Klimapfad 2030: Expertenrat streicht Entwarnung
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Klimapfad 2030: Expertenrat streicht Entwarnung

Der Expertenrat für Klimafragen hat am 18. Mai seinen Jahresprüfbericht zu den deutschen Treibhausgasemissionen 2025 veröffentlicht. Ergebnis: Die Einhaltung des Emissionsbudgets bis 2030 kann erstmals nicht bestätigt werden, die Emissionen sind 2025 praktisch stagniert.

18. Mai 2026, 10:46 Uhr 758 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Ein Jahr zuvor hatte der Expertenrat für Klimafragen noch eine bedingte Entwarnung gegeben: Das Emissionsbudget für den Pfad zur Klimaneutralität könnte noch eingehalten werden. Am 18. Mai 2026 ist diese Einschätzung Geschichte. Im neuen Prüfbericht zu den deutschen Treibhausgasemissionen für das Jahr 2025 stellen die Expertinnen und Experten fest: Die Einhaltung des gesetzlichen Emissionsbudgets bis 2030 ist nicht mehr bestätigt.

Was der Prüfbericht ist und was er von der Stellungnahme zum Klimaschutzprogramm unterscheidet

Der Expertenrat für Klimafragen veröffentlicht zwei Arten von Dokumenten. Im März 2026 hatte er eine Stellungnahme zum Klimaschutzprogramm 2026 der Bundesregierung vorgelegt, die 67 geplante Maßnahmen bewertete und zu dem Schluss kam, die Lücke zum 2030-Ziel könnte sich verdoppeln statt schließen. Das war eine Bewertung von Plänen.

Der Prüfbericht vom 18. Mai ist etwas anderes: Er ist die jährliche Pflichtprüfung der tatsächlich gemessenen Emissionsdaten. Das Klimaschutzgesetz schreibt vor, dass der Rat jedes Jahr die amtlichen Emissionszahlen des Vorjahres analysiert und bewertet, ob Deutschland auf dem gesetzlichen Pfad bleibt. Das ist ein anderes Dokument mit einer anderen gesetzlichen Funktion. Und sein Befund ist eindeutiger als der des Märzberichts.

Warum 2025 zum Krisenjahr der Emissionsbilanz wurde

Die deutschen Treibhausgasemissionen lagen 2024 bei rund 649 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent, ein Rückgang von 3,4 Prozent gegenüber 2023. Das klingt nach Fortschritt. Für 2025 verzeichnet der Prüfbericht jedoch nur einen Rückgang von 0,1 Prozent. Die Emissionen stagnierten praktisch.

Hauptursache: Während der Energiesektor und die Industrie weiter Emissionen einsparten, stiegen die Emissionen aus Gebäuden und Verkehr. Das reichte aus, um den Gesamtrückgang auf ein Zehntel eines Prozents zu drücken. Barbara Schlomann, Vorsitzende des Expertenrats, formuliert den Befund direkt: „Für beide Sektoren gehen wir davon aus, dass die tatsächlichen Emissionen höher ausfallen dürften als ausgewiesen.”

Die Folge ist rechnerisch eindeutig. Das 2030-Ziel verlangt eine Reduktion der deutschen Treibhausgasemissionen um 65 Prozent gegenüber 1990. Die Projektionen der Bundesregierung kommen auf rund 63 Prozent, eine Lücke von zwei Prozentpunkten. Der Expertenrat hält selbst diese Projektion für zu optimistisch. Im mittleren Szenario des Rats würde das gesetzlich zulässige Emissionsbudget bis 2030 um 60 bis 100 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent überschritten. Der rechnerische Puffer in den Regierungsdaten beträgt lediglich 4,5 Millionen Tonnen.

Gebäude und Verkehr reißen das Budget auf

Die Problemsektoren sind seit Jahren dieselben, doch der Prüfbericht gibt ihnen jetzt konkrete Zahlen: Im Gebäudesektor ergibt sich ein kumulativer Fehlbetrag von rund 110 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent gegenüber dem Projektionspfad seit 2025. Im Verkehr beträgt dieser kumulative Fehlbetrag 187 Millionen Tonnen und er ist gegenüber den Vorjahresdaten noch gestiegen.

Im Gebäudesektor liegt das Problem bei der Sanierungsquote: Nur etwa ein Prozent des Gebäudebestands wird jährlich energetisch saniert, nötig wären mindestens zwei bis drei Prozent, um die Klimaziele zu erreichen. Das neue Heizungsgesetz der Bundesregierung, das die 65-Prozent-Erneuerbaren-Pflicht beim Heizungstausch gestrichen hat, dürfte diesen Rückstand laut Klimaexpertinnen weiter vergrößern. Im Verkehr hat die Elektrifizierungsrate der Neufahrzeugflotte das erforderliche Tempo bisher nicht erreicht; Bundesregierung und Automobilindustrie streiten über Ausbauziele und Ladenetz.

Für die Europäische Ebene ist die Lage noch deutlicher. Im Rahmen der EU Effort Sharing Regulation, die Emissionen außerhalb des europäischen Emissionshandels regelt und für die keine Verrechnung zwischen Sektoren möglich ist, beläuft sich Deutschlands kumulativer Fehlbetrag bis 2030 auf geschätzte 255 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent. Das ist nicht nur ein nationales Klimaproblem, sondern eine europäische Vertragspflicht.

Regierung und Kritiker: Zwei Lageeinschätzungen

Die Bundesregierung verteidigt ihr Klimaschutzprogramm 2026. In einer Bundestag-Sitzung Anfang Mai erklärten Regierungsvertreter, das Programm könne eine Lücke von 27 Millionen Tonnen CO2 schließen. Gleichzeitig räumten sie ein, dass die Projektionsdaten, auf denen der Expertenrat seinen Bericht aufbaut, erst zehn Tage nach dem Kabinettsbeschluss zum Klimaschutzprogramm vorlagen. Die Bundesregierung habe das Programm also verabschiedet, bevor sie die aktuellen Zahlen kannte, auf die der Rat nun reagiert.

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) fordert sofortige Nachsteuerung im Klimaschutzprogramm und hat bereits eine Verfassungsbeschwerde eingereicht. Der BUND bezeichnet die Bundesregierung als „auf Kollisionskurs mit dem Klima”. Greenpeace verwies in seiner Stellungnahme zum Klimaschutzprogramm darauf, dass allein ein Tempolimit auf Autobahnen bis 2030 mehr CO2 einsparen würde als alle geplanten Maßnahmen im Verkehrssektor des Programms zusammen.

Drei Monate bis zum gesetzlichen Reaktionszwang

Das Klimaschutzgesetz schreibt vor, dass die Bundesregierung auf einen Prüfbericht des Expertenrats reagieren muss. Konkret heißt das: Nach dem Bericht vom 18. Mai hat das Kabinett eine begrenzte Zeit, um entweder Sofortmaßnahmen zu beschließen oder nachzuweisen, dass der bisherige Pfad ausreicht. Beides ist nach aktuellem Stand schwer zu belegen.

Für die Bundesregierung wird die nächste Probe aufs Exempel die Herbstprojektion der Treibhausgasdaten sein, voraussichtlich im Oktober 2026. Daran wird sich ablesen lassen, ob die Stagnation von 2025 ein Ausreißer war oder ein Trend. Hans-Martin Henning, ehemaliger Vorsitzender des Expertenrats, hatte bereits 2024 formuliert, was der aktuelle Bericht jetzt in Zahlen gießt: „Von einer Verfehlung des Treibhausgas-Minderungsziels für das Jahr 2030 gehen wir aus.” Daran hat sich nichts geändert.

Quellen (8)

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