INSA: Weniger als die Hälfte stützt AfD-Ausgrenzung
Seit Februar 2025 ist der Anteil der Deutschen, die Ausgrenzungspolitik gegenüber der AfD für richtig halten, von 54 auf 46 Prozent gesunken. Gleichzeitig liegt die AfD mit 29 Prozent laut aktuellem INSA-Sonntagstrend acht Punkte vor der Union. Besonders bemerkenswert: Selbst bei Unionswählern ist die Unterstützung für die eigene Parteilinie auf 50 Prozent gefallen, neun Punkte weniger als noch im Februar 2025.
Was die aktuelle INSA-Erhebung zeigt
Das Meinungsforschungsinstitut INSA befragte zwischen dem 5. und 8. Juni 2026 insgesamt 2.009 wahlberechtigte Personen im Auftrag von Bild. 46 Prozent der Befragten finden es richtig, dass die anderen Bundestagsparteien Koalitionen mit der AfD ausschließen. 41 Prozent halten das für falsch, der Rest machte keine Angabe oder war unentschieden.
Im Februar 2025, kurz vor der Bundestagswahl, hatte noch eine deutliche Mehrheit von 54 Prozent die Brandmauer als richtig bezeichnet. Innerhalb von 16 Monaten ist die Mehrheit einer gespaltenen Gesellschaft gewichen. Bei den Unionswählern, die ihre Partei gewählt haben, obwohl Merz die Brandmauer als Bedingung seiner Kandidatur formulierte, liegt die Zustimmung jetzt nur noch knapp über der Hälfte.
Warum die Unterstützung schwindet
Die sinkenden Werte dürften mehrere Ursachen haben. Die AfD steht in aktuellen Umfragen bei 29 Prozent, die Union bei 21 Prozent. Für einen wachsenden Teil der Bevölkerung wirkt die Brandmauer-Politik als Ausgrenzung einer Partei, die stärker ist als die regierende Partei. Diese Wahrnehmung untergräbt die Legitimität des Ausschlussprinzips.
Hinzu kommt, dass die Brandmauer auf kommunaler Ebene längst löchrig ist. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung dokumentierte bereits 2024 über hundert Fälle, in denen CDU-Kommunalpolitiker faktisch mit AfD-Mehrheiten abstimmten. Was offiziell als klare Trennlinie gilt, existiert in der politischen Praxis häufig nicht. Das schwächt die Glaubwürdigkeit des Prinzips.
Friedrich Merz, der seine eigene politische Karriere explizit an die Brandmauer gebunden hat, steht damit in einer sich verschlechternden Ausgangslage. Seine Beibehaltung des Prinzips wird von wachsenden Teilen der eigenen Wählerschaft nicht mehr als selbstverständlich vorausgesetzt.
Das Paradox: Kooperation würde CDU teuer zu stehen kommen
INSA führte für The European erstmals eine Umfrage durch, die fragt, wie Wähler im hypothetischen Szenario ohne Brandmauer votieren würden. Das Ergebnis ist für Befürworter einer Öffnung ernüchternd: Die CDU/CSU würde von aktuell 21 Prozent auf 17,5 Prozent fallen, ein Verlust von viereinhalb Punkten. Die AfD selbst käme auf 28 Prozent, nur einen Punkt weniger als heute.
Das bedeutet: Selbst wenn die CDU die Brandmauer aufgäbe und eine Zusammenarbeit mit der AfD signalisierte, würde sie keine Stimmen von AfD-Wählern gewinnen, dafür aber moderate Wähler verlieren, die in andere Parteien abwanderten. Die Politik, die an Rückhalt verliert, ist gleichzeitig jene, die Union vor einem noch steileren Absturz schützt.
Dieser Befund gilt auch als Warnung an jene Unionsstimmen, die im parteiinternen Ringen gelegentlich Tolerierungsmodelle oder punktuelle Kooperation ins Gespräch bringen. Die Wähler, die CDU unter Ausgrenzung der AfD gewählt haben, sind offenbar nicht übertragbar auf eine CDU, die das aufgibt.
Sonntagsfrage zeigt das Dilemma in Echtzeit
Der reguläre INSA-Sonntagstrend vom 5. bis 8. Juni bestätigt die strukturelle Schieflage. Die AfD führt mit 29 Prozent, die Union folgt mit 21 Prozent, dahinter die Grünen mit 14,5 Prozent und die SPD mit 12 Prozent. Die Linke kommt auf 10,5 Prozent, BSW und FDP liegen bei je 3,5 Prozent und würden nicht in den Bundestag einziehen.
Die Zahlen zeigen: Eine regierungsfähige Mehrheit ohne AfD setzt eine breite Koalition aus Union, Grünen und SPD voraus, was Parteien einschließt, die ideologisch erheblich voneinander entfernt sind. Je schwächer Union und SPD gemeinsam werden, desto enger wird der Korridor für Regierungsbildungen, die AfD ausschließen. Politikwissenschaftler nennen diese Konstellation eine sich selbst verstärkende Legitimationskrise: Die Ausgrenzung einer starken Partei erscheint demokratietheoretisch zunehmend erklärungsbedürftig, ihre Beendigung wäre aber politisch riskanter als das Festhalten an ihr.
Hans Vorländer, Direktor des Mercator Forum Migration und Demokratie an der TU Dresden und einer der profiliertesten Demokratieforscher des Landes, hatte zuletzt im Kontext dieser Zahlen gewarnt, die Brandmauer-Debatte werde durch ein Weiterwachstum der AfD zunehmend auf abstrakte Verfassungsprinzipien verengt, ohne die konkrete Frage zu beantworten, wer die Mehrheit für staatliches Handeln zusammenbringt.
Bis zur nächsten INSA-Erhebung: Was Merz entscheiden muss
Die nächsten Monate dürften die Brandmauer-Frage weiter unter Druck setzen. In mehreren östlichen Bundesländern, wo die AfD Zustimmungswerte um 30 bis 35 Prozent erzielt, stehen kommunale Entscheidungen an, bei denen die faktische Zusammenarbeit oder die faktische Abhängigkeit von AfD-Stimmen weiter sichtbar werden dürfte. Für Merz bedeutet das: Er muss das Prinzip nicht nur erklären, sondern es auf allen politischen Ebenen durchsetzen, was er auf Kommunalebene erkennbar nicht schafft.
Der rückläufige Rückhalt für die Brandmauer ist damit kein isoliertes Phänomen, sondern ein Ausdruck einer breiteren demokratischen Ungeduld: Die Bereitschaft, eine Partei mit einem Viertel der Stimmen dauerhaft von jeder Regierungsbeteiligung auszuschließen, braucht entweder eine glaubwürdige Einhegungsstrategie oder sie erodiert weiter.
Kommentare