Wer zahlt den Irankrieg: USA, Europa, Norwegen
Wirtschaft

Wer zahlt den Irankrieg: USA, Europa, Norwegen

Die US-Inflationsrate kletterte im April auf 3,8 Prozent, den höchsten Stand seit Mai 2023. Während Verbraucher in Importländern höhere Energie- und Lebenshaltungskosten tragen, profitiert Norwegen von 68 Prozent mehr Öleinnahmen als noch im Herbst erwartet.

12. Mai 2026, 16:40 Uhr 733 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Brent-Rohöl kostet am heutigen Dienstag rund 105 Dollar pro Barrel, 46 Prozent mehr als am Tag vor dem Irankrieg. Die Folgen reichen von Washington bis Oslo. In den USA stieg die Inflationsrate im April auf 3,8 Prozent, den höchsten Stand seit Mai 2023. Norwegen dagegen rechnet mit Öleinnahmen von rund 79 Milliarden Dollar für 2026, 30 Prozent mehr als noch im Herbst erwartet. Der Irankonflikt verteilt wirtschaftliche Belastungen und Gewinne entlang einer alten Logik: Wer Öl importiert, zahlt. Wer exportiert, verdient.

Vom 72-Dollar-Niveau auf 105 Dollar: Preise seit dem 28. Februar

Der Iran-Krieg begann am 28. Februar 2026 mit US-amerikanischen und israelischen Militärschlägen. Wenige Tage danach unterbrach Iran den Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus, durch die rund 20 Prozent des weltweiten Öls fließen. Der Brent-Rohölpreis kletterte von rund 72 Dollar pro Barrel vor dem Krieg auf über 120 Dollar auf dem Höhepunkt im März und konsolidiert seitdem bei rund 105 Dollar, etwa 46 Prozent über dem Vorkriegsniveau.

Der Preisanstieg übertrug sich mit einigen Wochen Verzögerung auf die Endverbraucherpreise. In Deutschland lag die Inflationsrate im April 2026 bei 2,9 Prozent, dem höchsten Stand seit Januar 2024, getrieben von einem Energiepreisanstieg von 10,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In den USA fiel der Anstieg deutlicher aus, weil Energie einen größeren Anteil am Warenkorb einnimmt und Kraftstoffpreise weniger durch staatliche Steuern abgepuffert werden als in Europa.

Was 3,8 Prozent für US-Haushalte und die Fed bedeuten

Der US-Verbraucherpreisindex stieg im April 2026 um 0,6 Prozent gegenüber dem Vormonat, das stärkste monatliche Plus seit Herbst 2022. Benzin verteuerte sich im Jahresvergleich um 28,4 Prozent, Heizöl um 54,3 Prozent. Die gesamten Energiepreise legten um 17,9 Prozent zu. Für einen durchschnittlichen US-Haushalt mit Auto und Ölheizung bedeutet das monatliche Mehrausgaben im dreistelligen Dollarbereich.

Die geldpolitischen Konsequenzen sind erheblich. Die Federal Reserve hatte im Frühjahr mehrere Zinssenkungen für 2026 in Aussicht gestellt. Bei einer Inflationsrate von 3,8 Prozent sind diese Erwartungen unrealistisch geworden. US-Notenbankvertreter haben zuletzt klar signalisiert, dass Zinssenkungen erst dann realistisch werden, wenn die Inflation spürbar unter 3 Prozent fällt. Das Zeitfenster hängt damit direkt davon ab, wie lange die Hormusblockade anhält.

Die Deutsche Verbraucherzentrale sieht für Deutschland vergleichbare Belastungsmuster: Untere Einkommensgruppen, die einen größeren Anteil ihres Budgets für Energie aufwenden, tragen den Energiepreisanstieg überproportional. In beiden Ländern trifft er Pendler, Ölheizer und Haushalte mit geringer Kaufkraftreserve am härtesten.

Norwegen: 68 Prozent mehr Öleinnahmen

Das norwegische Finanzministerium hob seine Prognose für staatliche Öl- und Gaseinnahmen 2026 auf umgerechnet rund 79 Milliarden US-Dollar an, gegenüber 61 Milliarden Dollar aus der Oktober-Prognose. Die Exporteinnahmen aus dem Ölsektor stiegen nach Angaben des staatlichen Energiekonzerns Equinor um 68 Prozent. Der durchschnittliche angenommene Ölpreis für 2026 wurde von 67 auf 91 Dollar pro Barrel angepasst. Norwegen wird nach den geltenden Haushaltsregeln in diesem Jahr rund 57 Milliarden Dollar aus dem Staatsfonds für den Staatshaushalt entnehmen, während gleichzeitig die höheren Öleinnahmen den mit 2,2 Billionen Dollar größten Staatsfonds der Welt weiter wachsen lassen.

Norwegen ist exemplarisch für eine breitere Gruppe von Ölförderstaaten. Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und andere OPEC-Mitglieder verbuchen strukturell ähnliche Haushaltszuwächse. Der Konflikt am Persischen Golf reaktiviert eine klassische Verteilungslogik: Förderstaaten erzielen Budgetspielräume für Staatsausgaben und Staatsfonds, Importstaaten kämpfen gleichzeitig mit höherer Inflation und gedämpftem Wirtschaftswachstum.

EZB im Dilemma: Wachstum schwächt sich ab, Inflation steigt

Auch die Europäische Zentralbank steht vor einem schwierigen Abwägungsproblem. Das ifo-Institut prognostiziert für Deutschland 2026 nur noch 0,6 Prozent Wirtschaftswachstum, wesentlich durch den anhaltenden Energiepreisschock gebremst. Gleichzeitig macht eine Inflationsrate von 2,9 Prozent vorschnelle Zinssenkungen riskant.

Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer hatte früh gewarnt: Halte der Konflikt mehrere Monate an, sei in der Eurozone mit mindestens einem zusätzlichen Inflationsprozentpunkt zu rechnen, verbunden mit einem Rückgang des Wirtschaftswachstums um mehrere Zehntel Prozentpunkte. Gemessen an den April-Zahlen liegt diese Prognose auf Kurs. Die nächste EZB-Zinsentscheidung wird zeigen, ob der Energiepreisschock als vorübergehend oder als strukturell eingestuft wird.

Vor dem Verteidigungsministertreffen der 40 Staaten

Der entscheidende Faktor bleibt die Straße von Hormus. Heute beraten Verteidigungsminister aus 40 Staaten über eine mögliche internationale Schutzmission für die Meerenge. Eine dauerhaft gesicherte Durchfahrt für Tankschiffe würde nach Einschätzung von Marktanalysten den Brent-Preis spürbar senken und die Inflationsdynamik in den USA und Europa verlangsamen. Scheitern die Verhandlungen, bleibt der Ölmarkt auf absehbare Zeit angespannt.

Auf längere Sicht wirken hohe Ölpreise als Beschleuniger der Energiewende: Investitionen in Solar- und Windenergie rechnen sich bei 105-Dollar-Öl deutlich schneller, Wärmepumpen gewinnen gegenüber Heizöl an Wettbewerbsfähigkeit. Für Haushalte und Unternehmen, die kurzfristig planen müssen, ist dieser Struktureffekt allerdings wenig hilfreich.

Quellen (6)

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