Trump bedroht Irans Kraftwerke: UN warnt vor Kriegsverbrechen
Auf Fox News erklärte US-Präsident Donald Trump am Dienstag: „Nächste Woche kommen die Kraftwerke, nächste Woche kommen die Brücken", ausgenommen, Iran kehre an den Verhandlungstisch zurück. UN-Generalsekretär António Guterres widersprach noch am selben Tag: „Kein militärisches Ziel rechtfertigt die vollständige Zerstörung der Infrastruktur einer Gesellschaft oder das mutwillige Zufügen von Leid für die Zivilbevölkerung." Mit dieser Drohung nähert sich der Konflikt einer Grenze, die das humanitäre Völkerrecht seit 1977 klar markiert.
Was Trump konkret ankündigt
Zwei Zielkategorien nannte Trump in seinem Fox-News-Interview: Kraftwerke und Brücken im Iran. Auf der NATO-Gipfelbühne in Ankara hatte er in der Vorwoche auch Entsalzungsanlagen und Häfen erwähnt. Das US-Militär hat bislang seine Angriffe auf militärische Einrichtungen beschränkt: Raketenläger, Drohnenbasen, Kommunikationsinfrastruktur und Marineanlagen. CENTCOM bestätigte für die Nacht vom 14. Juli eine fünfstündige Mission gegen sechs Standorte, darunter Buschehr, Tschah Bahar, Jask, Konarak, Abu Musa und Bandar Abbas. Diese Ziele gelten als militärisch. Kraftwerke, Brücken und Wasseranlagen sind es nicht.
Der Unterschied ist rechtlich entscheidend. Das US-Militär argumentiert, Elektrizitätswerke seien Dual-Use-Infrastruktur, weil sie auch militärische Anlagen versorgen. Völkerrechtler weisen darauf hin, dass dieser Einwand die Verhältnismäßigkeitsprüfung nicht aufhebt: Der erwartete militärische Vorteil darf den voraussehbaren Schaden für die Zivilbevölkerung nicht überwiegen. in einem Land mit extremer Sommerhitze
Irans Wasserversorgung ist schon jetzt am Limit
Besonders folgenreich wäre eine Eskalation gegen Entsalzungsanlagen. Irans Golfküste versorgt laut dem Wasserforschungsinstitut WRI rund 30 Millionen Menschen, ein Drittel der Bevölkerung, mit entsalztem Wasser. Das Institut klassifiziert Irans Wasserversorgung als „extrem hoch belastet": fünf aufeinanderfolgende Dürrejahre haben die Lage verschärft. Teherans Amir-Kabir-Talsperre war im November 2025 auf acht Prozent Kapazität gefallen.
Die abstrakte Drohung hat bereits einen Präzedenzfall. Am 7. März trafen US-Streitkräfte eine Entsalzungsanlage auf der Insel Keschm in der Hormusstraße, die 30 Dörfer mit Wasser versorgte. Iran antwortete am 8. März mit einem Drohnenangriff auf eine Entsalzungsanlage in Bahrain, die nach bahrinischen Angaben rund 350.000 Menschen versorgt. Das Muster gegenseitiger Angriffe auf Wasserversorgung ist damit etabliert, bevor die Drohungen gegen Kraftwerke überhaupt umgesetzt wurden.
Was das humanitäre Völkerrecht verbietet
Artikel 54 des Ersten Zusatzprotokolls zu den Genfer Konventionen von 1977 verbietet ausdrücklich Angriffe auf Objekte, die für das Überleben der Zivilbevölkerung unentbehrlich sind. Dazu gehören Trinkwasser und Nahrungsversorgung, aber auch Stromanlagen, die Wasserwerke und Krankenhäuser betreiben. Artikel 48 kodifiziert das Unterscheidungsprinzip: Konfliktparteien müssen jederzeit zwischen zivilen und militärischen Objekten unterscheiden.
Frankreichs Außenminister Jean-Noël Barrot erklärte, Angriffe auf zivile und Energieinfrastruktur seien „durch die Kriegsregeln und das Völkerrecht verboten" und könnten ein Kriegsverbrechen darstellen. PBS News zitierte US-amerikanische Völkerrechtler mit übereinstimmender Einschätzung. Der Tagesspiegel analysiert die geplanten Drohungen als „ein gefährliches Spiel mit dem Völkerrecht". Die USA haben das Erste Zusatzprotokoll nie ratifiziert, sind aber Partei der Genfer Konventionen, aus denen das Unterscheidungsgebot ebenfalls folgt.
Iran droht seinerseits mit der Wasserversorgung der Golfstaaten
Trump ist nicht der Einzige, der Infrastruktur als Druckmittel einsetzt. Iran hat angekündigt, im Eskalationsfall „lebenswichtige Infrastruktur in der gesamten Region" zu treffen, ausdrücklich nannte Teheran Energie- und Entsalzungsanlagen der Golfstaaten. Für Kuwait, Bahrain, Katar und die VAE ist das eine existenzielle Drohung: Bahrain deckt über 90 Prozent seines Trinkwasserbedarfs durch Entsalzung, Katar sogar 99 Prozent; Kuwait ist ähnlich abhängig. Die Golfstaaten haben nach dem Märzangriff auf Bahrain ihre strategischen Wasserreserven aufgestockt, die aber nur für wenige Tage reichen.
Saudi-Arabien und Katar haben Iran nach dem Angriff auf Bahrain als Bedrohung der regionalen Sicherheit bezeichnet. Die VAE, die gleichzeitig mit den USA verbündet sind und enge Wirtschaftsbeziehungen zu Iran unterhalten, planen mit DP World einen neuen Großhafen in Fujairah, der die Abhängigkeit von Hormus langfristig senken soll. Diese Schritte zeigen, dass die Golfstaaten nicht mehr auf kurzfristige Deeskalation setzen.
Die Uhr bis zur Woche des 20. Juli
Trump hat sein Ultimatum auf „nächste Woche" datiert, also den Zeitraum ab dem 20. Juli. Ob Iran bis dahin einen Verhandlungseinstieg signalisiert, entscheidet sich in den Gesprächen, die über Katar, Pakistan und Oman laufen. Diese Kanäle sind nach übereinstimmenden Berichten noch aktiv. UN-Generalsekretär Guterres mahnte beide Seiten: „Dieser Konflikt hat keine militärische Lösung." Die Frage ist, ob Trumps Drohung Teheran an den Tisch zwingt oder die Eskalationsspirale weiter beschleunigt. Die letzte Waffenstillstandserfahrung, das Islamabad-Memorandum vom 17. Juni, war nach weniger als vier Wochen kollabiert. Iran hat seither erklärt, „keine Verpflichtungen" mehr aus dem Memorandum zu kennen.
Aktualisierungen
Update 22. Juli, 21:01 Uhr: Trump verschärfte die Drohung am 22. Juli per Truth Social auf eine explizit automatische Vergeltungsformel: Jedes Mal, wenn der Iran in der Straße von Hormus ein Schiff angreife, würden die USA „eine Brücke oder ein Kraftwerk“ bombardieren und zerstören, darunter auch Ziele in Teherans Stadtgebiet. Der Kontext hat sich seit dem 15. Juli grundlegend verändert: US-Streitkräfte flogen den elften Luftangriff in Folge gegen iranische Ziele, der Iran hat nach US-Angaben in drei Monaten mehr als 30 Handelsschiffe in der Hormusstraße angegriffen und drei US-Soldaten kamen bei iranischen Angriffen auf Golfstützpunkte ums Leben. Das Islamabad-Memorandum gilt seither als endgültig suspendiert. Regionalvermittler legten Berichten zufolge einen Vorschlag für eine zehntägige Waffenruhe vor, dessen Annahme als unwahrscheinlich gilt.
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