Iran-Abkommen: Die 14 Versprechen und ihre Lücken
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Iran-Abkommen: Die 14 Versprechen und ihre Lücken

Trump und Irans Präsident Peseschkian haben das Memorandum of Understanding nun persönlich unterzeichnet. Der veröffentlichte 14-Punkte-Text verspricht vollständige Sanktionsaufhebung, Öffnung der Hormuzstraße und einen 300-Milliarden-Dollar-Wiederaufbaufonds. Was er nicht klärt, bestimmt die nächsten 60 Tage.

18. Juni 2026, 3:02 Uhr 1190 Wörter · 6 Min. Lesezeit

Am Sonntagabend unterschrieben Vance und Ghalibaf, am Mittwoch unterzeichneten dann die Präsidenten selbst: Donald Trump und Massud Peseschkian haben das Memorandum of Understanding nun auf höchster Ebene beider Staaten besiegelt. Die für Freitag in Bürgenstock geplante Zeremonie gilt damit als überflüssig. Jetzt liegt der offizielle 14-Punkte-Text vor, von beiden Seiten publiziert. Er enthält Zusagen eines Ausmaßes, die über jedes frühere Iran-Abkommen hinausgehen. Und er benennt genug offene Fragen, um die nächsten 60 Tage zu einer der dichtesten Verhandlungsphasen der jüngeren Diplomatie zu machen.

Was die 14 Punkte verpflichten

Der Kern des Dokuments ist ein Waffenstillstand ohne Einschränkung: Beide Seiten erklären die sofortige und dauerhafte Beendigung aller militärischen Operationen auf allen Fronten, ausdrücklich auch im Libanon. Die USA heben die Seeblockade iranischer Häfen unmittelbar auf. Iran verpflichtet sich, die Minen in der Straße von Hormus innerhalb von 30 Tagen zu räumen und den Handelsschiffsverkehr auf das Vorkriegsniveau zurückzuführen.

Wirtschaftlich sind die Zusagen weitreichend. Das US-Finanzministerium erteilt sofort nach Unterzeichnung Ausnahmegenehmigungen für den Export iranischen Rohöls und zugehöriger Dienstleistungen. Die USA verpflichten sich darüber hinaus, sämtliche Sanktionen gegen Iran aufzuheben, einschließlich der Resolutionen des UN-Sicherheitsrats. Das unterscheidet dieses Abkommen fundamental vom JCPOA von 2015, der die Sanktionen nur aussetzte, nicht aufhob. Die eingefrorenen iranischen Vermögenswerte werden laut Text vollständig freigegeben und der iranischen Zentralbank zur Verfügung gestellt.

Die weitreichendste Zusage ist finanzieller Art: Die USA verpflichten sich gemeinsam mit regionalen Partnern, mindestens 300 Milliarden Dollar für den Wiederaufbau und die wirtschaftliche Entwicklung Irans bereitzustellen. Zum Vergleich: Das entspricht gut der Hälfte des deutschen Bundeshaushalts 2026, der 524 Milliarden Euro umfasst.

Zum Atomdossier erklärt Iran schriftlich, niemals Atomwaffen herstellen zu wollen. Das hochangereicherte Uran, das Iran seit Kriegsbeginn ohne IAEA-Überwachung produziert hat, soll in einem Verdünnungsverfahren mit niedrig angereichertem Material unter IAEA-Aufsicht für Waffenzwecke unbrauchbar gemacht werden. Wie genau, in welchem Zeitrahmen und unter welchen Verifikationsmechanismen, bleibt für die 60-tägigen technischen Gespräche vorbehalten.

Was der Text offenlässt

US-Vizepräsident JD Vance beschrieb das Memorandum in mehreren Medienauftritten als „sehr allgemeines Dokument\" von „etwa eineinhalb Seiten\". Das ist keine Untertreibung. Das Abkommen ist kein fertiger Vertrag, sondern ein strukturierter Verhandlungsauftrag. Und schon bei der Auslegung dieses Rahmens gehen die Positionen auseinander.

Iran behauptet über Staatsmedien, 24 Milliarden Dollar an eingefrorenen Vermögenswerten seien bereits vor Beginn der 60-tägigen Gespräche zugesagt. Vance widersprach direkt: Es sei kein einziger Dollar freigegeben worden, alle konkreten Finanzzusagen würden erst in den Detailverhandlungen ausgehandelt. Das Kommunikationsbüro des Weißen Hauses erklärte außerdem, ein in Umlauf gebrachter Text entspreche nicht dem tatsächlichen Abkommen. Welche Version also gilt, ist zwischen den Parteien nicht geklärt.

Ein weiterer Streitpunkt ist die Meerenge selbst. Das MoU verbietet Transitgebühren für die Hormuzpassage. Das iranische Parlament hat jedoch im März 2026 eine Gebührenordnung für Navigationsdienste, Umweltschutz und Versicherung kodifiziert, die Iran als „Servicegebühren\" von verbotenen Transitgebühren unterscheidet. Außenminister Abbas Araghchi bestätigte, diese Gebühren würden erhoben. Für die Reedereibranche bedeutet das: Selbst wenn die Minen geräumt sind, sind die Konditionen der Durchfahrt offen.

Problematisch bleibt auch die Libanon-Frage. Das Abkommen verlangt die Beendigung militärischer Operationen auf allen Fronten, einschließlich Libanon. Israel hat klar erklärt, seine Militärpräsenz dort unabhängig von diesem Abkommen aufrechtzuerhalten. Iran hat für den Fall weiterer israelischer Angriffe im Libanon mit einem Vertragsbruch gewarnt. Washington hat bisher keine klare Positionierung vorgenommen, welcher Seite es in diesem Punkt folgt.

Was bis Mitte August ausgehandelt werden muss

Das Abkommen eröffnet ein 60-tägiges Verhandlungsfenster für ein finales Abkommen. Von der zweiten Unterzeichnung am 17. Juni gerechnet läuft die Frist Mitte August ab. In dieser Zeit müssen die Verhandler auf mehrere Kernfragen konkrete Antworten liefern: Mit welcher Methode und unter welcher IAEA-Aufsicht wird das hochangereicherte Uran verdünnt? Welches Niveau der Urananreicherung wird Iran dauerhaft erlaubt? Wann und an welche Bedingungen geknüpft werden eingefrorene Vermögenswerte freigegeben? Wie wird die Libanon-Frage im Abkommen verankert?

Pakistans Premierminister Shehbaz Sharif, der als Hauptvermittler gilt, erklärte, die Hormuzstraße werde „sofort\" wieder öffnen. Die Realität ist komplizierter: Schifffahrtsexperten schätzen die vollständige Minenräumung auf mindestens 40 bis 50 Tage, das US-Pentagon intern auf bis zu sechs Monate. Kriegsrisikoversicherungen für die Hormuzpassage kosten nach Branchen angaben noch immer das Zwanzigfache des Vorkriegsniveaus.

Trump formulierte beim G7-Gipfel auch die Konsequenz des Scheiterns: Falls Iran das Abkommen nicht einhalte, würden die USA „wahrscheinlich wieder zu Bombardierungen zurückkehren\". Das Abkommen selbst enthält keine Schiedsklausel, kein Verfahren für Streitfälle, keinen Mechanismus für die Feststellung eines Vertragsbruchs. Was als Verletzung gilt und wer darüber entscheidet, ist das offene Sicherheitsleck eines sonst ambitionierten Textes.

Update 18. Juni, 07:06 Uhr: Eine Präzisierung zum Hormus-Gebührenstreit: Das MoU garantiert keine dauerhafte Transitgebührenfreiheit. Der genaue Vertragstext verpflichtet Iran, Handelsschiffe für 60 Tage gebührenfrei passieren zu lassen. Danach sollen Oman und die Golfstaaten die künftige Verwaltung der Passage, einschließlich möglicher Servicegebühren, aushandeln. Das öffnet formal die Tür für Irans im März 2026 kodifizierte Gebühren für Navigationsdienste und Umweltschutz nach Ablauf der Übergangsfrist. Ergänzung zum Unterzeichnungsort: Trump signierte das MoU am Mittwochabend nicht in der Schweiz, sondern beim G7-Abendessen im Schloss Versailles neben Emmanuel Macron.

Update 18. Juni, 09:15 Uhr: Der G7-Gipfel in Évian schloss mit breiter Unterstützung für das Abkommen. Merz, Macron, Starmer und Meloni erklärten gemeinsam, das MoU öffne \"eine Gelegenheit, die Region und die Weltwirtschaft wieder zu stabilisieren.\" Kanadas Premierminister Mark Carney nannte es im CNN-Interview einen \"game changer.\" Gleichzeitig wächst der republikanische Widerstand im US-Senat: Senator Bill Cassidy (Louisiana) bezeichnete das Abkommen als \"schlimmsten außenpolitischen Fehler seit Jahrzehnten\", Lindsey Graham warnte vor einem \"Albtraum für Israel.\" Mehrere Senatoren erklärten, den Vertragstext noch nicht gesehen zu haben. Die formale Unterzeichnungszeremonie auf dem Bürgenstock ist für Freitag weiterhin geplant. Die digitale Unterzeichnung durch beide Präsidenten am Mittwochabend in Versailles war eine bilaterale Vorwegnahme der offiziellen Zeremonie.

Update 19. Juni, 01:00 Uhr: Die für Freitag geplante Unterzeichnungszeremonie auf dem Bürgenstock wurde offiziell abgesagt. Iran bestätigte, die digitale Unterzeichnung in Versailles sei rechtsgültig und abschließend. Stattdessen beginnen am Freitag auf dem Bürgenstock die ersten technischen Gespräche zur Umsetzung des Rahmenabkommens, darunter die Nuklearverhandlungen über den Verbleib des hochangereicherten Urans. Zur Libanon-Klausel äußerte sich Libanons Präsident Joseph Aoun positiv: Er begrüßte die ausdrückliche Anerkennung der "libanesischen Spezifität" und erklärte, er hoffe, das Abkommen werde "dem Kreislauf der Gewalt ein definitives Ende setzen." Aoun dankte den Staaten, die sichergestellt hatten, dass der Libanon in die Deeskalation eingeschlossen wurde.

Update 6. Juli, 21:05 Uhr: Die Bürgenstock-Gespräche haben den zentralen Streitpunkt um das Inspektionsregime konkret werden lassen. US-Vizepräsident JD Vance erklärte am 22. Juni, Iran habe zugesagt, IAEA-Inspektoren zurückzulassen, einen Schritt, den er als „wichtigen Meilenstein für das amerikanische Volk“ bezeichnete. Das iranische Außenministerium widersprach umgehend: Sprecher Baghaei teilte mit, Iran habe weder Gespräche mit IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi vereinbart noch einen Zeitplan für Inspektorenbesuche festgelegt. Grossi bekräftigte seine Lesart des unterzeichneten Abkommenstexts: Das MoU sehe ausdrücklich vor, dass Irans nukleare Aktivitäten von der IAEA überwacht werden. Wann genau die Inspektoren einreisten, sei zwar wichtig, aber nicht entscheidend; er sei sicher, dass es passiere. Parallel verdichtete sich auch der Streit um eingefrorene Vermögenswerte: Iran besteht auf einer Freigabe ohne Auflagen, die US-Delegation auf einem Treuhandmodell, bei dem Gelder ausschließlich für US-amerikanische Agrarprodukte wie Mais und Weizen verwendet werden können.

Quellen (24)

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