100 Tage Iran-Krieg: 7.000 Tote, kein Durchbruch
Als Ali Khamenei am 28. Februar 2026 bei den US-israelischen Angriffen getötet wurde, ernannte die iranische Expertenversammlung innerhalb von zehn Tagen seinen Sohn Mojtaba zu seinem Nachfolger. Der neue Oberste Führer führt denselben Krieg wie der Vater: Irans Streitkräfte feuern täglich noch etwa 40 ballistische Raketen, Hormuz bleibt für westlichen Schiffsverkehr nahezu gesperrt und heute feuerten Houthi-Verbündete wieder Raketen auf Frachtschiffe im Roten Meer. 100 Tage nach Kriegsbeginn ist das Ergebnis ein Paradox: Die USA haben 85 Prozent der iranischen Verteidigungsindustrie zerstört, erzwingen aber keinen Frieden.
Operation Epic Fury und was daraus wurde
Am 28. Februar 2026 griffen US-Kampfflugzeuge und israelische Raketen gleichzeitig 85 Ziele in Iran an: Raketendepots, Luftabwehranlagen, Geheimdiensteinrichtungen und den Amtssitz des Obersten Führers Ali Khamenei, der bei dem Angriff getötet wurde. Teheran antwortete in den folgenden Stunden mit Hunderten ballistischen Raketen und Tausenden Drohnen auf Israel, US-Stützpunkte in der Region und arabische Verbündete der USA.
Was folgte, war kein kurzer Schlagabtausch. Am 13. April schlossen die USA die Straße von Hormuz für westlichen Handel und blockierten iranische Häfen. Bereits am 7. April hatten Washington und Teheran einen ersten zweiwöchigen Waffenstillstand vereinbart, den US-Präsident Trump am 21. April verlängerte. Die USA erklärten die Operation Epic Fury am 5. Mai offiziell für beendet. Doch die Kämpfe gingen weiter: iranische Drohnenangriffe auf US-Radarsites, israelische Bodenoperationen im Libanon gegen die Hisbollah, Huthi-Angriffe auf Handelsschiffe.
Erschöpft, aber nicht besiegt
Die militärische Bilanz ist für den Iran verheerend. US-Admiral Brad Cooper sagte vor dem Kongress aus, die USA hätten mehr als 1.450 Luftangriffe geflogen und über 85 Prozent der iranischen Verteidigungsindustrie zerstört. Die tatsächlichen Startfrequenzen belegen das: Irans ballistische Raketenstarts sanken von 480 pro Tag zu Kriegsbeginn auf heute etwa 40 täglich, ein Rückgang von 92 Prozent. Drohnenstarts fielen von 720 auf 60 pro Tag.
Trotzdem ist Iran nicht besiegt. Vierzig Raketen täglich bedeuten immer noch eine erhebliche Belastung für US- und israelische Abfangsysteme. Die iranische Marine verlor zwar über 50 Schiffe, darunter die Fregatte Dena mit mehr als 100 Besatzungsmitgliedern, aber die asymmetrische Kriegsführung über Hisbollah und Huthis bleibt intakt. Allein am heutigen Samstag meldete CENTCOM: Houthi-Milizen griffen zwei Frachtschiffe mit vier Raketen an, US-Streitkräfte zerstörten vier Drohnen, zwei Raketen und ein Huthi-Patrouillenboot. Keine Verluste auf US- oder Koalitionsseite.
Irans politische Führung ist nach dem Tod Khameneis neu geordnet. Am 8. März 2026 ernannte die Expertenversammlung Mojtaba Khamenei, Sohn des getöteten Obersten Führers, zu dessen Nachfolger. Er gilt laut ZDF als Hardliner mit engen Verbindungen zu den Revolutionsgarden (IRGC). Öffentlich sichtbar ist er kaum; faktisch dominieren IRGC-Kommandeure die operativen Entscheidungen. Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf erklärte Ende Mai öffentlich: „Iran gewinnt Zugeständnisse nicht durch Gespräche, sondern durch Raketen." Das ist die Linie, die sich durchgesetzt hat.
20.000 Seeleute und der Ölpreis
Die wirtschaftliche Dimension des Konflikts geht weit über die Kriegsparteien hinaus. Rund zwanzig Prozent des globalen Öl- und Flüssigerdgashandels wurden durch die Sperrung der Straße von Hormuz zeitweise lahmgelegt. Der Brent-Rohölpreis stieg im April auf durchschnittlich 117 Dollar pro Barrel, mit einem Tageshoch von 138 Dollar am 7. April. Aktuell notiert Brent bei rund 94 Dollar, noch immer deutlich über dem Vorkriegsniveau.
Auf See saßen rund 20.000 Seeleute auf etwa 2.000 Schiffen fest; die US-Marine leitete bis Anfang Juni rund 70 Handelsschiffe über eine Alternativroute entlang der omanischen Küste. Am 29. Mai beendete Trump die US-Seeblockade iranischer Häfen nach Verhandlungen. Laut US-Verteidigungsministerium verlor Iran in den Wochen der Blockade etwa 4,8 Milliarden Dollar an Öleinnahmen; 31 Tanker mit 53 Millionen Barrel iranischem Öl lagen fest. Die EIA schätzt, dass der Brent-Preis im zweiten Quartal 2026 im Durchschnitt bei rund 104 Dollar notierte, fast doppelt so hoch wie zu Jahresbeginn.
Für Deutschland bedeutet der anhaltend erhöhte Energiepreis zusätzlichen Druck auf Industriebetriebe, die ohnehin mit schwacher Konjunktur kämpfen. Die EZB hat die Energiepreisrisiken aus dem Nahost-Konflikt seit April als aktiven Faktor in ihren Inflationserwartungen eingestuft.
Pakistan als einziger offener Kanal
Die Diplomatie stockt. Ende Mai einigten sich Washington und Teheran vorläufig auf eine 60-tägige Verlängerung des Waffenstillstands und die Aufnahme von Nukleargesprächen. Trump verlangte dann eigene Korrekturen am ausgehandelten Text: detaillierte Regelungen zu Irans angereichertem Uranvorrat und die sofortige Wiedereröffnung von Hormuz ohne Gebühren. Iran lehnte ab. Am 5. Juni feuerten US-Streitkräfte erneut auf iranische Radarsites; Teheran bezeichnete das als „klaren Verstoß" gegen den Waffenstillstand.
Der einzige aktive Vermittlungskanal verläuft derzeit über Pakistan. Innenminister Mohsin Naqvi besuchte Teheran in den vergangenen zwei Wochen dreimal, zuletzt am gestrigen Freitag. Er brachte kein formales Abkommen zustande, hielt aber die Gesprächslinie offen. Außenminister Marco Rubio hat die Wiedereröffnung von Hormuz zur Vorbedingung für Phase-zwei-Atomverhandlungen erklärt. Iran hingegen koppelt einen dauerhaften Waffenstillstand an einen vollständigen Stopp aller israelischen Operationen in Gaza und Libanon. Das ist eine Bedingung, die Washington gegenüber Jerusalem nicht durchsetzen kann und unter der jetzigen Regierung Netanjahu nicht durchzusetzen versucht.
Hisbollah-Generalsekretär Naim Qassem bezeichnete das jüngste US-vermittelte Waffenstillstandsangebot für Libanon am 3. Juni als „absurd, erniedrigend und beleidigend". Hisbollah kämpft weiter, während Israel seinen Bodeneinsatz in Richtung der Großstadt Nabatieh ausdehnt. 3.526 Menschen sind im Libanon seit Kriegsbeginn nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums getötet worden, 10.733 wurden verletzt.
Acht Tage bis Évian
Der nächste diplomatische Termin von Gewicht ist der G7-Gipfel in Évian-les-Bains vom 15. bis 17. Juni. Frankreich hat 2026 den G7-Vorsitz; Gastgeber Emmanuel Macron empfängt Trump, Bundeskanzler Friedrich Merz und die übrigen Staatschefs und Regierungschefs. Der Nahost-Konflikt steht ganz oben auf der Agenda, ebenso die Auswirkungen auf Energiemärkte und globale Handelswege.
Die transatlantischen Positionen könnten unterschiedlicher kaum sein: US-Finanzminister Scott Bessent drängt die G7-Partner auf verschärfte Iran-Sanktionen. Deutschland und Frankreich setzen auf einen neuen Verhandlungsrahmen. Gelingt auf dem Gipfel keine Annäherung, läuft der informelle Waffenstillstand ohne unterzeichnetes Memorandum bis Mitte Juli ab. Den Verhandlungskanal neu zu öffnen, bevor die Frist abläuft, ist die Aufgabe, die vor Évian liegt. Das GlobalSecurity-Institut fasste den Tag-100-Befund so zusammen: täglicher iranischer Drohnendruck auf Hormuz, US-Abfangaktionen als Selbstverteidigung eingerahmt, eine unter Reserve gehaltene Raketenfähigkeit und ein Verhandlungskanal, in dem beide Seiten die eingefrorenen 24 Milliarden Dollar iranischer Vermögenswerte als Hebel nutzen. Es ist ein Krieg, der zu unentschieden zu sein droht, um ihn zu gewinnen und zu teuer, um ihn einfach weiterzuführen.
Aktualisierungen
Update 9. Juni, 01:10 Uhr: Am 8. Juni eskalierte der Konflikt zum schwersten direkten Schlagabtausch seit der April-Waffenruhe: Israel bombardierte iranische Petrochemiekapazitäten und Raketenstellungen, Iran antwortete mit elf ballistischen Raketen auf israelische Städte. Am Montagabend stellte Israel seine Direktangriffe auf Iran auf persönliche Bitte Trumps ein; Iran folgte, bestand aber auf einer Bedingung: Halte Israel seine Libanon-Bombardierungen aufrecht, werde Teheran mit härteren Maßnahmen reagieren. Parallel drohten die iranischen Revolutionsgarden mit einem 'Gürtel des Widerstands' von der Straße von Hormuz bis zur Meerenge Bab al-Mandab. Saudi-Arabien leitet rund 70 bis 75 Prozent seiner Rohölexporte über das Rote Meer, weil der Persische Golf weitgehend gesperrt ist. Diese Alternativroute steht nun unter Druck: Huthis verkündeten am 8. Juni eine vollständige Seeblockade israelischer Schiffe im Roten Meer. Energieanalysten halten Brent-Preise zwischen 150 und 200 Dollar für möglich, sollten beide Meerengen gleichzeitig schließen. Aktuell notiert Brent bei rund 97 Dollar.
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