Melanomtherapie anzu-cel: Phase-3-Entscheid rückt näher
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Melanomtherapie anzu-cel: Phase-3-Entscheid rückt näher

Zwei Jahre nach ihrer TCR-T-Therapie ist Melanom-Patientin Christiane Jungermann metastasenfrei. Das Tübinger Unternehmen Immatics will 2026 erste Phase-3-Daten für anzu-cel vorlegen und prüft die FDA-Zulassung für 2027.

12. Juli 2026, 20:41 Uhr 902 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Wenn die Immuntherapie versagt hat und schwarzer Hautkrebs weiter streut, gibt es im Standardschema kaum noch Optionen. Die TCR-T-Zelltherapie anzu-cel des Tübinger Unternehmens Immatics ändert dieses Bild möglicherweise grundlegend: In klinischen Studien sprachen 56 Prozent der stark vorbehandelten Melanom-Patienten auf die Therapie an, das Ansprechen hielt im Median 14,6 Monate an. 2026 sollen die ersten Daten der entscheidenden Phase-3-Studie SUPRAME folgen.

Was TCR-T-Zellen von CAR-T unterscheidet

Krebsimmuntherapie hat in den vergangenen zehn Jahren eine erste Revolution erlebt: CAR-T-Zellen, gentechnisch veränderte T-Lymphozyten mit einem künstlichen Rezeptor, erreichen bei bestimmten B-Zell-Leukämien Ansprechraten von über 80 Prozent. Bei soliden Tumoren blieben CAR-T-Therapien bisher weitgehend wirkungslos. Solide Tumoren machen über 80 Prozent aller Krebserkrankungen aus: Lunge, Darm, Brust, Haut.

Das Problem liegt im Erkennungsmechanismus. CAR-T-Zellen erkennen Antigene an der Zelloberfläche. Solide Tumoren sind dafür schlecht angreifbar, weil sie ein feindseliges Mikromilieu aufbauen, das eingedrungene Immunzellen erschöpft und weil die meisten tumorspezifischen Antigene im Zellinneren verborgen liegen.

TCR-T-Zellen (T-Cell-Receptor-T-Zellen) nutzen stattdessen den natürlichen T-Zell-Rezeptor. Er erkennt nicht Oberflächenproteine, sondern kurze Peptidfragmente, die Zelle aus ihrem Inneren nach außen transportiert und auf einem sogenannten MHC-Molekül präsentiert. Das öffnet den Zugang zu Proteinen, die im Tumorzellinneren konzentriert auftreten, in gesunden erwachsenen Körperzellen aber kaum vorhanden sind.

Das Zielprotein PRAME (Preferentially Expressed Antigen in Melanoma) ist genau eines dieser Muster. Laut einer in "The American Journal of Surgical Pathology" publizierten Analyse von über 5.800 Gewebeproben exprimieren 87 Prozent aller metastasierten Melanome PRAME. Bei Eierstockkarzinomen liegt der Anteil über 80 Prozent. In gesunden erwachsenen Körperzellen tritt PRAME kaum auf, was es zum Angriffsziel macht, ohne breite Kollateralschäden zu riskieren.

Was die Daten zeigen

Immatics hat anzu-cel auf dem Jahreskongress der American Society of Clinical Oncology (ASCO) im Juni 2026 in Chicago mit erweiterten Daten vorgestellt. Diwakar Davar vom University of Pittsburgh Medical Center Hillman Cancer Center präsentierte die Auswertung von 32 auswertbaren Melanom-Patienten, die bereits im Median zwei Vortherapien erhalten hatten. Die bestätigte objektive Ansprechrate (cORR) lag bei 56 Prozent, das mediane Ansprechen dauerte 14,6 Monate. Das mediane Gesamtüberleben betrug 16,2 Monate.

Zur Einordnung: Bei Melanom-Patienten, die bereits eine PD-1-Immuntherapie erhalten haben und auf diese nicht ausreichend angesprochen haben, gibt es im Standardschema kaum wirksame Alternativen. Dass anzu-cel in dieser schwer behandelbaren Population bei mehr als der Hälfte der Patienten messbaren Tumorrückgang erzielt, ist klinisch bemerkenswert. Allerdings: Phase-1b-Studien ohne Kontrollgruppe erlauben aufgrund kleiner Patientenzahlen noch keine statistisch gesicherten Aussagen.

Die Therapie ist noch nicht außerhalb klinischer Studien verfügbar. Das Universitätsklinikum Dresden ist eines der Prüfzentren. Prof. Martin Wermke, der dort Patienten behandelt, spricht von rund 30 bis 40 Behandlungen pro Jahr. Christiane Jungermann, 41 Jahre alt, ist eine dieser Patientinnen: Laut ZDF-Berichterstattung ist sie zwei Jahre nach ihrer Behandlung in Dresden ohne Metastasen.

Parallel entwickelt Immatics eine zweite Generation: IMA203CD8 fügt den modifizierten T-Zellen einen CD8αβ-Ko-Rezeptor hinzu, der ihre Aktivität verstärken soll. Beim ESMO-IO-Kongress im Dezember 2025 präsentierte das Unternehmen erste Daten aus der Phase-1a-Dosiseskalation: Von 69 auswertbaren Patienten zeigten 46 Prozent einen messbaren Tumorrückgang (objektive Ansprechrate); bei 78 Prozent war die Erkrankung kontrolliert, also stabil oder rückläufig (Disease Control Rate). Die empfohlene Phase-2-Dosis soll 2026 festgelegt werden.

Was SUPRAME entscheiden muss

Zwischen vielversprechenden Phase-1b-Daten und einer Zulassung liegt die randomisierte Kontrollstudie. Die SUPRAME-Studie rekrutiert seit Dezember 2024 an mehreren Zentren weltweit insgesamt 360 Patienten mit nicht resezierbarem oder metastasiertem Hautmelanom, die zuvor eine PD-1-Immuntherapie erhalten haben. Im Unterschied zur Phase-1b-Studie ohne Kontrollgruppe wird anzu-cel direkt gegen die Standardtherapie gemessen. Primärer Endpunkt ist das progressionsfreie Überleben (PFS), bewertet durch ein unabhängiges Gremium (BICR, Blinded Independent Central Review). Eine vorab festgelegte Interim-Analyse soll ausgelöst werden, wenn eine definierte Anzahl von PFS-Ereignissen eingetreten ist; für 2026 wird dieser Datenschnitt erwartet.

Immatics-Chefmediziner Dr. Cedrik Britten formulierte die Erwartungen bewusst zurückhaltend. Im ZDF sagte er: "Von echtem Durchbruch sprechen wir erst nach erfolgreicher Zulassung." Drei Unsicherheiten bleiben: ob die Phase-1b-Ergebnisse im randomisierten Setting bestehen, ob die Herstellung für potenziell tausende Patienten skalierbar ist und wie die Therapie bepreist wird. Immatics hat zu den Therapiekosten bisher keine Angaben gemacht. Zum Herstellungsprozess teilt das Unternehmen mit, dass Zellproduktion und Qualitätskontrolle zusammen 14 Tage dauern, bei einer Fertigungserfolgrate von über 95 Prozent.

Hinzu kommt eine biologische Einschränkung: Anzu-cel wirkt nur bei Patienten mit dem HLA-A*02:01-Merkmal, einem bestimmten Zelloberflächenmolekül der MHC-Klasse I. Dieses Merkmal ist bei etwa 40 bis 45 Prozent der europäischen Bevölkerung verbreitet. Mehr als die Hälfte aller Patienten scheidet damit für anzu-cel aus. Immatics hofft, mit IMA203CD8 und weiteren Varianten langfristig eine breitere Patientengruppe zu erreichen.

Zwei Fragen vor dem BLA-Antrag 2027

Wenn SUPRAME die Phase-1b-Ergebnisse bestätigt, plant Immatics die Einreichung eines Biologics License Application (BLA) bei der US-Zulassungsbehörde FDA in der ersten Jahreshälfte 2027 und eine kommerzielle Einführung in der zweiten Jahreshälfte 2027. Das wäre nach Afami-cel (Tecelra) von Adaptimmune, das die FDA im August 2024 für das seltene Synovialsarkom zuließ, erst die zweite zugelassene TCR-T-Therapie weltweit und die erste für Melanom-Patienten. Die Technologieklasse gilt seit Jahren als theoretisch überlegen gegenüber CAR-T bei soliden Tumoren; ob sie das breiter einlöst als im engen Synovialsarkom-Indikationsgebiet, ist noch offen.

Immatics verfügt nach eigenen Angaben per Ende März 2026 über liquide Mittel von 521,5 Millionen US-Dollar, ausreichend bis 2028. Für Patienten bedeutet das: Ob die Therapie 2027 tatsächlich in die Klinik kommt, hängt von zwei Fragen ab. Erstens, ob SUPRAME den Nutzen im randomisierten Vergleich gegenüber Standardtherapien belegt. Zweitens, ob Immatics ein Preismodell findet, das die Therapie für Gesundheitssysteme und Patienten tatsächlich zugänglich macht. Die erste Frage beantwortet der Datenschnitt 2026. Die zweite liegt allein bei dem Unternehmen.

Quellen (9)

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