1.121 neue Meeresarten in einem Jahr entdeckt
Im Mai 2026 veröffentlichte der Ocean Census seine bisher umfassendste Jahresbilanz: Forscher aus dreizehn Expeditionen und neun Species Discovery Workshops beschrieben 1.121 neue Meeresarten. Die erschreckende Botschaft steckt in einer anderen Zahl: Bis zu 90 Prozent aller Meeresarten sind nach aktuellem Forschungsstand noch völlig unbekannt. Der Ozean ist kein gut kartiertes Terrain. Er ist das größte unerforschte Territorium der Erde.
Was der Ocean Census ist
Der Ocean Census wurde 2022 als Kooperation zwischen der japanischen Nippon Foundation und dem britischen Meeresforschungsinstitut Nekton gegründet. Ziel ist es, möglichst viele unbekannte Meeresarten bis 2030 zu katalogisieren. Hunderte von Wissenschaftlern aus Dutzenden Ländern sind beteiligt: das australische Forschungsinstitut CSIRO, das Scripps Institution of Oceanography der Universität Kalifornien San Diego und das Senckenberg Institut für Naturforschung gehören zu den Partnern.
Für die Jahresbilanz 2026 werteten die Forscher rund 48 Millionen Datensätze aus, die Informationen zu 184.000 bereits bekannten Meeresarten enthalten. Die neu beschriebenen 1.121 Arten kommen dazu. Allein aus dem Korallenmeer nördlich Australiens wurden laut CSIRO mehr als 110 neue Arten gemeldet: Fische, Wirbellose und Kleinstlebewesen ohne bekannten Namen.
Warum 2026 für die Meeresforschung besonders ist
Die diesjährigen Entdeckungen stammen aus ungewöhnlich verschiedenen Ökosystemen. In flachen tropischen Küstengewässern wurden neue Korallenfischarten kartiert. In der sogenannten Twilight Zone, den Tiefen zwischen 200 und 1.000 Metern, fanden Forscher Arten, die dem Sonnenlicht nicht direkt ausgesetzt sind, aber für Nährstoffkreisläufe der gesamten Wassersäule entscheidend sein können. In den Hadal Zones der tiefsten Pazifikgräben wurden wirbellosenähnliche Organismen beschrieben, die Drücke von mehr als 600 Bar überstehen.
Zu den bemerkenswertesten Neuentdeckungen gehört laut Ocean Census der "Iskra's Glitter Worm", ein neu beschriebener Tiefseewurm, dessen metallisch schimmernde Borsten auf eine bisher unbekannte Körperpanzerfunktion hinweisen. Ebenfalls dokumentiert wurde eine neue Tunicatenart aus Tiefen unter 4.000 Metern. Tunicaten gelten als entfernte Verwandte aller Wirbeltiere und sind für das Verständnis früher Evolutionsstadien relevant.
Was es bedeutet, wenn 90 Prozent unbekannt sind
Hanieh Saeedi vom Senckenberg Institut für Naturforschung ist Leiterin der Biodiversitätsmessgruppe des Census. Sie hat in Studien belegt, dass die Wissenslücken am größten dort sind, wo die biologische Vielfalt am höchsten ist: in tropischen Meeresregionen nahe dem Äquator. Weniger als 2,5 Prozent aller erfassten Biodiversitätsdaten kommen aus diesen Gebieten. Reiche Ökosysteme und armes Datenmaterial fallen zusammen.
Zum Vergleich: Von Säugetieren auf dem Land sind schätzungsweise 95 Prozent aller Arten bekannt und benannt. Im Meer liegt die Zahl bei 10 bis 20 Prozent. Der Ozean bedeckt mehr als 70 Prozent der Erdoberfläche und enthält nach Schätzungen zwischen 700.000 und einer Million verschiedene Tierarten. Weniger als ein Fünftel davon ist je beschrieben worden.
Ein Rennen gegen die Zeit: Tiefseebergbau und Klimawandel
Warum ist das mehr als eine akademische Zahl? Weil Artenschutz nur greift, wenn die Arten bekannt sind. Das UN-Hochseeabkommen (BBNJ Agreement), das 2023 von mehr als 100 Staaten unterzeichnet wurde, schreibt Umweltverträglichkeitsprüfungen für wirtschaftliche Aktivitäten im internationalen Meeresraum vor. Doch wie soll eine solche Prüfung funktionieren, wenn 90 Prozent der betroffenen Arten unbekannt sind?
Das gilt besonders für den Tiefseebergbau. Mehr als ein Dutzend Staaten haben Lizenzen für den Abbau von Manganknollen und Kobaltkrusten in internationalen Gewässern erteilt, in Regionen, die Wissenschaft kaum kennt. Der Census-Bericht 2026 beschreibt explizit den Wettlauf: Je mehr wirtschaftliche Aktivität in unbekannte Tiefseezonen vordringt, desto dringlicher wird es, zumindest zu wissen, welche Arten dort leben, bevor sie verschwinden. Hinzu kommt der Klimawandel: Steigende Meerestemperaturen und Ozeanversauerung beeinflussen Arten, die noch nicht beschrieben sind. Sie können nicht geschützt werden.
Bis 2030: Was das Programm noch vorhat
Die Nippon Foundation und Nekton haben den Census mit einem Zehnjahreshorizont angelegt. Für 2027 sind Expeditionen in den Indischen Ozean geplant, eine der am wenigsten kartierten Tiefseezonen weltweit. Der Census setzt dabei zunehmend auf automatisierte Unterwasserfahrzeuge und Umwelt-DNA-Analysen (eDNA): Methoden, mit denen Arten allein durch genetische Spuren im Wasser identifiziert werden können, ohne sie physisch zu fangen.
Für die 1.121 neu beschriebenen Arten beginnt nach der Entdeckung die eigentliche Arbeit: offizielle Benennung, Klassifizierung und Publikation in begutachteten Fachzeitschriften. Dieser Prozess dauert für jede Art im Schnitt mehrere Jahre. Es ist eine systemische Verzögerung: Die Erde entdeckt ihre eigenen Bewohner schneller als die Wissenschaft sie erfassen kann.
Kommentare