Ukraine ohne US-Waffen: Selenskyjs Winter-Deadline
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Ukraine ohne US-Waffen: Selenskyjs Winter-Deadline

Selenskyj und sein Präsidialbürochef haben öffentlich erklärt, den Krieg bis Winter 2026 beenden zu wollen. Gleichzeitig warnen die USA europäische Verbündete vor erheblichen Verzögerungen bei HIMARS- und NASAMS-Lieferungen, weil der Iran-Konflikt die US-Rüstungskapazitäten absorbiert.

2. Juni 2026, 1:00 Uhr 916 Wörter · 5 Min. Lesezeit

In der Nacht zum 1. Juni schickte Russland 265 Drohnen auf zehn ukrainische Regionen. Zur gleichen Zeit warnten die USA ihre europäischen Partner: HIMARS-Raketenwerfer und NASAMS-Flugabwehrsysteme, die eigentlich für die Ukraine vorgesehen sind, werden erheblich später ankommen als geplant. Der Grund liegt nicht an der Frontlinie in Charkiw, sondern im Persischen Golf. Wolodymyr Selenskyj hat trotzdem eine öffentliche Frist gesetzt: Der Krieg soll vor dem ersten Schnee enden.

Der Drohnensturm vom 1. Juni

Die ukrainische Luftwaffe meldete, der Mai 2026 sei der Monat mit den höchsten Langstreckendrohnen-Abschusszahlen seit Kriegsbeginn. Der erste Tag des Juni setzte das Muster fort. Russland feuerte 265 unbemannte Luftfahrzeuge auf Sumy, Charkiw, Saporischschja, Dnipropetrowsk, Cherson, Poltawa, Riwne, Tschernihiw, Odessa und das DPR-Gebiet. In Odessa traf Russland Transport- und Hafeninfrastruktur. Im Dnipropetrowsker Gebiet wurden ukrainische Waffenlager beschädigt.

Am 31. Mai verzeichneten die ukrainischen Verteidigungskräfte 276 Gefechtskontakte an der Frontlinie. Russland übernahm die Kontrolle über Tikhonovka und rückte nahe Krivaya Luka und Kucherov Yar vor. Bodengewinne bleiben trotz der Intensität minimal: Laut dem Institute for the Study of War (ISW) verloren russische Kräfte zwischen dem 7. April und dem 5. Mai netto rund 46 Quadratmeilen ukrainisches Territorium, das sie zuvor eingenommen hatten. In den ersten fünf Monaten 2026 erzielte Russland nach ISW-Schätzungen brutto rund 104 Quadratkilometer Geländegewinn, unter Abzug der zurückverlorenen Gebiete liegt der Nettogewinn deutlich darunter. Das ist weit entfernt von dem Tempo, das Moskau bräuchte, um die Ukraine militärisch zu erschöpfen.

Die Ukraine schlägt ihrerseits in die russische Tiefe. Am 31. Mai trafen ukrainische Drohnen eine Raffinerie und einen Pipeline-Knotenpunkt in Saratow, rund 700 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Im Mai insgesamt griffen die ukrainischen Unmanned Systems Forces 18 russische Ölanlagen in Russland und besetzten Gebieten an.

Selenskyjs Winterkalkül

Parallel zur Eskalation in der Luft hat Selenskyj einen öffentlichen Zeithorizont gesetzt. In einem Interview mit CBS erklärte er, das Zeitfenster für wirksame Friedensgespräche sei bis zum Winter offen. Kyrylo Budanow, Chef des ukrainischen Präsidialbüros, bestätigte: Das Kriegsende vor dem ersten Schnee sei der ausdrückliche Auftrag des Präsidenten. Budanow nannte das „realistisch und machbar”.

Was genau mit Kriegsende gemeint ist, bleibt offen. Weder Selenskyj noch Budanow sprachen von militärischem Sieg. Kyiws Verhandlungsposition lautet seit Monaten: Einfrieren an der aktuellen Frontlinie. Russland besteht auf Abzug ukrainischer Truppen aus Gebieten, die Moskau beansprucht. Dreitägige Verhandlungen Ende Mai endeten ohne Ergebnis. Selenskyj äußerte sich danach enttäuscht. Im Mai hatten westliche Prognosemärkte zeitweise eine Waffenruhe bis zum 31. Mai für nahezu sicher gehalten. Das Zeitfenster schloss sich ungenutzt.

Die strategische Logik hinter Selenskyjs Winterfrist ist nicht unplausibel. Ab Oktober erschweren schlechte Bodenbedingungen Panzer- und Infanterieoperationen für beide Seiten. Russland verliert dann einen seiner wichtigsten taktischen Vorteile: die Fähigkeit, mit Bodentruppen auf breiter Front voranzustoßen. Ein Einfrieren der Frontlinie in diesem Zeitfenster käme einer Waffenruhe gleich, ohne als Niederlage gerahmt werden zu müssen.

Zwei Kriege, eine Rüstungslieferkette

US-Verteidigungsminister Pete Hegseth erklärte am 30. Mai öffentlich, Washington werde „einen Weg finden”, der Ukraine zu helfen. Daneben stand die interne Warnung: Die USA informierten Großbritannien, Polen, Litauen und Estland, dass Lieferungen von HIMARS-Raketenwerfern und NASAMS-Flugabwehrsystemen erheblich später ankommen werden als geplant. Selenskyj hatte zuvor einen dringlichen Brief ans Weiße Haus geschrieben und vor einem verschärften Mangel an Flugabwehrsystemen gewarnt.

Der Grund für die Verzögerungen liegt im Iran-Konflikt. Seit dem Beginn der US-Militäroperationen gegen Iran im Frühjahr 2026 absorbiert dieser Kriegsschauplatz Kapazitäten, die ursprünglich für andere Empfänger vorgesehen waren. HIMARS-Raketen und bestimmte NASAMS-Komponenten werden überwiegend in amerikanischen Fabriken hergestellt. Eine parallele Bedienung zweier Kriegsschauplätze, von denen einer aktive US-Kampfeinsätze umfasst und der andere indirekte Unterstützung, überfordert die Produktionsgeschwindigkeit.

Für die Ukraine sind das genau die Waffenkategorien, auf die es ankommt. HIMARS kann Logistikknoten bis zu 80 Kilometer hinter der Frontlinie treffen und hat russische Nachschublinien seit 2022 erheblich gestört. NASAMS kann Marschflugkörper und Kampfflugzeuge abfangen. Wenn diese Systeme zu spät kommen, wächst der Druck auf die vorhandenen Bestände, die im laufenden Drohnenbeschuss bereits stark beansprucht werden.

Europa füllt auf, bis zur Produktionsgrenze

Europäische Länder haben insgesamt über 200 Milliarden Euro an Unterstützung für die Ukraine zugesagt und teils ausgezahlt, mehr als die USA mit rund 115 Milliarden Euro bis Anfang 2026. Die Koordination läuft über die NATO-Unterstützungsinitiative PURL. Im Mai demonstrierte Frankreich die Bereitschaft zu aktivem Eingreifen jenseits reiner Waffenlieferungen: Die französische Marine enterte im Atlantik den sanktionierten russischen Öltanker „Tagor” in Abstimmung mit Großbritannien und weiteren Partnern.

Was Europa dabei nicht ersetzen kann, ist die Rüstungsproduktionskapazität der USA für spezifische Systemklassen. Die europäische Rüstungsindustrie hat seit 2022 erheblich expandiert, ist aber noch nicht in der Lage, den vollständigen Ausfall amerikanischer HIMARS- und NASAMS-Lieferungen aufzufangen. Bloomberg berichtete, russische Finanzbeamte schlagen intern die schwersten Kriegskosten-Alarmsignale seit Kriegsbeginn. Moskau verhängte bis November 2026 ein Kerosin-Exportverbot, was auf innenwirtschaftlichen Druck hindeutet. Aber ein Erschöpfen Russlands braucht Zeit und genau diese Zeit kostet die Rüstungslücke.

Die Waffenfrage bis zum Herbst

Der nächste sichtbare Datenpunkt für Selenskyjs Winterrechnung ist eine NATO-Außenministerkonferenz, auf der die Waffenlieferzusagen für das zweite Halbjahr 2026 konkretisiert werden sollen. Für Selenskyj wäre das der Moment, um zu sehen, ob seine Winterfrist mit den verfügbaren Mitteln haltbar ist. Für Washington bedeutet der Zeitdruck eine politische Entscheidung: Priorisierung der Ukraine-Lieferungen auf Kosten anderer Verpflichtungen oder Beibehaltung des Iran-Schwerpunkts mit dem Risiko, dass die Ukraine militärisch unter Druck gerät.

Russland dürfte den Drohnendruck unabhängig davon hochhalten. Solange der Luftkampf für die Ukraine teurer ist als für Russland, hat Moskau einen Anreiz, die Intensität zu steigern. Die ukrainische Luftabwehr hat in den vergangenen Wochen eine hohe Abfangrate gezeigt, ist aber auf kontinuierlichen Nachschub angewiesen. Zwei Kriege, eine Rüstungslieferkette und ein Winter, der sich nähert.

Quellen (8)

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