Iran: Verhandlungen gescheitert, Doppelblockade droht
Nach Wochen indirekter Diplomatie hat Iran am 1. Juni alle Gespräche mit den USA über eine Verlängerung der Waffenruhe abgebrochen. Teheran droht jetzt mit einer simultanen Sperrung zweier strategischer Meerengen: neben der Straße von Hormus auch Bab al-Mandab am Ausgang des Roten Meeres. Der Ölpreis reagierte sofort: Brent stieg auf rund 97 Dollar, ein Plus von knapp sieben Prozent.
Der Abbruch und seine Begründung
Die Ankündigung kam über Tasnim, die iranische Nachrichtenagentur, die den Revolutionsgarden (IRGC) nahesteht. Teherans offizielle Begründung: Israel habe durch fortgesetzte Luftangriffe auf den Libanon die roten Linien des Waffenstillstands verletzt. Premierminister Netanyahu hatte in den Tagen zuvor verstärkte Angriffe auf die südlichen Beiruter Vororte angeordnet; israelische Streitkräfte überquerten erstmals seit 2006 den Litani-Fluss. Iran stellt nun eine neue Maximalforderung: vollständiger Stopp aller israelischen Militäroperationen in Gaza und im Libanon sowie ein kompletter Rückzug aus besetzten Gebieten, bevor Gespräche fortgesetzt werden können.
Das schafft eine Konstellation, in der die USA zwei Kriege gleichzeitig managen müssen: den direkten Konflikt mit Iran an Hormus und Israels expandierende Operationen im Libanon und in Gaza. Washington kann die israelische Bedingung nicht allein erfüllen; Israel unter seiner derzeitigen Regierung hat keine Absicht, sie zu erfüllen.
Trumps Reaktion war widersprüchlich. NBC News zitierte ihn mit: "Wenn Sie die Wahrheit wissen wollen, ich glaube, wir haben genug geredet." Gleichzeitig postete er auf Truth Social, die Gespräche liefen "in rasantem Tempo" weiter. Welche Linie Washingtons tatsächliche Position beschreibt, bleibt unklar.
Irans innenpolitische Logik
Der Abbruch ist nicht nur eine Reaktion auf israelische Angriffe. Er spiegelt auch den Druck der Hardliner im IRGC wider. Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf, Teherans Unterhändler in Doha, hatte noch am 29. Mai öffentlich erklärt: "Iran gewinnt Zugeständnisse nicht durch Gespräche, sondern durch Raketen." Die Aussage markierte einen innenpolitischen Stimmungswandel unter Irans Revolutionsgardenführung, die den diplomatischen Kurs zunehmend als Schwäche interpretiert.
Irans Verhandlungsführung hatte zuletzt 24 Milliarden Dollar eingefrorene Vermögenswerte als Minimalposition für die Unterzeichnung eines Memorandums gefordert. Trump hatte diese Summe abgelehnt und stattdessen eigene Korrekturen am ausgehandelten Text vorgenommen: Er verlangte detaillierte Regelungen zu Irans angereichertem Uranvorrat und die sofortige Öffnung von Hormus ohne Gebühren. Damit blockierten beide Seiten gleichzeitig den Abschluss. Der Abbruch durch Iran ist insofern auch ein Weg, die Verantwortung für das Scheitern auf Israel zu verschieben, ohne Trumps Korrekturen als Hauptgrund benennen zu müssen.
Doppelblockade als globale Energiefrage
Die neue strategische Drohung ist die Aktivierung von Bab al-Mandab. Die Meerenge zwischen Jemen und Dschibuti ist die Verbindung zwischen Rotem Meer und Indischem Ozean. Täglich passieren dort trotz Huthi-bedingter Störungen noch rund vier Millionen Barrel Rohöl sowie ein Großteil des Containerverkehrs zwischen Europa und Asien über die Suezkanal-Route. Iran kontrolliert diese Meerenge nicht direkt, kann sie jedoch über verbündete Huthi-Kräfte im Jemen unter Druck setzen.
Gemeinsam mit Hormus würde eine gleichzeitige Störung an Bab al-Mandab eine energiepolitische Klemme erzeugen, die keinen schnell verfügbaren alternativen Seeweg für Nahostöl lässt. Saudi-Arabiens Exportterminal Yanbu am Roten Meer ist auf Bab al-Mandab angewiesen: Schätzungsweise 70 bis 75 Prozent von Riyadhs Rohölexporten passieren diese Meerenge. Eine vollständige Doppelblockade käme damit auch einer indirekten Eskalation gegenüber Saudi-Arabien gleich, das in diesem Krieg bisher neutral geblieben ist.
Der Ölmarkt preist dieses Risiko bereits ein. Brent-Rohöl stieg auf rund 97 Dollar, WTI auf etwa 91 Dollar. Für Deutschland bedeutet das zusätzlichen Druck auf die gerade stabilisierenden Energiekosten: Deutsche Industrieunternehmen haben seit Monaten auf teureres Nordsee-Öl und alternative Routen umgestellt. Ein anhaltender Ölpreis über 100 Dollar würde Inflationserwartungen, die EZB noch als unter Kontrolle bewertet, erneut verschieben.
G7-Gipfel in Évian als nächste Weggabelung
Der nächste diplomatische Termin von Gewicht ist der G7-Gipfel in Évian-les-Bains, 15. bis 17. Juni. Deutschland und Frankreich werden dort Druck auf Trump ausüben, einen Verhandlungskanal wiederherzustellen. Außenminister Johann Wadephul rief Israel und die Hisbollah am 2. Juni zur Zurückhaltung auf; der Konflikt im Libanon steht auf der UN-Sicherheitsratsagenda. Ob das ausreicht, Teheran an den Tisch zurückzubringen, ist unwahrscheinlich, solange Israel seine Operationen fortsetzt.
US-Verteidigungsminister Pete Hegseth erklärte zuletzt, die USA seien stärker militärisch positioniert als zu Kriegsbeginn. Eine tatsächliche Sperrung von Bab al-Mandab würde CENTCOM-Kräfte in der Region direkt herausfordern, weil US-Kriegsschiffe regelmäßig durch diese Meerenge operieren. Die aktuelle Waffenruhe hat ohne unterzeichnetes Memorandum keinen formalen Bestand: Sie läuft bis Mitte Juli ab. Wenn bis zum G7-Gipfel am 15. Juni kein Verhandlungskanal wiederhergestellt ist, läuft die Frist ohne diplomatische Lösung ab.
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