Huthis greifen Aramco-Raffinerie in Jazan an
Satellitenbilder des NASA-Feuererkennungssystems FIRMS zeigen am Samstagmorgen fünf Thermoanomalien auf dem Gelände des Saudi-Aramco-Komplexes in Jazan. Mindestens fünf Explosionen erschütterten die Küstenstadt nahe der jemenitischen Grenze, Flüge wurden in Warteschleifen gehalten oder umgeleitet. Mit dem Angriff auf die Raffinerie hat die Huthi-Miliz erstmals seit dem Wiederaufflammen des Konflikts im Juli eine saudische Öl-Infrastruktur auf dem Festland getroffen.
Angriff auf Jazan und abgefangene Raketen über Yanbu
Die Houthis bekannten sich am frühen Samstagmorgen zu einem kombinierten Raketen- und Drohnenangriff auf die Aramco-Raffinerie in Jazan. Dichte Rauchwolken stiegen über dem Industriekomplex auf; Videos, die auf sozialen Netzwerken kursierten, zeigten mehrere separate Brandsäulen über dem Anlagegelände. Der saudi-arabische Zivilschutz rief die Bevölkerung der Provinzen Jazan und Yanbu um 6:10 Uhr Ortszeit zur Schutzsuche auf. Rund eine Stunde später erklärte die Behörde, die Gefahr sei vorüber. Offizielle Angaben zu Sachschäden oder Verletzten lagen bis Samstagvormittag nicht vor.
Parallel zum Angriff auf Jazan wehrte die saudische Luftverteidigung zwei ballistische Raketen ab, die auf Ölanlagen in Yanbu zielten. Yanbu liegt rund 930 Kilometer nordwestlich von Jazan direkt an der Rotmeerküste und ist Saudi-Arabiens bedeutendster Rohölexportterminal in der Region. Analysten der Internationalen Energieagentur hatten in ihrer Juli-Einschätzung darauf hingewiesen, dass Yanbu neben Ras al-Khair der letzte voll funktionsfähige saudische Exportkanal bleibt, solange die Straße von Hormus durch den Iran-USA-Krieg blockiert ist.
Die Jazan-Raffinerie ist eine der größten integrierten Anlagen dieser Art weltweit. Saudi Aramco investierte nach eigenen Angaben 21 Milliarden Dollar in den Komplex, der täglich bis zu 400.000 Barrel Rohöl verarbeiten kann. Das entspricht rund vier Prozent der gesamten Aramco-Produktionskapazität. Auf dem Gelände befindet sich außerdem die weltgrößte industrielle Gasanlage. Die Raffinerie ist Herzstück der Jazan Economic City, einer Sonderwirtschaftszone, die Saudi-Arabien im Rahmen von Vision 2030 aufgebaut hat.
Sieben Tage Eskalation: Von Sanaa bis Jazan
Der Angriff ist das vorläufige Ende einer Eskalationskette, die am 13. Juli begann. An diesem Tag griffen Kräfte der von Saudi-Arabien gestützten jemenitischen Gegenregierung den Flughafen Sanaa an, als ein iranisches Flugzeug mit einer Huthi-Delegation im Anflug war. Die Houthis machten Riad direkt verantwortlich und kündigten Vergeltung an.
Am 20. Juli erklärte Huthi-Militärsprecher Yahya Saree eine sofortige maritime Blockade gegen Saudi-Arabien. Er schloss Schiffe unter saudischer Flagge oder mit Kurs auf saudische Häfen explizit ein. Zwischen dem 22. und 23. Juli beschossen Huthi-Kämpfer zwei saudische Öltanker im Roten Meer. Der Angriff schlug unmittelbar auf die Ölmärkte durch: Brent-Rohöl stieg um mehr als sechs Prozent auf über 100 Dollar pro Barrel, die erste dreistellige Marke seit Mai.
Am 24. Juli antwortete die saudi-arabische Koalition mit Luftschlägen auf Huthi-Militärstellungen im Hafen von Hodeidah. Al-Masirah TV, der Houthi-nahe Sender, meldete Treffer auf Telekommunikationseinrichtungen in der Stadt. Die Koalition erklärte, zivile Hafenanlagen seien nicht betroffen. Houthi-Vertreter kündigten eine Reaktion der „Eskalation auf Eskalation“ an. Der Angriff auf Jazan am 25. Juli ist diese Reaktion.
Trumps Reaktion und ein angekündigter Großangriff
US-Präsident Donald Trump erklärte, die USA würden Iran für alle künftigen Huthi-Angriffe auf Schiffe haftbar machen. Gegenüber dem Portal Axios sagte Trump, er erwäge einen „massiven Angriff“ auf den Iran, „größer als je zuvor“ und sei kurz davor, eine Entscheidung zu treffen. Das Weiße Haus bestätigte den Bericht, ohne Details zu nennen.
Bereits am 24. Juli hatten die USA erstmals seit der Wiederaufnahme der Kampfhandlungen am 8. Juli strategische B-1-Langstreckenbomber gegen iranische Ziele eingesetzt. Trump hat die Reaktionsregel öffentlich gemacht: Jeder Angriff auf Schiffe in der Straße von Hormus zieht einen US-Gegenschlag aus. Ob das Weiße Haus diese Formel auf Huthi-Angriffe auf saudisches Festland ausweitet, ist bisher unklar.
Iran bestreitet eine direkte Befehlsverantwortung für Huthi-Operationen. Westliche Geheimdienste gehen davon aus, dass Teheran die Miliz mit Waffen, Training und Finanzierung unterstützt. Außenminister Abbas Araghtschi bezeichnete Huthi-Operationen wiederholt als „unabhängige Entscheidungen des jemenitischen Widerstands“.
Nach dem ersten Festlandangriff: Aramco im Fadenkreuz
Saudi-Arabien hat den Jazan-Angriff bis Samstagvormittag nicht offiziell kommentiert. Riad befindet sich in einer strategischen Zwangslage: Das unter chinesischer Vermittlung 2023 mit den Houthis geschlossene Waffenstillstandsabkommen hatte direkte Kampfhandlungen jahrelang verhindert. Eine militärische Reaktion auf die Jazan-Angriffe würde diese Vereinbarung faktisch beenden.
Für die Ölmärkte hat der Angriff eine neue Risikoebene geschaffen. Bisher galten Huthi-Operationen als Bedrohung für Seerouten. Die Raffinerie in Jazan ist ein Landziel, 21 Milliarden Dollar teuer und vier Prozent der saudischen Verarbeitungskapazität. Wie schwer der tatsächliche Schaden ist, wird Aramco voraussichtlich in den nächsten Stunden mitteilen. Am Montag werden die Ölmärkte erstmals auf den Angriff reagieren.
Für die Houthis signalisiert der Angriff die Bereitschaft, die Eskalation über maritime Operationen hinauszutreiben. Die Miliz hat in der Vergangenheit wiederholt Präzisionsraketen und Drohnen eingesetzt, um saudische Luftverteidigung zu überlisten. Dass gleichzeitig zwei Raketen auf Yanbu abgefeuert wurden, die zwar abgefangen wurden, aber die Anlage als Ziel markierten, deutet auf eine koordinierte zweigleisige Angriffsstrategie hin.
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