Bakterium aus Kimchi bindet Nanoplastik im Darm
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Bakterium aus Kimchi bindet Nanoplastik im Darm

Forscher des südkoreanischen World Institute of Kimchi haben ein Bakterium beschrieben, das im Darm Nanoplastikpartikel bindet und deren Ausscheidung in Mausversuchen mehr als verdoppelt. Der Stamm Leuconostoc mesenteroides CBA3656 band unter simulierten Darmbedingungen 57 Prozent der Partikel, ein Vergleichsstamm nur 3 Prozent. Klinische Studien am Menschen stehen noch aus.

19. Mai 2026, 9:11 Uhr 706 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Ein Bakterium aus Kimchi kann Nanoplastikpartikel im Darm binden und deren Ausscheidung deutlich erhöhen. Forscher des staatlichen World Institute of Kimchi (WiKim) in Gwangju, Südkorea, haben den Stamm Leuconostoc mesenteroides CBA3656 in der Fachzeitschrift Bioresource Technology (Band 447, 2026) beschrieben. Im Labor band er laut den Forschern 87 Prozent der eingesetzten Nanoplastikpartikel. Die Entdeckung ist ein früher Laborerfolg, kein fertiges Mittel, aber ein unerwarteter Ansatz gegen eine Belastung, die in Wissenschaftskreisen zunehmend Sorgen bereitet.

Was Nanoplastik im Körper anrichtet

Nanoplastik bezeichnet Plastikteilchen unter einem Mikrometer Durchmesser. Sie entstehen, wenn größere Kunststoffteile durch UV-Licht, Reibung und mechanische Beanspruchung zerfallen. Nanoplastikteilchen sind so klein, dass sie biologische Barrieren überwinden können, die Mikroplastikpartikel aufhalten. Ein Forschungsteam der Vrije Universiteit Amsterdam fand 2022 in der Fachzeitschrift Environment International Plastikpartikel im Blut von 77 Prozent der getesteten gesunden Erwachsenen. Wissenschaftler haben Nanoplastik seither in menschlichem Plazentagewebe, in Nieren, im Gehirn und in Hoden nachgewiesen. Welche gesundheitlichen Folgen die Ablagerungen langfristig haben, ist noch nicht abschließend erforscht. Einen anerkannten medizinischen Weg, die Partikel aktiv aus dem Körper zu entfernen, gibt es bislang nicht.

kimchi

Warum ausgerechnet ein Kimchi-Bakterium?

Milchsäurebakterien wie Leuconostoc mesenteroides sind seit Jahrzehnten für ihre Zellwandstruktur bekannt: Sie tragen Polysaccharide und Proteine auf der Außenseite, die negativ geladene Partikel anziehen können. Nanoplastik trägt oft eine solche Oberflächenladung. Das World Institute of Kimchi, das dem südkoreanischen Ministerium für Wissenschaft und IKT untersteht, beschäftigt sich systematisch mit der Mikrobiologie fermentierter Lebensmittel. Den Forschern zufolge wurde CBA3656 ausgewählt, weil er in Vorversuchen besonders aktive Zelloberflächen zeigte.

Was die Studie konkret zeigt

Das WiKim gab an, Leuconostoc mesenteroides CBA3656 habe unter kontrollierten Laborbedingungen 87 Prozent der eingesetzten Polystyrol-Nanoplastikpartikel gebunden, bei Konzentrationen von 10 bis 200 Parts per million. Unter simulierten Darmbedingungen, also mit dem pH-Wert und den Enzymen des menschlichen Dünndarms, sank die Bindungsrate auf 57 Prozent. Ein Vergleichsstamm, Latilactobacillus sakei CBA3608, erreichte unter denselben Bedingungen lediglich 3 Prozent. Das Bakterium erwies sich als stabil bei pH-Werten von 3 bis 9 und Temperaturen zwischen 4 und 55 Grad Celsius, ein breites Spektrum, das den Bedingungen des Verdauungstrakts entspricht.

In Mausversuchen erhöhte CBA3656 die Nanoplastikmenge in den Ausscheidungen der Tiere auf mehr als das Doppelte im Vergleich zur Kontrollgruppe. Die Forscher schlossen daraus, dass das Bakterium Partikel im Darm bindet und deren Ausscheidung über den Stuhl fördert, statt dass sie von der Darmwand aufgenommen werden. Die Studie erschien im Fachjournal Bioresource Technology, das einen Impact Factor von 9,0 hat.

Im Vergleich: Wo dieser Ansatz steht

Für Nanoplastik, das bereits im menschlichen Blut oder Gewebe sitzt, gibt es bisher keine Behandlung. Aktivkohle ist medizinisch etabliert um bestimmte Giftstoffe im Darm zu binden, aber nicht spezifisch für Plastikpartikel ausgelegt. Forscher der University of Missouri zeigten im Mai 2026, dass bestimmte Algenarten 91 Prozent der Mikroplastikpartikel innerhalb einer Stunde aus Wasser filtern, allerdings in der Wasseraufbereitung, nicht im Körper. Der Unterschied ist entscheidend: Wasser lässt sich filtern, bevor jemand es trinkt. Nanoplastik, das bereits resorbiert wurde und in Organen sitzt, erreicht ein Darmbakterium nicht mehr. Das Leuconostoc-Konzept setzt früher an, in dem Moment, bevor Partikel die Darmwand passieren.

Fermentierte Lebensmittel haben in der Forschung eine wachsende Rolle: Lactobacillus-Stämme aus Joghurt und Kefir werden seit Jahren auf Wirkungen bei Entzündungen und Darmgesundheit untersucht. Die antimikrobielle Aktivität von Kimchi selbst ist dokumentiert. CBA3656 ist jedoch der erste Stamm, für den eine gezielte Bindung von Nanoplastikpartikeln unter simulierten Darmbedingungen in Tierversuchen nachgewiesen wurde.

Drei Schritte bis zu einer möglichen Praxisanwendung

Die Forscher selbst benennen klare Grenzen. Erstens sind alle Versuche Labor- oder Tiermodelle. Ob CBA3656 im menschlichen Darm mit seiner vielfältigen natürlichen Mikrobiota dieselbe Wirkung entfaltet, ist nicht belegt. Zweitens ist unklar, ob eine erhöhte Nanoplastikausscheidung im Stuhl die Mengen in Blut oder Organen tatsächlich senkt. Plastik, das bereits in Gewebe eingedrungen ist, bleibt durch ein Darmbakterium unberührt. Drittens fehlen Langzeitstudien zur Sicherheit des Stamms beim Menschen bei regelmäßiger Einnahme. Laut WiKim sind weitergehende Studien unter realistischeren Bedingungen notwendig, bevor klinische Versuche am Menschen sinnvoll wären.

Falls diese Hürden überwunden werden, könnte CBA3656 als funktionelles Probiotikum in Lebensmitteln oder Nahrungsergänzungsmitteln eingesetzt werden. Der Weg vom Laborergebnis zur zugelassenen Anwendung dauert in der Regel mindestens ein Jahrzehnt. Dass das Prinzip in einem alltäglichen Lebensmittel steckt, das seit Jahrhunderten sicher konsumiert wird, ist trotzdem keine schlechte Ausgangslage.

Quellen (6)

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