Andes-Virus reist mit: Frankreich-Fall nach Evakuierung
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Andes-Virus reist mit: Frankreich-Fall nach Evakuierung

Eine evakuierte Passagierin der MV Hondius testete in Frankreich positiv auf das Andes-Virus, ihr Zustand verschlechtert sich. Der Ausbruch endet nicht im Hafen von Teneriffa: 150 Menschen aus Dutzenden Nationen sind jetzt bis zu sechs Wochen lang zu beobachten.

11. Mai 2026, 17:03 Uhr 1043 Wörter · 6 Min. Lesezeit

Am 10. Mai legte die MV Hondius im Hafen Granadilla de Abona auf Teneriffa an, nach wochenlanger Odyssee über den Atlantik. Die Evakuierungen liefen sofort an, am 11. Mai hatten mehr als 140 Passagiere und Besatzungsmitglieder das Schiff verlassen. Doch eine Meldung zeigt, dass das Ende der Evakuierung nicht das Ende des Ausbruchs bedeutet: Eine Französin, die das Schiff bereits früher verlassen hatte, testete in Frankreich positiv auf das Andes-Virus, ihr Zustand verschlechterte sich. Das Virus ist nicht in Teneriffa geblieben.

Evakuierung abgeschlossen, Beobachtungsphase beginnt

Das Schiff trug rund 150 Passagiere und Besatzungsmitglieder. Am ersten Evakuierungstag, dem 10. Mai, verließen 94 Menschen aus 19 Nationen die MV Hondius unter medizinischer Aufsicht. Am 11. Mai liefen die Ausschiffungen weiter, bis schließlich alle Verbliebenen an Land waren. Vier deutsche Staatsbürger flogen über Amsterdam nach Frankfurt und wurden in häusliche Quarantäne entlassen. Ein Berliner wurde direkt zur Charité transportiert. US-amerikanische Passagiere flogen nach Nebraska, wo die University of Nebraska Medical Center eines der wenigen staatlich zugelassenen Hochrisikoisolationszentren der USA betreibt.

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt für alle engen Kontakte eine Beobachtungszeit von 42 Tagen. Das entspricht jenem Zeitraum, in dem nach Stand der wissenschaftlichen Literatur 95 Prozent aller Infektionen mit dem Andes-Virus symptomatisch werden. Wer sich am 11. Mai noch an Bord aufhielt, steht damit bis zum 22. Juni unter Beobachtung. In dieser Zeit müssen Gesundheitsbehörden in mindestens 19 Nationen täglich den Zustand ehemaliger Passagiere prüfen.

Die Frankreich-Patientin: Wie weit das Virus trägt

Der Fall aus Frankreich verändert die Lageeinschätzung. Frankreichs Gesundheitsministerin Stéphanie Rist bestätigte, dass eine Frau, die das Schiff bereits verlassen hatte, in Frankreich positiv auf das Andes-Virus getestet wurde. Ihr Zustand habe sich über Nacht verschlechtert.

Damit ist eingetreten, was Epidemiologen von Beginn an befürchteten: Die Inkubationszeit des Andes-Virus beträgt ein bis acht Wochen. Menschen, die sich an Bord infizierten, aber noch keine Symptome entwickelt haben, kehren scheinbar gesund in ihre Heimatländer zurück. Dort angekommen, erkranken sie. Die Frage ist nun, wie viele weitere Fälle in den kommenden Wochen noch auftreten werden.

Die offiziellen Zahlen der WHO stehen bei sechs laboratorisch bestätigten Fällen und zwei Verdachtsfällen, drei davon mit tödlichem Ausgang: ein niederländisches Ehepaar und eine deutsche Staatsbürgerin. Der französische Fall kommt zu dieser Zahl hinzu. Ob er in den offiziellen WHO-Bericht eingeflossen ist, war zunächst unklar.

RKI-Chef Schaade und der Vergleich mit Corona

RKI-Präsident Lars Schaade trat am 11. Mai medial in Erscheinung, um Alarmismus zu dämpfen. „Das ist ein völlig anderes Virus, die Gefahr ist überhaupt nicht vergleichbar“, sagte er. Das Andes-Virus sei seit Langem bekannt und lasse sich daher gut einschätzen. „Das ist kein Virus, das sich ausbreitet.“

Schaades Einschätzung deckt sich mit dem wissenschaftlichen Konsens. Das Andes-Virus überträgt sich nicht über Atemluft wie Influenza oder SARS-CoV-2, sondern nur bei sehr engem körperlichem Kontakt, in der Regel innerhalb von Paarbeziehungen. Auf dem Schiff scheint sich das Virus von den zuerst infizierten Passagieren auf deren enge Kontaktpersonen übertragen zu haben, nicht weiter. An Bord galten strikte Quarantäneregeln: Kabinenpflicht, Einzelausgang, kein Gemeinschaftsbetrieb.

Was Schaades Beruhigung nicht auflöst, ist das operative Problem, das der Frankreich-Fall aufwirft. Das Andes-Virus ist in Europa und Nordamerika kein bekanntes Krankheitsbild. Internisten und Notaufnahmen in Deutschland, Frankreich oder den USA haben dieses Virus in der Regel noch nie behandelt. Behandlungsstandards aus Argentinien und Chile, wo das Virus endemisch vorkommt, sind kaum in europäische Leitlinien übersetzt. Wer in Frankreich oder Deutschland mit Atemnot ins Krankenhaus kommt und drei Wochen zuvor auf der MV Hondius war, muss aktiv nach dem Andes-Virus gefragt werden, sonst wird die Diagnose nicht gestellt.

Das ist kein theoretisches Problem: Bei den ersten Todesfällen an Bord der MV Hondius vergingen nach WHO-Angaben Tage, bevor Hantavirus als Ursache in Betracht gezogen wurde. Die Passagiere hatten Fieber und gastrointestinale Beschwerden, die initial nicht auf einen Virus hinwiesen, der fast ausschließlich in Südamerika vorkommt.

Sechs Wochen bis zur Entwarnung

Der Frankreich-Fall wirft auch eine technische Frage auf: Die WHO-Empfehlung lautet 42 Tage Beobachtung, die maximale Inkubationszeit des Andes-Virus beträgt laut virologischer Literatur aber bis zu 56 Tage, also acht Wochen. Das Delta von zwei Wochen bedeutet, dass eine vollständige Risikofreiheit erst Anfang Juli erreichbar wäre, nicht Ende Juni.

Ob die Sequenzierung der Virusproben aus dem Frankreich-Fall dieselbe Virus-Variante wie auf dem Schiff ergibt, ist noch offen. Wenn die Sequenzen übereinstimmen, handelt es sich um einen Ausläufer derselben Quelle. Wenn nicht, würde das auf eine zweite, unabhängige Einschleppung hindeuten, was Virologen für unwahrscheinlich halten. Das Ergebnis wird in den nächsten Tagen erwartet.

Der Ausbruch auf der MV Hondius ist der weltweit erste bekannte Fall eines Hantavirus-Clusters auf einem Kreuzfahrtschiff. Er zeigt, wie globale Mobilität Erreger verbreitet, die eigentlich geografisch eng begrenzt sind. Das Andes-Virus kann sich nach dieser Fallstudie auf einem Schiff von einer Quelle ausbreiten, Menschen über den Atlantik begleiten und schließlich in einem dritten Land manifest werden. Das ändert nichts an Schaades Beurteilung der Pandemiefähigkeit. Es ändert viel an der Frage, wie Gesundheitsbehörden weltweit auf Ausbrüche an Bord reagieren müssen.

Update 12. Mai, 17:05 Uhr: Die Evakuierung der MV Hondius wurde am 12. Mai abgeschlossen: Als letzte Gruppe verließen 28 Menschen das Schiff, das daraufhin mit 27 Besatzungsmitgliedern und dem Leichnam einer der drei Todesopfer Kurs auf Rotterdam nahm. Ankunft ist für den Abend des 17. Mai geplant, dort soll eine mehrtägige Desinfektion folgen. Gleichzeitig wurden neue Fälle außerhalb des Schiffes bekannt: Eine US-amerikanische Passagierin testete nach Rückkehr in die USA positiv auf das Andes-Virus. Damit steigt die Gesamtzahl nach WHO-Stand auf mindestens sieben bestätigte Infektionen. Der Verlauf bestätigt das zuvor beschriebene Muster: Infizierte verlassen das Schiff ohne Symptome und erkranken erst Tage später in ihren Heimatländern, was die 42-tägige Beobachtungszeit für alle rund 150 ehemaligen Passagiere und Besatzungsmitglieder unterstreicht.

Update 12. Mai, 23:04 Uhr: Das Europäische Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) hat die Gesamtzahl der Fälle mit Stand 12. Mai auf 11 aktualisiert: neun bestätigte Infektionen mit dem Andes-Virus und zwei wahrscheinliche Fälle. Damit werden mehr Infektionen erfasst als die sieben bestätigten Fälle, die der WHO-Lagebericht vom 7. Mai ausgewiesen hatte; die Differenz erklärt sich aus einem breiteren Erfassungsrahmen (bestätigt plus wahrscheinlich) und aus zwischenzeitlich neu aufgetretenen Fällen. Von den drei Todesopfern gelten nach ECDC-Angaben zwei als bestätigte Hantavirus-Todesfälle, einer als wahrscheinlicher Fall. Das ECDC hat eine eigene Schnellrisikobeurteilung zur Passagierverwaltung veröffentlicht und bewertet das Risiko für die allgemeine Bevölkerung im EU/EWR-Raum weiterhin als sehr gering.

Quellen (13)

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