USA beschießen erstmals Nuklearanlage Darkhovin im Irankrieg
Um 3:39 Uhr Ortszeit am 19. Juli schlugen mehrere Geschosse in das Gelände der Nuklearanlage Darkhovin in der iranischen Provinz Khuzestan ein. Irans Atomenergieorganisation bezeichnete den Angriff als den ersten Beschuss einer mit dem Atomprogramm verbundenen Einrichtung in diesem Krieg. Darkhovin ist nicht in Betrieb, was die unmittelbare Gefahr begrenzt, aber den Schritt nicht kleiner macht: Bislang hatten US-Streitkräfte Nuklearanlagen aus dem Zielkatalog herausgehalten.
Darkhovin: Baustelle ohne Kernmaterial
Das Kernkraftwerk Darkhovin, auch unter den Namen Karun oder IR-360 bekannt, liegt in der Provinz Khuzestan im Südwesten Irans. Seit 2022 baut Iran dort einen einheimisch entwickelten Reaktor mit einer geplanten Kapazität von 300 bis 360 Megawatt. Die Anlage ist weder fertiggestellt noch je in Betrieb gegangen. Nach Angaben der IAEA aus der letzten Inspektion befanden sich keine Brennstäbe oder sonstiges nukleares Material auf dem Gelände. Ein radiologisches Risiko besteht nicht.
Das mindert die unmittelbare Gefahr, nicht aber die symbolische Wirkung. Darkhovin steht für den dritten iranischen Anlauf, einen einheimisch konstruierten Reaktor zu errichten. Das Arak-Schwerwasserprogramm wurde 2015 im Nukleardeal faktisch eingefroren; Darkhovin ist Irans neuester Versuch. Die Anlage ist Teil eines nuklearen Souveränitätsanspruchs, den Teheran seit Jahrzehnten gegen westliche Forderungen verteidigt.
IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi ließ mitteilen, die Behörde untersuche den Vorfall und stehe in Kontakt mit iranischen Behörden. Er forderte maximale militärische Zurückhaltung in der Nähe aller nuklearbezogenen Einrichtungen, ohne die USA namentlich zu nennen oder den Angriff zu verurteilen. Iran warf den Vereinigten Staaten vor, mit dem Beschuss gegen Völkerrecht zu verstoßen.
Kuwait im Kreuzfeuer: Der Krieg greift auf den Golfstaat über
Parallel eskalierte der Iran seine Angriffe gegen Kuwait. Iranische Raketen und Drohnen trafen mehrere kuwaitische Ölanlagen, Brände brachen aus und beschäftigten Feuerwehrteams stundenlang. Ein Mitarbeiter des Ölsektors wurde verletzt, mehrere Feuerwehrleute ebenfalls. Kuwaits Militär bestätigte, einen Teil der Geschosse abgefangen zu haben und schloss zeitweise den Luftraum.
Kuwait hatte sich seit Kriegsbeginn um Neutralität bemüht und beide Seiten zur Deeskalation gedrängt. Auch Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate hatten auf Mäßigung gedrungen, weil die Hormusblockade den eigenen Seehandel lähmt. Irans direkte Schläge gegen kuwaitische Infrastruktur machen diese Vermittlungsrolle hinfällig und vergrößern den regionalen Flächenbrand.
Acht Nächte, 50 Tote: Die Bilanz seit dem MoU-Zusammenbruch
Die Darkhovin-Attacke ereignete sich in der achten aufeinanderfolgenden Nacht amerikanischer Angriffe auf iranische Ziele. Laut iranischen Behörden wurden seit dem Ende des Islamabad-Memorandums mindestens 50 Menschen durch US-Angriffe in Iran getötet, über 500 verletzt. CENTCOM bestätigt die Zahlen nicht und erklärt, ausschließlich militärische Ziele anzugreifen.
Das Islamabad-Memorandum hatten US-Präsident Donald Trump und Irans Präsident Masoud Pezeshkian am 17. Juni am Rande des G7-Gipfels in Versailles unterzeichnet. Es sah die vollständige Öffnung der Hormusstraße, das Einfrieren der US-Sanktionen und einen 60-tägigen Verhandlungsprozess über Irans Nuklearprogramm vor. Es hielt weniger als vier Wochen. Am 7. Juli beschoss die Iranische Revolutionsgarde emiratische Öltanker; Trump erklärte das MoU am 8. Juli für beendet und ordnete sofortige Gegenschläge an.
Am 18. Juli starben zwei US-Soldaten bei einem iranischen Drohnen- und Raketenangriff auf den Stützpunkt Al Azraq in Jordanien, ein weiterer wird vermisst. Trump kündigte Vergeltung an. Iran hat das Memorandum formell für suspendiert erklärt und jegliche Verhandlungen abgelehnt, solange Angriffe andauern.
Was die IAEA tun kann und was nicht
Die IAEA verfügt über kein militärisches Durchsetzungsmittel. Grossis Appell zur maximalen Zurückhaltung folgt demselben Muster, das er bereits nach Angriffen auf das AKW Saporizhzhia in der Ukraine anwendete, ohne dass die Angriffe dort beendet worden wären. Im UN-Sicherheitsrat ist ein Veto Russlands oder Chinas bei einem Resolutionsentwurf wahrscheinlich.
Die für Ende Juli auf Schweizer Vermittlung in Genf geplanten indirekten Gespräche zwischen Washington und Teheran galten bereits nach den Brücken- und Wasserangriffen der Vorwoche als gefährdet. Nach dem Beschuss von Darkhovin steht ihre Zukunft noch offener. Trump hatte am 14. Juli in einem Fox-News-Interview angekündigt, ab der Woche des 20. Juli iranische Kraftwerke zu bombardieren. Operationelle Reaktoren und Urananreicherungsanlagen in Natanz und Fordow wurden bislang nicht getroffen. Welche Ziele folgen, ist die entscheidende Frage der kommenden Tage.
Aktualisierungen
Update 20. Juli, 21:00 Uhr: In der Nacht auf den 20. Juli beschossen US-Streitkräfte Iran zum neunten Mal in Folge und weiteten die Angriffe erstmals auf Tabriz in Nordwestiran aus. Ein militärisches Gelände südwestlich der Stadt wurde getroffen; nach Angaben der ostaserbaidschanischen Provinzbehörde kam dabei ein iranischer Offizier ums Leben. Tabriz liegt gut 520 Kilometer von Teheran entfernt und gilt als Standort unterirdischer Raketeninfrastruktur. Es ist das erste Mal seit Beginn der neuerlichen Eskalation, dass die Stadt beschossen wurde. Die Gesamtzahl der im Irankrieg gefallenen US-Soldaten stieg auf 17. Außenminister Marco Rubio bekräftigte, die USA blieben trotz der geografisch ausgeweiteten Angriffe zu Verhandlungen bereit.
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