Indien: Hälfte der Kraftwerkskapazität liefert sauber
Im Juni 2025 hat Indien einen Meilenstein erreicht, den die Regierung erst für 2030 angepeilt hatte: Nicht-fossile Quellen stellen erstmals mehr als 50 Prozent der installierten Kraftwerkskapazität. Mit Stand März 2026 betreiben erneuerbare Energien 274,68 Gigawatt, davon allein 150 Gigawatt aus Solar. In nur einem Geschäftsjahr wurden 44,61 Gigawatt neue Solarkapazität ans Netz gebracht, ein Wachstum von 87 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das entspricht in etwa der gesamten Solarkapazität Spaniens und Italiens zusammen.
Kapazität ist nicht dasselbe wie Strom
Die 50-Prozent-Marke bezieht sich auf installierte Kapazität, nicht auf tatsächlich erzeugten Strom. Dieser Unterschied ist wesentlich: Kohlekraftwerke laufen deutlich mehr Stunden pro Jahr als Solar- oder Windanlagen, die nur bei Sonnenschein oder Wind produzieren. Im Geschäftsjahr 2025/26 stammten nach Schätzungen des Datenanbieters Low Carbon Power rund 29 Prozent der tatsächlich erzeugten Elektrizität aus nicht-fossilen Quellen, mehr als 70 Prozent lieferte weiterhin Kohle. Für einen 60-jährigen Bewohner eines Dorfes in Rajasthan bedeutet das: Die Welt verändert sich, aber der Strom in seiner Leitung kommt vorwiegend noch aus demselben Kohlekraftwerk wie vor zehn Jahren.

Dieser Unterschied zwischen Kapazität und Erzeugung ist kein indisches Spezifikum. In Deutschland stellte Solar und Wind 2024 knapp 60 Prozent der Kapazität, erzeugte aber wegen des fluktuierenden Charakters rund 40 Prozent des Stroms. Je mehr erneuerbare Kapazität gebaut wird, desto wichtiger werden Speicher und Netzausbau, damit die Kurve der Erzeugung der Nachfrage folgen kann.
Was hinter dem Rekord steckt: Preise und Politik
Der Zubau von 44,61 Gigawatt Solar in einem einzigen Jahr erklärt sich aus zwei Faktoren: dem weltweiten Preissturz bei Solarpanelen und einem gezielten staatlichen Programm. Die Kosten für Solarstrom sind seit 1976 von rund 100 US-Dollar pro Watt auf unter 0,30 US-Dollar gesunken, ein Rückgang um den Faktor 330. Das Regierungsprogramm PM Surya Ghar, das Haushalten Subventionen für Dachsolaranlagen zahlt, trieb 76 Prozent der privaten Installationen an und verhalf dem Dachsegment zu einem Wachstum von 123 Prozent auf 7,1 Gigawatt in einem Jahr.
Indien steht weltweit an dritter Stelle bei der installierten erneuerbaren Gesamtkapazität hinter China und den USA. Bei reiner Solarkapazität belegt Indien den zweiten Platz global. Das PM Surya Ghar Programm hat bis Anfang 2026 rund sieben Millionen Haushalte erreicht und beschleunigt die Dezentralisierung der Stromversorgung.

Im Vergleich: Wo andere Länder stehen
Dänemark hat seinen Energiemix in weniger als vier Jahrzehnten grundlegend verändert: 1980 kam fast der gesamte Strom aus Öl und Kohle, 2024 stammten über 80 Prozent aus erneuerbaren Quellen. Costa Rica mit seiner Wasserkraft erreicht regelmäßig über 99 Prozent erneuerbaren Strom und hat damit den Praxisbeweis geliefert, dass eine vollständige Versorgung möglich ist, wenn die Geografie mitspielt. China hat seit 2010 die weltweite Solarkapazität von rund 40 Gigawatt auf über 4.000 Gigawatt gesteigert, also um den Faktor 100 in 15 Jahren und dabei die Preise für den Rest der Welt gesenkt.
Indiens Fall ist in einer Hinsicht einzigartig: Das Land muss die Energieversorgung von 1,4 Milliarden Menschen ausbauen und gleichzeitig dekarbonisieren. Die jährlichen Neuinstallationen entsprechen mittlerweile dem gesamten deutschen Solarpark.
Bei diesem Tempo: 500 GW bis 2030 erreichbar
Das offizielle Ziel lautet 500 Gigawatt erneuerbare Kapazität bis 2030. Davon sind Ende März 2026 bereits 274,68 Gigawatt erreicht. Es fehlen noch rund 225 Gigawatt in vier Jahren, etwa 56 Gigawatt pro Jahr. Der Zubau im Geschäftsjahr 2025/26 lag bei 55,3 Gigawatt insgesamt. Wenn das Tempo hält, ist das Ziel erreichbar. Die offene Frage ist, ob der Netzausbau mit dem Kapazitätszubau mithalten kann: Ein Gigawatt Solar, das keinen Abnehmer findet oder keine Leitung hat, erzeugt keinen Nutzen. Die indische Regierung hat 2025 ein Investitionsprogramm für das Übertragungsnetz angekündigt, Details zur Umsetzung stehen noch aus.
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