29 Prozent Ansprechen: Neue Krebstherapie aus Dresden
Patienten mit fortgeschrittenen soliden Tumoren haben häufig keine Therapieoptionen mehr, wenn Chemotherapie und Immuntherapie versagt haben. Für eine Untergruppe von ihnen zeigt jetzt eine Phase-1-Studie einen möglichen Weg. Forscher des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen (NCT/UCC) an der Universitätsklinik Dresden haben auf dem Jahreskongress der American Society of Clinical Oncology (ASCO) am 31. Mai 2026 in Chicago Daten zu IMA401 vorgestellt, einem bispecifischen T-Zell-Binder des Tübinger Unternehmens Immatics. Die Studie wurde gleichzeitig in Nature Medicine veröffentlicht. Bei Kopf-Hals-Tumoren zeigte die Therapie eine bestätigte Ansprechrate von 29 Prozent, bei Patienten, die zuvor mehrere andere Therapien erhalten hatten und die alle versagt hatten.
Warum solide Tumoren die härtere Aufgabe sind
Die Immuntherapie hat in den vergangenen zehn Jahren Blutkrebs revolutioniert. CAR-T-Zellen, die genetisch veränderte körpereigene Immunzellen, erreichen bei bestimmten B-Zell-Leukämien Ansprechraten von über 80 Prozent und haben Patienten gerettet, für die alle anderen Optionen erschöpft waren. Bei soliden Tumoren dagegen haben CAR-T-Zellen bisher kaum gewirkt.

Der Grund liegt im Tumor selbst: Solide Karzinome entwickeln ein feindseliges Mikromilieu, das eingedrungene Immunzellen abweist oder in einen erschöpften Zustand drängt. Zudem ist es schwierig, Antigene zu finden, die auf dem Tumor, aber nicht auf gesundem Gewebe sitzen. Angriffe auf gesundes Gewebe wären gefährlich. IMA401 umgeht dieses Problem, indem es ein Antigen ansteuert, das auf gesunden erwachsenen Zellen kaum vorkommt: die Krebshoden-Antigene MAGEA4 und MAGEA8.
Was IMA401 anders macht
IMA401 ist kein Antikörper im klassischen Sinn und keine CAR-T-Zelle, sondern ein bispecifischer T-Zell-Rezeptor (TCER). Das Molekül hat zwei Bindearme: Einer greift das MAGEA4/8-Antigen auf der Krebszelle, der andere bindet den T-Zell-Rezeptor auf zytotoxischen T-Lymphozyten. Das bringt körpereigene Killerzellen direkt in Kontakt mit den Krebszellen, ohne dass die T-Zellen vorher im Labor verändert werden müssen wie bei CAR-T.
Im Phase-1-Studiendesign wurden laut den Autoren 61 Patienten mit rezidivierenden oder refraktären soliden Tumoren behandelt, verteilt auf mehr als 15 Tumortypen. Bei der empfohlenen Phase-2-Dosis, allein oder kombiniert mit dem Checkpoint-Inhibitor Pembrolizumab, zeigten sich in der Subgruppe der Kopf-Hals-Tumoren 4 von 14 Patienten als Responder: Das entspricht einer bestätigten Ansprechrate von 29 Prozent. Die Krankheitskontrollrate lag bei 64 Prozent. Die mediane Ansprechdauer betrug 8,8 Monate. Besonders auffällig: Alle ansprechenden Patienten zeigten Tumorverkleinerungen von 60 bis 100 Prozent. Die Verträglichkeit war laut Studiendaten günstig; schwere Neurotoxizität (ICANS) wurde nicht beobachtet.
Im Vergleich: Checkpoint-Inhibitoren und die Grenzen des Bestehenden
Checkpoint-Inhibitoren wie Nivolumab und Pembrolizumab wurden ab 2014 zugelassen und haben in vielen Tumortypen die Behandlung verändert. Bei rezidiviertem Kopf-Hals-Plattenepithelkarzinom erreicht Pembrolizumab als Monotherapie nach Versagen einer platinbasierten Chemotherapie Ansprechraten von etwa 15 bis 16 Prozent, wie die KEYNOTE-012-Studie gezeigt hat. Das ist für eine fortgeschrittene Situation bedeutsam, aber mehr als die Hälfte der Patienten spricht nicht an.

IMA401 zeigt bei ähnlicher Patientenpopulation, nämlich stark vorbehandelten Patienten ohne weitere Standardoptionen, doppelt so hohe Ansprechraten. Das ist ein Phase-1-Ergebnis mit kleiner Patientenzahl und muss in größeren Studien bestätigt werden. Aber die Signalgröße ist für eine frühe Studienphase klinisch relevant.
Ein weiteres Vergleichsdatum: Bei CAR-T-Zellen dagegen haben klinische Studien in soliden Tumoren bisher kaum überzeugende Ansprechraten gezeigt. Die Kombination aus TCER-Mechanismus und einem Antigen, das auf erwachsenem gesunden Gewebe kaum exprimiert wird, scheint dieses Problem teilweise zu umgehen.
Drei Hürden bis zum Einsatz in der Klinik
Die ASCO-Daten sind vielversprechend, aber drei Schritte trennen IMA401 von einer regulären Zulassung. Erstens muss die Phase-2-Studie die Ergebnisse in größeren Patientengruppen reproduzieren. Phase-1-Studien sind auf Dosisfindung und Sicherheit ausgelegt; die kleinen Patientenzahlen in einzelnen Tumorentitäten erlauben noch keine belastbaren statistischen Aussagen. Immatics hat angekündigt, eine Kombinationskohorte aus IMA401 und IMA402, einem weiteren PRAME-gerichteten TCER, für Lungenkarzinome zu eröffnen. Erste Daten werden für 2027 erwartet.
Zweitens hängt der Erfolg von der Patientenselektion ab. IMA401 wirkt über das MAGEA4/8-Antigen, das nicht alle Tumorpatienten exprimieren. Es braucht einen verlässlichen Biomarkertest, um jene Patienten zu identifizieren, die von der Therapie profitieren, bevor das Mittel breit eingesetzt werden kann.
Drittens ist die Herstellung bispecifischer Proteine dieser Klasse technisch anspruchsvoll und derzeit noch teuer. Eine spätere Marktzulassung hängt auch davon ab, ob sich das Produktionsverfahren so weit industrialisieren lässt, dass die Therapie in hinreichenden Mengen und zu tragbaren Kosten verfügbar wird. Mit diesen Einschränkungen bleibt IMA401 einer der interessantesten Kandidaten in der frühen klinischen Onkologie, der auf seine nächste Bewährungsprobe wartet.
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