insel mit 221 Einwohnern einen Militäreinsatz dieser Art auslöst, zeigt, welche Reaktionskette der Ausbruch auf der MV Hondius ausgelöst hat: Gesundheitsbehörden weltweit sind seit Wochen alarmiert, Verdachtsfälle sofort zu melden und zu isolieren.
Rotterdam: Desinfektion eines Schiffes mit Geschichte
Die MV Hondius selbst hat Teneriffa verlassen. Mit 27 Besatzungsmitgliedern an Bord, darunter zwei Mediziner und dem Leichnam eines der deutschen Todesopfer, fährt das Schiff nach Rotterdam. Die Ankunft ist für den Abend des 17. Mai geplant. Dort beginnt eine intensive Desinfektion, die vier bis fünf Tage dauert und insbesondere die Lüftungssysteme umfasst.
Das Andes-Virus überträgt sich in erster Linie über engen Körperkontakt, nicht über Atemluft. Die Entscheidung, dennoch die Klimaanlage besonders gründlich zu reinigen, folgt dem Vorsichtsprinzip: Virale Partikel könnten in Filtersystemen zurückbleiben und künftige Besatzungen gefährden. Das Schiff gehört zu einem Anbieter von Expeditionsreisen in Polargebiete; ob und wann die Hondius wieder in Fahrt gesetzt wird, ist offen.
42 Tage Beobachtung, 56 Tage Unsicherheit
Die WHO empfiehlt für alle engen Kontaktpersonen eine Beobachtungszeit von 42 Tagen. Das entspricht dem Zeitraum, in dem nach wissenschaftlicher Literatur 95 Prozent aller Andes-Infektionen symptomatisch werden. Gezählt ab dem letzten Evakuierungstag, dem 12. Mai, bedeutet das: Bis zum 23. Juni müssen alle 122 ehemaligen Passagiere und Besatzungsmitglieder täglich von Behörden überwacht werden.
Virologische Studien zeigen allerdings, dass die maximale Inkubationszeit des Andes-Virus bis zu 56 Tage betragen kann, also acht Wochen statt sechs. Das würde den Risikoraum bis zum 7. Juli ausdehnen. Für die Gesundheitsbehörden in 19 Nationen, die täglich Kontakt zu den Evakuierten halten müssen, ist das eine erhebliche operative Last.
Parallel sequenziert ein Labor das Virus aus dem Frankreich-Fall und gleicht es mit den Virusisolaten von der Hondius ab. Wenn die Sequenzen übereinstimmen, bestätigt das, dass alle Fälle von einer einzigen Quelle stammen. Das Ergebnis wird in den nächsten Tagen erwartet. Solange es fehlt, ist die vollständige Übertragungskette unbekannt. Was feststeht: Das Andes-Virus ist der erste Hantavirus-Typ, der sich nachweislich von Mensch zu Mensch überträgt, in Europa noch kaum bekannt und damit für Notaufnahmen in Deutschland, Frankreich oder den USA ein diagnostisches Risiko. Wer sich vor Wochen auf der Hondius befand und nun mit Atemnot ins Krankenhaus kommt, muss aktiv nach dieser Reise gefragt werden, sonst wird die Diagnose nicht gestellt.
Aktualisierungen
Update 15. Mai, 07:00 Uhr: Die WHO hat für den 15. Mai eine Notfall-Wissenschaftskonsultation zum Andes-Virus einberufen, an der das WHO-R&D-Blueprint-Programm für Epidemien, das britische Gesundheitssicherheitsamt UKHSA und das internationale Bunyavirus-Forschungskonsortium CORC teilnehmen. Das R&D-Blueprint-Programm priorisiert normalerweise Erreger mit globalem Pandemiepotenzial; dass das Andes-Virus nun eine Notfallsitzung dieses Formats auslöst, markiert eine neue Stufe der internationalen Reaktion. Schwerpunkte sind Übertragungsdynamik, Evidenz zur Mensch-zu-Mensch-Übertragung sowie der Stand bei Diagnostika, Therapeutika und Impfstoffentwicklung. Die Französin in Paris liegt weiterhin an der ECMO-Maschine; seit dem 5. Mai wurden keine weiteren Todesfälle gemeldet.
Update 16. Mai, 23:05 Uhr: Die Evakuierung aller Passagiere der MV Hondius ist abgeschlossen. Am 11. Mai wurden die letzten 94 Passagiere trotz wetterbedingter Verzögerung in sieben Flügen auf acht Länder verteilt. Das Schiff wird nun am 18. Mai in Rotterdam erwartet, einen Tag später als zunächst angekündigt. Am Rotterdamer Kai sind 23 Quarantänecontainer für die verbleibende Besatzung aufgebaut worden; die philippinischen Besatzungsmitglieder, die das Schiff zuvor verlassen hatten, begannen ihre 42-tägige Quarantäne am 12. Mai in den Niederlanden. Die Fallzahl bleibt bei 11: Die noch an Bord befindliche Besatzung zeigt keine Symptome. Die US-amerikanische Gesundheitsbehörde CDC überwacht 41 Kontaktpersonen in den USA, ohne bisher einen Fall bestätigt zu haben.
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