Zweimal Nein: Hamburg lehnt Olympia ab
Gesellschaft

Zweimal Nein: Hamburg lehnt Olympia ab

Hamburg hat am 31. Mai 2026 in einem Referendum mit 54,9 Prozent gegen eine Olympia-Bewerbung gestimmt. Es war das zweite Nein in elf Jahren. Der Abstand zur Befürworterseite ist größer geworden, nicht kleiner, obwohl das IOC seine Bewerbungsregeln grundlegend reformiert hatte.

7. Juni 2026, 14:43 Uhr 712 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Elf Jahre und viele IOC-Reformen später hat Hamburg wieder Nein zu Olympia gesagt. Am 31. Mai 2026 lehnten 54,9 Prozent der Hamburgerinnen und Hamburger eine Olympia-Bewerbung ab, mehr als beim ersten Referendum 2015, als es 51,6 Prozent waren. Hamburg wird damit keine Olympischen Spiele ausrichten. Aber die Frage, die dahintersteht, ist größer als die Hansestadt: Warum lehnen deutsche Wählerinnen und Wähler Olympia immer wieder ab?

Was am 31. Mai zur Abstimmung stand

Die Hamburger Bürgerschaft hatte beschlossen, die Bevölkerung direkt zu befragen, bevor die Stadt eine formelle Bewerbung beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) einreicht. Das Referendum war keine Entscheidung für ein konkretes Jahr: Zur Abstimmung stand die grundsätzliche Frage, ob Hamburg sich um die Ausrichtung der Olympischen und Paralympischen Sommerspiele bewerben soll, für 2036, 2040 oder 2044, abhängig davon, wie weit der DOSB im IOC-Bewerbungsverfahren kommt.

Die Abstimmungsbeteiligung lag bei 49,5 Prozent, deutlich über der Beteiligung von 39,3 Prozent beim Volksentscheid zur Schulreform 2010, aber unter der bei Bürgerschaftswahlen. Das geplante Budget für eine Hamburger Olympiade: 4,8 Milliarden Euro. Nicht eingerechnet waren nach Angaben der NOlympia-Initiative die Sicherheitskosten, die bei den Pariser Spielen 2024 allein rund 1,7 Milliarden Euro betrugen.

Warum Hamburg schon 2015 Nein sagte

Das erste Hamburger Olympia-Referendum fand im November 2015 statt, als die Stadt sich um die Sommerspiele 2024 bewarb. Das Ergebnis damals: 51,6 Prozent Nein, 48,4 Prozent Ja. Der Ausgang wurde von IOC-Präsident Thomas Bach, der selbst Deutscher ist, als Warnsignal bezeichnet. Das IOC antwortete mit einem Reformprogramm: Die "Agenda 2020" und die spätere "Neue Norm" sollten die Bewerbungskosten senken, Gastgeberstädte bei der Infrastruktur flexibler machen und existierende Sportstätten stärker nutzen.

Auch in Deutschland gab es weitere Absagen. 2013 lehnten die Münchner Bürger eine Bewerbung um die Winterspiele 2022 ab, wenige Monate vor den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014, bei denen die Kosten für Russland auf umgerechnet mehr als 40 Milliarden Euro stiegen. Das Vertrauen in IOC-Kostenschätzungen war zu diesem Zeitpunkt bereits angeschlagen.

Was die Gegner konkret einwandten

NOlympia-Sprecher Eckart Maudrich sprach nach dem Ergebnis von "riesigen Lücken" im Finanzplan und davon, dass sich Hamburgerinnen und Hamburger nicht von einer millionenteuren Werbekampagne täuschen ließen. Die Gegnerschaft hatte gezielt auf die fehlenden Sicherheitskosten im Budget hingewiesen sowie auf die Erfahrungen aus anderen Gastgeberstädten, wo die Endabrechnung regelmäßig erheblich über der ursprünglichen Planung lag.

Das IOC-Reformversprechen blieb den Hamburgern abstrakt. Konkret dagegen: Paris 2024 kostete mehr als geplant, Tokio 2020 (ausgetragen 2021) ebenso. Die Neue Norm reduziert die Bewerbungsauflagen, ändert aber nichts daran, dass die Endkosten für eine Gastgeberstadt von vielen Faktoren abhängen, die zum Zeitpunkt der Bewerbung nicht bekannt sind. Hamburger Handelskammer-Präses Norbert Aust räumte nach der Abstimmung ein: "Nein, das schaffen wir wohl nicht mehr."

Bürgermeister Peter Tschentscher, der die Bewerbung als "historische Chance für Hamburg" bezeichnet hatte, akzeptierte das Ergebnis. Er bedauerte es, sagte aber, der Wille der Bevölkerung sei zu respektieren.

Was das für IOC-Reformversprechen bedeutet

Der Vergleich der beiden Hamburger Referenden ist für das IOC unangenehm. 2015: 51,6 Prozent Nein. 2026: 54,9 Prozent Nein. Die Ablehnung ist in elf Jahren um 3,3 Prozentpunkte gestiegen, obwohl das IOC in diesem Zeitraum zahlreiche Reformen verabschiedete, die explizit die öffentliche Akzeptanz in westlichen Demokratien verbessern sollten. Das Gegenteil ist eingetreten.

Das strukturelle Problem ist, dass Olympische Spiele nach wie vor massive staatliche Quersubventionierungen erfordern. Sicherheit, Verkehr, Unterkunft und Parallelinfrastruktur müssen die Gastgeberstadt finanzieren, nicht das IOC. Und die Kosten für diese Posten skalieren mit der Größe der Spiele, nicht mit der politischen Absichtserklärung des Verbands.

München und Rhine-Ruhr übernehmen das Rennen

Hamburgs Ausstieg ändert nichts daran, dass Deutschland grundsätzlich Interesse an einer Olympia-Bewerbung signalisiert hat. Der DOSB führt Gespräche mit weiteren Kandidaten: München, die Rhein-Ruhr-Region sowie Berlin haben sich als potenzielle Standorte in die Diskussion gebracht. München hat dabei eine eigene Geschichte: Die Winterspiele-Bewerbung für 2022 wurde 2013 per Referendum abgelehnt und 1972 richtete die Stadt die Sommerspiele aus, die durch den Terroranschlag auf die israelische Mannschaft in die Geschichte eingingen.

Ob und welche deutsche Stadt eine erfolgversprechende Bewerbung aufbaut, entscheidet der DOSB in den nächsten Jahren. Klar ist: Der DOSB wird nach zweimaligem Hamburger Nein und dem Münchner Nein von 2013 gut überlegen, bevor er eine Volksbefragung in den Bewerbungsprozess einbaut. Die demokratische Legitimation durch Referendum hat sich als riskantes Instrument erwiesen, wenn die öffentliche Skepsis gegenüber Olympia-Kosten die Bereitschaft überwiegt, globale Sportgäste willkommen zu heißen.

Quellen (8)

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