Aids auf dem Rückzug: 40 Prozent weniger Infektionen
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Aids auf dem Rückzug: 40 Prozent weniger Infektionen

Seit 2010 sind neue HIV-Infektionen weltweit um 40 Prozent gesunken. In Subsahara-Afrika war der Rückgang sogar 56 Prozent, bei Kindern 62 Prozent. Der UNAIDS-Jahresbericht 2025 dokumentiert damit einen der größten Erfolge der globalen Gesundheitsgeschichte.

3. Juni 2026, 17:06 Uhr 875 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Seit 2010 sind neue HIV-Infektionen weltweit um 40 Prozent gesunken: von 2,2 Millionen auf 1,3 Millionen im Jahr 2024. Der UNAIDS-Jahresbericht 2025 beschreibt damit einen der größten Erfolge der modernen Medizin. Zum ersten Mal seit dem Höhepunkt der Epidemie verliert das Virus in fast allen Weltregionen gleichzeitig an Boden.

1984 bis 2024: Vier Jahrzehnte bis zum Wendepunkt

Als 1984 das HI-Virus als Ursache von Aids identifiziert wurde, gab es keine Behandlung, keine Prävention und keine verlässlichen Zahlen über die Verbreitung. Der Höhepunkt der Pandemie kam zwanzig Jahre später: 2004 starben weltweit 2,1 Millionen Menschen an Aids-bedingten Erkrankungen und jedes Jahr infizierten sich damals noch über drei Millionen Menschen neu.

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Die erste entscheidende Wende kam 1996: Die Einführung der kombinierten antiretroviralen Therapie (ART), der sogenannten Dreifachtherapie, verwandelte HIV von einer Todesdiagnose in eine beherrschbare chronische Erkrankung. Der zweite Wendepunkt war 2003: Die USA starteten mit dem President's Emergency Plan for AIDS Relief (PEPFAR) das damals größte Programm zur Bekämpfung einer einzelnen Krankheit in der Geschichte, mit einem Startbudget von 15 Milliarden Dollar. Unter internationalem Druck senkten Pharmahersteller gleichzeitig die Preise für ART-Generika, sodass Jahresbehandlungen für unter 100 Dollar möglich wurden.

40 Prozent weniger Infektionen: Was die Zahlen bedeuten

Laut UNAIDS-Factsheet 2025 gingen die jährlichen Neuinfektionen von 2,2 Millionen im Jahr 2010 auf 1,3 Millionen im Jahr 2024 zurück. Besonders deutlich ist die Entwicklung in Subsahara-Afrika: Dort, wo traditionell mehr als die Hälfte aller weltweiten Neuinfektionen auftraten, sank die Zahl um 56 Prozent.

Der stärkste Fortschritt betrifft Kinder. 2010 infizierten sich weltweit 310.000 Kinder neu mit HIV; 2024 waren es noch 120.000, ein Rückgang um 62 Prozent. Möglich wurde das vor allem durch zwei Maßnahmen: antiretrovirale Therapie für schwangere Frauen mit HIV, die das Übertragungsrisiko auf das Kind von rund 30 auf unter ein Prozent senkt und die Ausweitung von HIV-Tests in der Schwangerenvorsorge, die in Ländern wie Kenia und Südafrika inzwischen Standard ist.

Aids-bedingte Todesfälle sanken seit dem Höchststand 2004 um 70 Prozent: von 2,1 Millionen auf rund 630.000 im Jahr 2024. Für Menschen mit HIV, die Zugang zu moderner ART haben, liegt die Lebenserwartung heute nahezu auf dem Niveau der Allgemeinbevölkerung.

Zwei Einschränkungen gehören zur vollständigen Einordnung. Erstens: Weltweit leben heute laut UNAIDS 40,8 Millionen Menschen mit HIV. Die Zahl ist seit 2010 gestiegen, weil die Therapien die Sterblichkeit so drastisch gesenkt haben, dass Infizierte jahrzehntelang weiterleben. Das erfordert dauerhaft finanzierte Gesundheitssysteme. Zweitens: Der Fortschritt ist ungleich verteilt. In Teilen Osteuropas und Zentralasiens stagniert der Rückgang, weil Stigmatisierung und Drogenkonsum-Epidemien den Zugang zu Tests und Therapie behindern. Laut UNAIDS weiß noch immer jede siebte Person mit HIV nicht, dass sie infiziert ist.

Pocken, Polio, Hepatitis C: Was andere Erfolge lehren

Die HIV-Bekämpfung reiht sich in eine Serie globaler Gesundheitserfolge ein, die zeigen, was möglich ist, wenn internationale Koordination und ausreichend Finanzierung zusammentreffen.

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Den größten Erfolg hat die Menschheit bei den Pocken erreicht. Die WHO erklärte sie 1980 für ausgerottet, nach einer dreizehn Jahre dauernden globalen Impfkampagne. Das Virus hatte im 20. Jahrhundert rund 300 Millionen Menschen getötet. Pocken sind die einzige Menschheitskrankheit, die je vollständig eliminiert wurde.

Polio zeigt, wie weit Fortschritt gehen kann und woran er scheitert. 1988 registrierte die WHO noch rund 350.000 neue Polio-Fälle pro Jahr weltweit. Durch die Global Polio Eradication Initiative, an der die WHO, UNICEF und Rotary International beteiligt sind, sank die Zahl bis 2024 auf unter 30 Fälle in den verbliebenen Endemiegebieten Pakistan und Afghanistan. Hürde sind bewaffnete Konflikte und Impfskepsis in einzelnen Regionen.

Hepatitis C zeigt, was passiert, wenn kein Impfstoff existiert, aber eine Heilung möglich ist. Seit 2014 ermöglichen direkte antivirale Wirkstoffe (DAAs) eine Heilungsrate von über 95 Prozent. Weltweit sind noch rund 50 Millionen Menschen chronisch mit Hepatitis C infiziert; die WHO hat das Ziel formuliert, die Erkrankung bis 2030 als öffentliche Gesundheitsbedrohung zu eliminieren.

Das gemeinsame Muster: Keiner dieser Erfolge entstand spontan. Alle drei erforderten internationale Koordination, massive Finanzierung und den politischen Willen, Medikamente zu erschwinglichen Preisen zugänglich zu machen.

Bei diesem Tempo: unter 500.000 Infektionen bis 2030

UNAIDS hat für 2030 das sogenannte 95-95-95-Ziel definiert: 95 Prozent der Menschen mit HIV sollen ihren Status kennen, 95 Prozent davon sollen in Behandlung sein und bei 95 Prozent der Behandelten soll die Viruslast so niedrig sein, dass das Virus nicht mehr übertragbar ist. Stand 2024 liegt die Welt bei 86-89-93. Die letzten Prozentpunkte sind erfahrungsgemäß die schwersten, weil sie die am schwierigsten erreichbaren Bevölkerungsgruppen betreffen.

Wenn das aktuelle Tempo anhält, könnten neue Infektionen bis 2030 auf unter 500.000 pro Jahr sinken. Zum Vergleich: 1990 infizierten sich weltweit noch über drei Millionen Menschen jährlich. Eine Ausrottung des Virus wie bei den Pocken ist ohne wirksamen Impfstoff nicht möglich; klinische Studien zu mehreren mRNA-basierten HIV-Impfstoffkandidaten laufen derzeit.

Bis dahin hängt der Fortschritt an dauerhafter Finanzierung. PEPFAR, das zentrale US-Programm mit einem Jahresbudget von rund sieben Milliarden Dollar, hat in den vergangenen Jahren wiederholt um seine Haushaltsmittel kämpfen müssen. Ob die Fortschritte der letzten vierzehn Jahre gehalten werden, entscheidet sich nicht im Labor, sondern in Haushaltsdebatten.

Quellen (9)

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