Russland unter Druck: Was Putins Mai-Bilanz verrät
Der 21. Mai 2026 war für Russland einer der teuersten Dienstage seit Beginn des Krieges. Ukrainische Spezialkräfte der SBU-Eliteeinheit Alpha griffen das FSB-Hauptquartier im Dorf Henicheska Hirka im von Russland besetzten Teil der Oblast Cherson an. Rund 100 russische Soldaten wurden getötet oder verwundet, ein Pantsir-S1-Luftabwehrsystem im Wert von bis zu 20 Millionen Dollar wurde zerstört. Der Angriff ist der jüngste Punkt in einer Reihe von Ereignissen im Mai 2026, die Russlands Position in diesem Krieg anders erscheinen lassen als noch vor einem Jahr.
9. Mai: Die Parade als Spiegel
Am 9. Mai 2026, dem 81. Jahrestag des sowjetischen Sieges über Nazideutschland, dauerte die Militärparade auf dem Roten Platz 45 Minuten. In früheren Jahren hatte die Parade regelmäßig 90 Minuten oder länger gedauert. Erstmals seit 2008 fuhren keine Panzer, keine Raketenwerfer, keine Interkontinentalraketen über das Pflaster vor dem Kreml. Schweres Gerät war nur auf Videobildschirmen zu sehen. Der «Zug der Unsterblichen», bei dem Millionen Russen Fotos gefallener Verwandter durch die Straßen tragen, wurde abgesagt.
Nur fünf ausländische Staatsoberhäupter nahmen teil. Armeniens Premierminister Nikol Paschinjan blieb demonstrativ fern, nachdem er kurz zuvor EU-Vertreter und Selenskyj empfangen hatte. Paschinjan ist formal noch Mitglied der von Russland geführten Sicherheitsorganisation OVKS, signalisiert aber seit dem Karabachkrieg 2023 zunehmende Distanz zu Moskau.
Grund für die abgespeckte Parade war nicht Bescheidenheit. Putin hatte Trump kurz zuvor um eine Waffenstillstandsvereinbarung für den Feiertag gebeten, weil er ukrainische Drohnenangriffe auf die Veranstaltung fürchtete. Dass der russische Präsident einen US-Amerikanischen Vermittler bitten muss, um eine Feier im Herzen Moskaus sicher zu gestalten, bezeichnete der Atlantic Council als Zeichen dafür, dass der Kreml «nicht mehr Herr des eigenen Schicksals» sei.
April bis 21. Mai: Die Front dreht sich
Russlands Frühjahrsoffensive, mit der Moskau die Stadt Kostjantyniwka im Donbas einnehmen wollte, ist im Mai gescheitert. Das Institut für Kriegsstudien (ISW) dokumentiert, dass das tägliche Vorrückstempo russischer Truppen von 9,7 auf 2,9 Quadratkilometer fiel. Im Zeitraum vom 21. April bis zum 19. Mai verlor Russland netto 69 Quadratmeilen zuvor gewonnenen Terrains.
Russland setzte dem eine Eskalation der Drohnenangriffe entgegen: Im April 2026 feuerte Moskau rund 6.800 Drohnen ab, einen der höchsten Monatswerte seit Kriegsbeginn. Tatsächlich traf einer dieser Angriffe in der Nacht zum 21. Mai das Gebäude der ukrainischen Ministerratssitzungen in Kyjiw und tötete vier Menschen, obwohl die ukrainische Luftabwehr 652 von 675 Drohnen und 41 von 56 Marschflugkörpern abschoss. Die ukrainische Luftabwehr schoss 652 von 675 Drohnen und 41 von 56 Marschflugkörpern ab.
Zeitgleich verstärkt die Ukraine ihre eigenen Tiefschläge. Am 17. Mai traf eine ukrainische Drohne eine Ölraffinerie bei Moskau. Am 21. Mai zerstörte die Alpha-Einheit das Pantsir-S1-System in Cherson. Die SBU gab an, ihre Spezialoperationen hätten damit einen erheblichen Teil der russischen Kurzstreckenluftabwehr im besetzten Territorium vernichtet.
Frühjahr 2026: Wirtschaft unter Kriegslast
Das russische Bruttoinlandsprodukt schrumpfte im ersten Quartal 2026 um 0,3 Prozent. Das Wirtschaftsministerium in Moskau korrigierte die Wachstumsprognose für das Gesamtjahr von 1,3 auf 0,4 Prozent. Die liquide Komponente des Nationalfonds für nationales Wohlbefinden, Russlands wichtigstes Finanzpolster, schrumpfte von 9,73 Billionen Rubel im Februar 2022 auf 3,89 Billionen Rubel im März 2026. Der Leitzins liegt bei rund 16 Prozent, die Inflation verharrt bei 5,2 Prozent.
Das Budgetdefizit weitet sich aus, während die Kriegsausgaben weiter steigen. Meduza und die Moscow Times berichten, dass russische Wirtschaftseliten zunehmend Vermögensumverteilungen durch den Staat fürchten. Der Wohlstandsfonds war ursprünglich als Puffer für Ölpreisschocks gedacht, dient seit 2022 aber vor allem der Kriegsfinanzierung.
Was russische Umfragen zeigen
Das Levada-Zentrum, das unabhängigste Meinungsforschungsinstitut Russlands, veröffentlichte im April 2026 Zahlen, die auch innerhalb Russlands aufmerksam gelesen wurden: Putins Zustimmungswert lag bei 79 bis 80 Prozent, dem niedrigsten Stand seit November 2022. Bedeutsamer als die Gesamtzustimmung ist die Frage nach dem Krieg selbst: 66 Prozent der befragten Russen befürworten Friedensverhandlungen, nur noch 25 Prozent eine Fortsetzung des Krieges, beides historische Extremwerte: der höchste Friedenswillen und die niedrigste Kriegsunterstützung seit Februar 2022.
Das ZDF befragte im Mai vierzehn Russen aus verschiedenen Regionen des Landes. Die Gesprächspartner beschrieben wachsenden Alltagsdruck durch Inflation, die Abwesenheit von Männern aus ihrem sozialen Umfeld und eine Stimmung, in der offene Kritik zu gefährlich sei. Ukrainische Drohnenangriffe tief im russischen Hinterland, darunter Treffer in der Moskauer Region, machten das Narrativ, der Krieg finde weit entfernt statt, zunehmend unhaltbar.
Die nötige Gegenperspektive
Westliche Analysten warnen jedoch ausdrücklich vor einer Fehlinterpretation dieser Signale. Foreign Policy schrieb am 12. Mai 2026 in einer viel beachteten Analyse: Putin habe nach 25 Jahren an der Macht ein System aufgebaut, das interne Unzufriedenheit überleben könne. Elitenfriktionen und sinkende Umfragewerte führten nicht automatisch zu Machtverlust. Das Magazin nannte das «Schwächenarrative» einen möglichen Strategiefehler der westlichen Analyse.
Das War on the Rocks Institute ergänzte, Regimestabilität hänge in Russland nicht von militärischen Siegen ab: Putin habe seinen eigenen Herrschaftsanspruch nie auf einen Sieg in der Ukraine gestützt, sondern auf Kontrolle der staatlichen Institutionen. Solange Geheimdienste, Nationalgarde und Staatsmedien funktionierten, seien äußere Schwächezeichen kein Beleg für innere Instabilität.
Was der 27. Mai zeigen wird
Am 27. Mai treffen sich die EU-Außenminister im zypriotischen Limassol, um über einen möglichen Verhandlungsrahmen für die Ukraine zu diskutieren. Das Treffen ist das erste seiner Art mit diesem konkreten Tagesordnungspunkt seit Monaten. Ob aus Limassol ein diplomatisches Signal entsteht, hängt davon ab, ob sich die EU-Außenminister auf Mindestbedingungen einigen können, die Russland akzeptieren müsste.
Für Putin bedeutet dieser Kontext ein Paradox: Jedes westliche Verhandlungsangebot stärkt innenpolitisch sein Narrativ, Russland sei zum Frieden bereit. Jede Ablehnung bestätigt das Bild des belagerten Russlands, das er seit Jahren zeichnet. Die Schwächezeichen des Mai 2026 verändern dieses Kalkül nicht sofort, sie verschieben aber langsam die Verhandlungsausgangslage, von der aus ein möglicher Frieden ausgehandelt werden müsste.
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