440 Kilo Uran verschwunden: IAEA zensiert Iran
Amerikanische und israelische Geheimdienste können sich nicht einigen, ob Iran 440 Kilogramm hochangereichertes Uran an einen geheimen Ort verbracht hat oder ob es noch in den bombardierten Atomanlagen liegt. Die einzige Institution, die diese Frage zuverlässig beantworten könnte, hat seit mehr als 100 Tagen keinen Zugang mehr zu einer einzigen iranischen Atomanlage.
104 Tage ohne Inspektor
Am 28. Februar 2026, dem Tag des Kriegsbeginns, deaktivierte Iran alle IAEA-Überwachungskameras, entfernte die Siegel von allen deklarierten Atomanlagen und ließ die Inspektoren evakuieren. Seitdem hat kein IAEA-Mitarbeiter mehr eine iranische Nuklearanlage betreten. Die Behörde spricht offiziell von einem "Verlust der Kontinuität des Wissens". In der Safeguards-Fachsprache bedeutet das: Die Beweiskette ist zerrissen. Selbst wenn Iran morgen alle Türen öffnete, könnte die IAEA nicht mehr rekonstruieren, was mit dem Material in den vergangenen 104 Tagen geschehen ist.
In diesem Zeitraum griffen die USA die Atomanlagen Fordow, Natanz und Isfahan an. Was mit dem dort eingelagerten Spaltmaterial geschah, ist unklar. Laut dem IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi können seine Inspektoren weder bestätigen, dass das Uran noch vor Ort ist, noch dass es sich nicht mehr dort befindet. 440,9 Kilogramm Uran mit 60-prozentigem Anreicherungsgrad sind schlicht nicht mehr kontrollierbar. Nach IAEA-Berechnungen wäre dieses Material für bis zu zehn Kernwaffen ausreichend, sollte Iran den finalen Schritt zur Waffe unternehmen.
Amerikanische und israelische Einschätzungen widersprechen sich. Ein ranghoher israelischer Regierungsvertreter erklärte gegenüber Reuters, das Uran sei nicht vor oder nach den Schlägen verlagert worden, es liege noch immer in den beschädigten Anlagen. Amerikanische Geheimdienstquellen gehen laut Newsweek davon aus, dass Iran mehr als 400 Kilogramm in ein geheimes Ausweichlager verbracht hat. Diese Divergenz illustriert das Kernproblem: Ohne IAEA-Zugang ist keine unabhängige Überprüfung möglich.
Die Resolution und ihre Sponsoren
Der IAEA-Gouverneursrat stimmte am 10. Juni mit 21 zu 3 Stimmen bei 10 Enthaltungen für eine Resolution. Eingereicht hatten sie die USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland. Mitunterzeichner waren Argentinien, Australien, Belgien, Kanada, Italien, Litauen, Japan, Luxemburg, die Niederlande, Portugal und Rumänien. Russland, China und Niger stimmten dagegen. Venezuela nahm an der Abstimmung nicht teil.
Die Resolution fordert Iran auf, der IAEA "vollständige Informationen über Kernmaterialbestände und Designinformationen für Anlagen" zu liefern und den Inspektoren unverzüglich Zugang zu gewähren. Konkret soll Iran über den Verbleib des hochangereicherten Urans in den bombardierten Anlagen Rechenschaft ablegen und mitteilen, welche Sicherungsmaßnahmen nach den Angriffen noch funktionieren.
Die politische Konstellation ist bemerkenswert. Die vier Länder, die Resolution eingebracht haben, sind dieselben, die in Katar und Wien mit iranischen Unterhändlern über einen 60-tägigen Waffenstillstand und die Öffnung der Hormusstraße verhandeln. Die USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland zensieren Iran öffentlich in Wien und verhandeln gleichzeitig mit ihm in Doha. Das ist kein Widerspruch, sondern eine taktische Doppelstrategie: Druck auf Iran erhöhen, während gleichzeitig Anreize angeboten werden. Ob diese Kombination Teheran zur Kooperation bewegt, ist die entscheidende offene Frage.
Mehr Zentrifugen statt Kooperation
Iran antwortete mit Ablehnung. Die iranische Mission erklärte in einem Statement, die Resolution sei "fehlerhaft" und beschuldigte die IAEA, von "Kriegstreibern" instrumentalisiert zu werden. Teheran verwies auf die laufenden US-Angriffe auf iranische Infrastruktur und erklärte, eine "diplomatische Lösung erfordert ein Minimum an gutem Willen".
Praktisch reagierte Iran nach Berichten der Times of Israel mit dem Gegenteil von Kooperation: Teheran plant, die Urananreicherungskapazität an zwei unterirdischen Anlagen durch den Einbau zusätzlicher Zentrifugenkaskaden zu erhöhen. Die Reaktion auf die IAEA-Censure ist also nicht mehr Transparenz, sondern mehr Kapazität. Bemerkenswert ist, dass die Times of Israel die iranische Reaktion als "milder als befürchtet" bewertet: Iran hat bislang nicht angekündigt, Uran auf über 60 Prozent anzureichern oder das Atomwaffensperrvertragsabkommen zu verlassen.
IAEA-Generaldirektor Grossi hatte bereits vor der Resolution erklärt, er sei nicht mehr in der Lage, Verifikationsmaßnahmen durchzuführen, weil Iran die notwendige Kooperation verweigert. Das ist formal eine neutrale Feststellung. Inhaltlich bedeutet sie: Die internationale Staatengemeinschaft weiß nicht, wo sich fast eine halbe Tonne atomwaffenfähigen Materials befindet.
Atomkontrolle als Dealblockade bis zum G7
Jede ernsthafte Einigung zwischen USA und Iran müsste die Urankontrollfrage lösen. Der US-Verhandlungsrahmen sieht vor, dass Iran im Rahmen der 60-tägigen Waffenstillstandsphase Gespräche über sein Atomprogramm aufnimmt und der IAEA Zugang gewährt. Teheran hat seinen Gegenvorschlag vom 9. Juni, der über omanische Vermittler übermittelt wurde, noch nicht zurückgezogen, aber auch nicht weiterentwickelt.
Iranische Unterhändler bestehen darauf, die Atomfrage von der Waffenstillstandsfrage zu trennen. Washington lehnt das ab: Kein dauerhafter Frieden ohne Lösung der Kernwaffenfrage. Deutschland ist in dieser Konstellation in einer doppelten Rolle. Bundesaußenminister Johann Wadephul ist einer der aktiven Vermittler in den Verhandlungen und gleichzeitig Mitunterzeichner der IAEA-Resolution. Berlin zensiert Teheran auf institutioneller Ebene und versucht gleichzeitig, eine Brücke zu bauen.
Vom 15. bis 17. Juni trifft sich die Gruppe der sieben führenden Industrienationen in Évian-les-Bains. Frankreich hat als Gastgeber signalisiert, dass eine Rahmenvereinbarung zur Öffnung der Hormusstraße bis dahin angestrebt wird. Ob die Atomkontrollfrage bis dahin gelöst werden kann, gilt unter Diplomaten als ausgeschlossen. Die Resolution vom 10. Juni ist ein Signal, kein Instrument: Sie bindet Iran zu nichts. Wenn Teheran nicht kooperieren will, kann die IAEA die Tore seiner Atomanlagen nicht öffnen.
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