Fischer warnt CDU: AfD-Kooperation wäre ihr Ende
Joschka Fischer warnt vor dem Untergang der CDU. Nicht wegen der AfD als Konkurrentin, sondern wegen jener CDU-Mitglieder, die mit ihr kooperieren wollen. Das historische Referenzmodell, das der frühere Außenminister im Tagesspiegel-Interview anlegt, ist präzise: Kooperation mit dem rechten Rand hat in anderen Ländern die Volksparteien nicht gestärkt, sondern aufgelöst.
27 Prozent und die Logik des Tabubruchs
Die Ausgangslage, gegen die Fischer argumentiert, ist konkret: Die AfD steht laut Infratest dimap im Deutschlandtrend vom Mai 2026 erstmals auf Platz eins aller Parteien mit 27 Prozent bundesweit. In Sachsen-Anhalt, wo am 6. September 2026 der nächste Landtag gewählt wird, liegt sie bei 41 Prozent. Aktuelle Umfragen sehen die CDU dort bei 26 Prozent, die Grünen und das BSW jeweils bei 4 Prozent und damit unter der Sperrklausel. Wenn beide nicht in den Landtag einziehen, bleibt der CDU rechnerisch kaum ein Weg zu einer Mehrheitsregierung ohne die AfD oder eine Dreierkoalition mit SPD und Linke.
Diese Arithmetik hat am Samstag den früheren schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Torsten Albig dazu bewogen, in der Neuen Osnabrücker Zeitung AfD-tolerierte Minderheitsregierungen zu empfehlen. „Wenn 30 Prozent der Menschen diese Partei wählen, können wir nicht so tun, als wäre sie die Ausgeburt der Hölle“, sagte Albig. Die SPD reagierte umgehend: Landesvorsitzender Ulf Kämpfer sprach von „vollig verlorener Perspektive“, SPD-Vize Serpil Midyatli nannte den Vorstoß „absolut falsch“. Altkanzler Olaf Scholz bezeichnete ihn tags darauf auf Instagram als „verstörend“. Doch Fischer richtet sein Argument nicht an die SPD, sondern an eine andere Adresse.
Italiens Democrazia Cristiana als historische Referenz
Fischer bat im Tagesspiegel besonders jene in der CDU, die gern mit der AfD regieren wollten, die Geschichte der italienischen Democrazia Cristiana zu studieren. Die DC dominierte die italienische Nachkriegspolitik fast fünf Jahrzehnte. Als das System in den frühen 1990er-Jahren durch die Tangentopoli-Antikorruptionsermittlungen kollabierte und die Partei zunehmend mit Strömungen des rechten Randes paktierte, löste sie sich 1994 auf. Ihre Mitglieder zersplitterten in mehr als ein Dutzend Nachfolgeparteien, keine davon mit annähernder Bedeutung.
„[Eine Zusammenarbeit] würde die CDU nicht überleben. Es würde sie spalten. Ein Ende der CDU würde Deutschland erheblich destabilisieren“, sagte Fischer. Er beschrieb eine „unter der Oberfläche“ laufende Debatte in der CDU über die Frage, ob eine solche Kooperation denkbar sei. Die offizielle Linie kenne er, so Fischer. Aber die Unterströmung sei real und sie wachse mit jedem Umfragepunkt, den die AfD gewinne.
Die internationale Perspektive fügte Fischer mit einer Gegenfrage hinzu: Was würden Polen und Frankreich sagen, wenn die AfD in einem deutschen Bundesland an der Regierung beteiligt würde? Seine Antwort: „Spinnen die Deutschen jetzt wieder?“ Der Satz zielt auf ein Dilemma, das über die Innenpolitik hinausgeht. Deutschland hat seine außenpolitische Glaubwürdigkeit seit 1945 wesentlich auf der Distanz zum Nationalismus und Autoritarismus aufgebaut. Eine AfD-Regierungsbeteiligung würde dieses Signal weltweit sofort neu interpretiert.
Merz bekräftigt das Koalitionsverbot
CDU-Chef Friedrich Merz hat das Koalitionsverbot mit der AfD zuletzt beim Bundesparteitag im Februar 2026 bekräftigt. „Es wird keine Zusammenarbeit mit der AfD geben. Wir haben keine Gemeinsamkeiten mit dieser Partei, weder in Grundüberzeugungen noch in tagespolitischen Fragen“, sagte er dort. Der CDU-Beschluss stammt ursprünglich aus dem Jahr 2018 und wurde seither mehrfach bestätigt.
Fischers Warnung richtet sich also nicht gegen die offizielle Parteilinie, sondern gegen die Erosion unterhalb dieser Linie. In Sachsen-Anhalt, wo die CDU unter Haseloff seit 2011 regierte, ist der Druck auf lokale Funktionäre mit jedem AfD-Zugewinn gestiegen. Haseloff selbst hat eine Koalition mit der AfD stets ausgeschlossen, aber er wird im September nicht mehr antreten. Wer seine Nachfolge antritt und unter welchen Bedingungen, ist offen.
Dass ein Grüner argumentiert, die CDU zu retten statt sie zu schwächen, ist ungewöhnlich. Fischer war von 1998 bis 2005 Bundesaußenminister. Seitdem gilt er als einer der profiliertesten Kritiker rechtspopulistischer Bewegungen in Europa. Dass er nicht die Schwäche der CDU als Gelegenheit sieht, sondern warnt, erklärt er selbst: Ein Ende der CDU würde nicht die Linke stärken, sondern die AfD.
Am 6. September entscheidet Sachsen-Anhalt
Die erste konkrete Bewährungsprobe ist in dreieinhalb Monaten. Sachsen-Anhalt wählt am 6. September 2026. Mit 41 Prozent für die AfD und 26 Prozent für die CDU fehlen rechnerisch mindestens 8 Prozentpunkte für eine CDU-geführte Mehrheitsregierung ohne die AfD, sofern Grüne und BSW die Fünfprozenthürde verfehlen.
Fischers Warnung ist in diesem Kontext eine präventive Argumentation: Bevor im September Sachsen-Anhalt zur ersten realen Testfrage des deutschen Konservatismus wird, soll die Partei die historischen Konsequenzen kennen. Die Democrazia Cristiana brauchte vier Jahrzehnte Dominanz, um sich in vier Jahren aufzulösen. Wie schnell das geht, wenn die Grenzen einmal fallen, ist in der europäischen Parteigeschichte gut dokumentiert.
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