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International
Gazas Waffenruhe zerbricht: Hilfsblockade trifft 1,6 Millionen Hungernde

Gazas Waffenruhe zerbricht: Hilfsblockade trifft 1,6 Millionen Hungernde

Das im Oktober 2025 vereinbarte Waffenstillstandsabkommen zwischen Israel und der Hamas ist funktional gescheitert. Seit dem 28. Februar sind alle Grenzübergänge geschlossen, 77 Prozent der Bevölkerung Gazas gelten als akut ernährungsunsicher.

15. April 2026, 22:31 Uhr 692 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Das im Oktober 2025 vereinbarte Waffenstillstandsabkommen zwischen Israel und der Hamas gibt es noch auf dem Papier. Die Realität in Gaza sieht anders aus: Seit dem 28. Februar 2026 hat Israel alle Grenzübergänge geschlossen, nachdem ein regionaler Konflikt ausgebrochen war. 1,6 Millionen Menschen, 77 Prozent der Bevölkerung des Gazastreifens, gelten laut UN-Analyse als akut ernährungsunsicher. Für noch nicht freigelassene israelische Geiseln rückt eine Rückkehr damit weiter in die Ferne.

Sechs Monate Waffenruhe, ein Drittel der vereinbarten Hilfe

Das Waffenstillstandsabkommen vom 10. Oktober 2025 sah 600 Lastwagen täglich mit humanitären Hilfsgütern vor. Die Realität blieb von Beginn an weit dahinter zurück: Zwischen Oktober und November 2025 passierten durchschnittlich 145 Lastwagen pro Tag die Grenze. Über den gesamten Zeitraum von Oktober 2025 bis April 2026 gingen 41.714 Lastwagen ein, von den vereinbarten 110.400. Das entspricht 37,8 Prozent. Bei Treibstofflieferungen lag die Quote noch deutlich niedriger.

Im Dezember 2025 hatten UN-Organisationen die Lage als vorsichtig besser eingestuft: Die drohende Hungersnot sei vorerst abgewendet, die Fortschritte jedoch fragil. Diese Einschätzung galt für eine Situation, in der zumindest ein eingeschränkter Warenfluss existierte. Ende Februar endete auch das. Als der Regionalkonflikt eskalierte, schloss Israel alle Grenzübergänge, einschließlich des Rafah-Übergangs. Seitdem ist keine externe Hilfe mehr eingegangen.

Was die UN-Zahlen bedeuten

Das Integrated Food Security Phase Classification, das standardisierte Messinstrument der Vereinten Nationen für Hungerkrisen, klassifiziert vier von fünf Gouvernoraten Gazas derzeit in der Notstandsphase (IPC Phase 4). Das bedeutet keine Hungersnot, aber die Stufe unmittelbar darunter: Bevölkerungsgruppen überleben nur durch den Verbrauch letzter Reserven. Über 100.000 Kinder und 37.000 schwangere und stillende Frauen stehen nach IPC-Projektion bis April 2026 vor akuter Unterernährung.

Der UN-Sicherheitsrat befasste sich Mitte April mit der Lage. Die stellvertretende UN-Sonderkoordinatorin erklärte, die Wiederaufnahme von Kampfhandlungen und die Blockade von Hilfslieferungen würden die Errungenschaften des Waffenstillstands systematisch untergraben.

Das Hamas-Medienbüro bezifferte die israelischen Verstöße gegen das Waffenstillstandsabkommen zwischen Oktober 2025 und dem 14. April 2026 auf 2.400 Fälle, darunter 1.109 Luftangriffe und Artilleriebeschuss sowie 921 direkte Angriffe auf Zivilisten. Die Angaben stammen von einer Konfliktpartei und sind unabhängig nicht vollständig verifizierbar. Unbestritten ist, dass bei israelischen Angriffen im April mindestens elf Palästinenser getötet wurden, darunter zwei Kinder.

Israel hatte Ende März ein neues Konzept für die Abwicklung von Hilfslieferungen vorgelegt. UN-Hilfsorganisationen und humanitäre Partner lehnten es ab, weil es die humanitären Grundprinzipien nicht vollständig wahre. Das israelische Außenministerium hatte zu früheren Phasen des Waffenstillstands eigene Daten veröffentlicht, nach denen in den ersten Wochen Hunderte Lastwagen täglich die Grenze passierten. Die Diskrepanz zwischen israelischen Angaben und UN-Daten ist ein struktureller Streitpunkt, der sich durch den gesamten Konfliktverlauf zieht.

Gaza im Schatten des Hormuskonflikts

Die humanitäre Lage in Gaza rückt in den Hintergrund des regionalen Konflikts um die Straße von Hormus. Internationale Medienaufmerksamkeit, diplomatische Kapazitäten und die politische Agenda der USA konzentrieren sich seit Wochen auf die Verhandlungen zwischen Teheran und Washington. Dieser Aufmerksamkeitsentzug ist strukturell gefährlich: Jede frühere Phase, in der internationales Interesse nachließ, war mit einer Verschlechterung der Hilfsversorgung verbunden.

Deutschland und Frankreich haben gemeinsam mit anderen EU-Partnern die sofortige Wiederherstellung des Hilfszugangs gefordert. Das Auswärtige Amt veröffentlichte Anfang April eine gemeinsame Geberstellungnahme zur humanitären Lage. Eine Wirkung auf Israels Grenzpolitik hatte das bislang nicht. Die USA, als Garantiemacht des Waffenstillstandsabkommens formal zuständig, sind durch die Hormuskrise gebunden und haben zu den jüngsten Entwicklungen in Gaza öffentlich geschwiegen.

Was als Nächstes entscheidet

Das IPC veröffentlicht in Kürze eine aktualisierte Analyse der Ernährungssicherheit in Gaza, die den Zeitraum nach der vollständigen Hilfsblockade erfassen wird. Im UN-Sicherheitsrat laufen Gespräche über eine weitere Resolution zur humanitären Situation. Ob verbleibende israelische Geiseln als Hebel für neue Verhandlungen dienen, ist offen. Solange die Grenzübergänge geschlossen bleiben, hat die Bevölkerung Gazas keine externen Ressourcen mehr zur Verfügung, um die sich verschlechternde Lage zu überbrücken.

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