440 Kilogramm Uran, das niemand sehen kann
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440 Kilogramm Uran, das niemand sehen kann

Die technischen Atomverhandlungen zwischen USA und Iran beginnen heute in Bern. Im Zentrum steht Irans Vorrat an hochangereichertem Uran, ein Material, dessen genaue Menge unbekannt ist und das in Tunneln liegt, die Iran mit Erde verfüllt und mit Sprengminen gesichert hat.

24. Juni 2026, 6:44 Uhr 792 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Die Verhandlungsteams aus Washington und Teheran treffen sich heute in Bern zu ihrer ersten technischen Sitzung. Drei Arbeitsgruppen sollen bis Mitte August ein Endabkommen vorbereiten: Atomfragen, Sanktionen, Streitbeilegung. Im Mittelpunkt der Atomgruppe steht Irans Vorrat an hochangereichertem Uran. Das Problem: Niemand weiß derzeit, wo dieses Uran liegt, wie viel noch vorhanden ist oder wie es sich herausbringen ließe.

Die letzte gesicherte Zahl

Im Juni 2025 bezifferte die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) Irans Bestand an auf 60 Prozent angereichertem Uran auf 440,9 Kilogramm. Das ist die letzte verlässlich verifizierte Zahl. Zum Vergleich: Waffengrades Uran liegt bei 90 Prozent Anreicherung. Das Institut für Wissenschaft und Internationale Sicherheit (ISIS) in Washington stuft auf 60 Prozent angereichertes Uran als 99 Prozent des Weges zu waffengrader Qualität ein. ISIS schätzt auf Basis von Satellitendaten, dass 265 bis 287 Kilogramm davon im Tunnelkomplex von Irans Atomanlage in Isfahan gelagert sind. Wo der Rest ist, gilt als unbekannt.

In ihrem Bericht vom Juni 2026 erklärte die IAEA, sie sei nicht in der Lage, "die aktuelle Größe, Zusammensetzung oder den Aufenthaltsort" des Vorrats anzugeben. Iran verweigerte der Behörde seit Juli 2025 den Zugang zu allen 20 deklarierten Atomanlagen. Ein im September 2025 vereinbartes Inspektionsabkommen wurde von Teheran im November 2025 einseitig aufgekündigt.

Sprengminen an den Tunnelportalen

Nach den Luftangriffen auf iranische Atomanlagen leitete Teheran eine Sicherungsoperation ein, die den Verhandlungsrahmen in Bern direkt bestimmt: Der Zugang zum Isfahan-Tunnelkomplex ist physisch gesperrt. Satellitenbilder vom April 2026 zeigen, wie Iran die östlichen Tunnelportale der Anlage mit Erde verfüllte. CNN berichtete unter Berufung auf US-Geheimdienstquellen, dass Iran zusätzlich Sprengminen an den Eingängen platzierte, um einen möglichen amerikanischen Bodenangriff zur Sicherstellung des Atommaterials zu verhindern.

Wer die Zugänge öffnen will, braucht schwere Erdbaumaschinen und muss zuerst eine Minenräumung organisieren. IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi erklärte, die Behörde gehe davon aus, dass die meisten Bestände an angereichertem Uran im Isfahankomplex wahrscheinlich intakt seien, allerdings mit der Einschränkung, dass diese Annahme auf Satellitenauswertungen beruhe, nicht auf Inspektionen. Weniger als 70 Prozent des Vorrats ließen sich mit ausreichender Sicherheit einem konkreten Standort zuordnen.

Über etwas verhandeln, das niemand sehen kann

Das Memorandum of Understanding vom 17. Juni verpflichtet Iran, seinen Vorrat an 60-prozentigem Uran unter IAEA-Aufsicht zu verdünnen. Experten des Zentrums für Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung in Washington warnen, dass selbst eine vollständige Verdünnung das Grundproblem nicht beseitigt: Iran besäße danach weiterhin die Zentrifugeninfrastruktur, um das Material erneut anzureichern. Eine technisch belastbare Lösung würde erfordern, das Material außer Landes zu transferieren oder chemisch dauerhaft unbrauchbar zu machen. Iran hat einem Transfer bislang widersprochen.

Irans Präsident Masoud Pezeshkian formulierte vor Beginn der Bürgenstock-Gespräche, worüber die technischen Teams in Bern nicht verhandeln sollen: "Was sicher ist: Wir werden niemals auf das Recht der Urananreicherung verzichten." Die US-Position, formuliert von Vizepräsident JD Vance, ist die entgegengesetzte: Iran darf keine Kapazitäten behalten, die einen schnellen Zugriff auf waffengrades Material ermöglichen. Vance bezeichnete die angestrebte Einladung von IAEA-Inspektoren als "großen Meilenstein", die iranische Seite dementierte, es habe in der Schweiz dazu keine neuen Zusagen gegeben. Es ist der dritte Auslegungsstreit in einer Woche.

In der Praxis arbeitet die Atomarbeitsgruppe in Bern also mit einer doppelten Unbekannten: Wie viel Uran existiert überhaupt? Und zu welchen Bedingungen wäre Iran bereit, darüber zu reden?

Bis Mitte August, mit Option auf Verlängerung

Das 60-Tage-Fenster des Memorandums läuft nominell bis Mitte August 2026. Trump relativierte diesen Termin, bevor die ersten Techniker in Bern zusammenkamen: Der Zeitrahmen sei "kein hartes Datum", sagte er Reportern und mit beiderseitigem Einverständnis verlängerbar. Der MOU-Wortlaut bestätigt diese Auslegung ausdrücklich.

Was jedoch nicht flexibel ist: die Libanon-Lage. Die IRGC hat israelische Operationen im Südlibanon bereits zweimal zum Anlass genommen, die Hormusstraße für gesperrt zu erklären. Der Schiffsverkehr durch die Meerenge brach nach der Ankündigung vom 20. Juni auf weniger als fünf Schiffe täglich ein, der langjährige Durchschnitt liegt bei rund 100. Das US-Finanzministerium hat Iran mit einer 60-Tage-Allgemeinlizenz für Ölexporte erhebliche wirtschaftliche Anreize zur Kooperation gegeben: In den ersten fünf Tagen nach dem MOU verschiffte Iran fast 18 Millionen Barrel im Wert von rund 1,4 Milliarden Dollar.

Die Berner Atomarbeitsgruppe muss damit parallel zu einer militärisch labilen Libanon-Lage eine verhandlungstechnisch außerordentlich schwierige Aufgabe lösen: ein Abkommen über ein Material schreiben, das sich in verminten Tunneln befindet, dessen genaue Menge keine Seite bestätigen kann und über dessen Verfügungsrecht der iranische Präsident erklärt hat, es stehe nicht zur Disposition.

Quellen (12)

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