Kinder schürfen Kobalt für deutsche E-Autos
Investigativ

Kinder schürfen Kobalt für deutsche E-Autos

In den Kobaltminen der Demokratischen Republik Kongo arbeiten 40.000 Kinder unter gefährlichsten Bedingungen für ein bis zwei Dollar täglich. Ihr Kobalt landet in Batterien deutscher Elektroautos, aber das Lieferkettensorgfaltsgesetz hat in drei Jahren kein einziges Bußgeld hervorgebracht.

11. Juni 2026, 7:04 Uhr 1712 Wörter · 9 Min. Lesezeit

In den Kobaltminen der Demokratischen Republik Kongo fördern nach Schätzungen von Amnesty International rund 40.000 Kinder den Rohstoff, ohne den keine Lithium-Ionen-Batterie auskommt. Manche beginnen ab sieben Jahren. Die meisten arbeiten zwölf bis vierzehn Stunden täglich für ein bis zwei US-Dollar. Das Kobalt landet in Batterien der deutschen Automobilindustrie. Deutschland hat 2021 ein Gesetz verabschiedet, das genau das verhindern soll: das Lieferkettensorgfaltsgesetz. Drei Jahre später hat kein einziges Unternehmen ein Bußgeld erhalten. Die zuständige Behörde hat die Prüfpflichten weitgehend eingestellt. Und die Bundesregierung hat die Berichtspflicht rückwirkend gestrichen.

Rund 70 Prozent des Kobalts kommen aus dem Kongo

Deutschland elektrifiziert seine Mobilität im industriellen Maßstab. Bis 2030 sollen 15 Millionen Elektroautos auf deutschen Straßen zugelassen sein. Die Batterieproduktion steigt laut Bundeswirtschaftsministerium von 15 Gigawattstunden im Jahr 2020 auf geplante 270 GWh bis 2030, ein Anstieg um das Achtzehnfache in einem Jahrzehnt. Jede dieser Batterien braucht Kobalt.

Rund 70 Prozent des weltweit geförderten Kobalts stammen aus der Demokratischen Republik Kongo, einem der rohstoffreichsten und gleichzeitig ärmsten Länder der Welt. Der kongolesische Kobaltsektor teilt sich in industriellen Großbergbau, betrieben von Konzernen wie Glencore und Trafigura und den sogenannten Kleinbergbau. Letzterer macht nach Angaben von Save the Children rund 30 Prozent der kongolesischen Kobaltproduktion aus und wird teils von bewaffneten Gruppen kontrolliert. In diesem Bereich ist Kinderarbeit besonders verbreitet und lässt sich kaum nachverfolgen.

Das strukturelle Problem erklärt sich aus der Lieferkettenarchitektur: Kobalt durchläuft mehrere Verarbeitungsstufen, bevor es in einer Batterie landet. Es wird in kongolesischen Kleinstminen gefördert, von Zwischenhändlern gesammelt, an Raffinerien verkauft, von denen die Mehrheit in China sitzt, dort verarbeitet und schließlich als Kathodenmaterial an Batteriehersteller geliefert. Nach der Raffinerie ist der geografische Ursprung des Kobalts nicht mehr rekonstruierbar. Automobilhersteller kaufen vom Batterielieferanten, nicht von der Mine. Dieser Mechanismus ist keine unbeabsichtigte Lücke im System. Er ist das System.

Zwölf Stunden täglich, zwei Dollar Lohn

Die Arbeitsbedingungen im kongolesischen Kleinbergbau sind seit dem Amnesty-Bericht „This is What We Die For” von 2016 dokumentiert. Kinder graben an der Oberfläche oder in schlecht gesicherten Tunneln nach Kobalt, das sogenannte „creusage”. Sie arbeiten ohne Schutzausrüstung: kein Atemschutz gegen Kobaltstaub, keine Handschuhe, keine Sicherheitsschuhe. Kobalt ist gesundheitsschädlich. Aktuelle Studien zeigen, dass Menschen in der Nähe von Kobaltminen erhöhte Kobaltwerte im Blut aufweisen und DNA-Schäden erleiden, die langfristig das Krebsrisiko erhöhen. Für Kinder, die über Jahre im Kobaltstaub arbeiten, ist das Erkrankungsrisiko besonders gravierend.

Die wirtschaftliche Logik dahinter ist eindeutig: Kobaltpreise schwanken stark. Wenn sie fallen, verdienen Kleinschürfer kaum noch genug zum Überleben und schicken Kinder mit, um das Haushaltseinkommen zu stabilisieren. Die globale Nachfrage nach Elektrobatterien treibt die Gesamtnachfrage nach Kobalt an und hält damit den Anreiz zur Ausbeutung aufrecht. Wer in der Lieferkette nicht fragt, woher das Kobalt kommt, profitiert von diesem Mechanismus ohne ihn bezahlen zu müssen.

Die kongolesische Regierung versprach 2017 nach dem ersten Amnesty-Bericht, Kinderarbeit bis 2025 zu beenden. Das Ziel wurde verfehlt. Einen klaren Zeitplan oder zugeordnete Verantwortlichkeiten für eine Umsetzung gibt es bis heute nicht.

Elf bis einundfünfzig: Das Amnesty-Ranking 2024

Im Oktober 2024 veröffentlichte Amnesty International den Bericht „Recharge for Rights”, eine umfangreiche Analyse der menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten der 13 größten Elektroautohersteller weltweit. Bewertet wurden Kriterien wie Transparenz der Lieferkette, Risikoidentifikation, Präventionsmaßnahmen, Berichterstattung und Beschwerdemechanismen. Die maximale Punktzahl betrug 90.

Die Ergebnisse: BYD erhielt 11 Punkte, Mitsubishi 13, Hyundai 21, Geely und Nissan je 22, Renault 27, General Motors 32, Ford sowie BMW je 41, VW Group 41, Stellantis 42, Tesla 49 und als bestes der untersuchten Unternehmen Mercedes-Benz mit 51 Punkten. Kein Hersteller erreichte auch nur zwei Drittel der möglichen Punktzahl. Kein Hersteller legt die vollständige Lieferkette bis zur Mine offen.

Volkswagen, BMW und Mercedes-Benz antworten auf Presseanfragen zu Kinderarbeit in Rohstoff-Lieferketten mit weitgehend identischen Formulierungen: Man habe Prozesse zur Sorgfaltsprüfung, arbeite mit Zulieferern an Verbesserungen und nehme Menschenrechte ernst. Überprüfbare Verpflichtungen, unabhängige Audits bis zur Rohmaterialebene oder die Offenlegung konkreter Minen-Zulieferer enthält keine dieser Antworten. Das Amnesty-Ranking zeigt, dass dieser Zustand seit Jahren unverändert bleibt.

Das Gesetz, das niemand durchsetzt

Deutschland verabschiedete 2021 das Lieferkettensorgfaltsgesetz (LkSG), das Unternehmen ab einer bestimmten Größe verpflichtete, Menschenrechtsrisiken in Lieferketten zu identifizieren, zu dokumentieren und dem Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) zu berichten. Die zugehörigen Sanktionen reichten theoretisch bis zu zwei Prozent des globalen Jahresumsatzes. Der Stand nach drei Jahren: Kein Bußgeld wurde verhängt. Kein einziges Mal.

Am 3. September 2025 beschloss die Bundesregierung einen Gesetzentwurf zur Änderung des LkSG. Die Berichtspflichten gemäß Paragraf 10 wurden rückwirkend gestrichen, mit Wirkung für den gesamten Berichtszeitraum ab Januar 2023. Das BAFA hat die Prüfung von Unternehmensberichten eingestellt. Die Bußgeldtatbestände wurden von 13 auf 4 reduziert. Sanktionen soll es künftig nur noch bei Verstößen geben, die nach Einschätzung der Behörde als „besonders gravierend” und von „irreversiblem Charakter” gelten. Das BAFA sieht Bußgelder als „letztes Mittel bei eingetretenen gravierenden Menschenrechtsverletzungen”.

Die Lobbyorganisation Vereinigung Rohstoffe und Bergbau (VRB), im Lobbyregister des Bundestags mit einem Jahresetat von rund einer Million Euro verzeichnet, hatte wiederholt argumentiert, zu strenge Menschenrechtsregulierung blockiere notwendige Investitionen. Diese Position hat sich in der Gesetzgebung durchgesetzt. Zivilgesellschaftliche Organisationen wie Germanwatch und die Initiative Lieferkettengesetz warnten ausdrücklich davor, das Schutzniveau zu untergraben. Der Gesetzentwurf wurde dennoch verabschiedet.

Die Unternehmensberatung CORSUS, die auf menschenrechtliche Sorgfaltspflichten spezialisiert ist, kommentierte den Vorgang mit der Einschätzung, dass Durchsetzung in Deutschland nun strukturell gefährdet sei: „Human rights enforcement at risk” sei das Ergebnis einer Regierungspolitik, die Bürokratieabbau über Schutzstandards stelle.

Die EU-USA-Allianz ohne verbindliche Standards

Am 24. April 2026 unterzeichneten die Europäische Union und die Vereinigten Staaten eine strategische Partnerschaft für kritische Mineralien. Das erklärte Ziel ist die Reduzierung der Abhängigkeit von China bei Rohstoffen wie Kobalt, Lithium und Seltenen Erden. Das Abkommen umfasst Zusammenarbeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette: Exploration, Gewinnung, Verarbeitung und Recycling.

Menschenrechtsstandards spielen in dem Rahmenabkommen eine nachgeordnete Rolle. In der offiziellen Kommunikation der EU-Kommission findet sich ein Verweis auf „verantwortungsvollen Abbau”. Verbindliche Mindeststandards für beteiligte Förderländer oder Projekte wurden nicht festgeschrieben. Kritische Beobachter, darunter Umweltorganisationen, die bereits gegen EU-Bergbauprojekte in Portugal klagen, sprechen von einem Muster: Energiewende als Priorität, Menschenrechte als Nachsatz.

Das ist keine Besonderheit dieses Abkommens. Es spiegelt eine breitere Prioritätensetzung westlicher Regierungen: Rohstoffsicherung gegen chinesische Dominanz wird als geopolitische Notwendigkeit behandelt, die andere Erwägungen zurückdrängt. Die Frage, ob die Minen in Kongo kinderarbeitsfrei sind, gilt dabei nicht als Voraussetzung, sondern als nachrangige Forderung.

CSDDD 2026: Letzter europäischer Ausweg oder nächste Verwässerung

Die EU-Lieferketten-Richtlinie (Corporate Sustainability Due Diligence Directive, kurz CSDDD) sollte die nationalen Lieferkettengesetze auf einen europäischen Mindeststandard heben. Deutschland und andere Mitgliedstaaten haben den Umsetzungsprozess mehrfach verzögert und abgeschwächt. Der Verfassungsblog diagnostizierte, Deutschland riskiere mit der LkSG-Reform, europäische Werte zu untergraben, bevor die Richtlinie überhaupt in Kraft trete.

Frankreich hat mit der Loi de Vigilance von 2017 einen anderen Weg gewählt: Unternehmen ab 5.000 Mitarbeitern müssen Risikoanalysen veröffentlichen, Schäden präventiv verhindern und können bei Verstößen vor Gericht gebracht werden. Das Modell gilt international als strenger als das LkSG in seiner ursprünglichen Fassung und weit strenger als das reformierte LkSG.

Die ILO und UNICEF veröffentlichten 2025 einen Bericht zur globalen Kinderarbeit: 138 Millionen Kinder weltweit sind in Kinderarbeit beschäftigt, davon 54 Millionen in gefährlichen Formen. Der Bergbausektor macht 13 Prozent des industriellen Sektors aus, in dem Kinder arbeiten. Das UN-Nachhaltigkeitsziel, Kinderarbeit bis 2025 zu beenden, wurde verfehlt. Für dieses Versagen gibt es keine einzige verantwortliche Regierung und kein einziges Unternehmen, das zur Rechenschaft gezogen wurde.

Kinder in kongolesischen Kobaltminen kennen weder das LkSG noch die CSDDD. Sie wissen auch nicht, welches Elektroauto ihr Kobalt in der Batterie trägt. Auf der anderen Seite kennen Volkswagen, BMW und Mercedes-Benz die Berichte von Amnesty. Sie kennen das LkSG. Sie wissen, welche Lücken in der Lieferkette ihnen Immunität gegen Verantwortung garantieren. Sie haben Amnesty-Rankingpunkte von 41, 41 und 51 von 90 Möglichen erhalten und damit belegt, dass ihre Systeme unzureichend sind. Das ist kein Zufall und kein Ausreißer. Es ist das Ergebnis einer strukturellen Entscheidung, die in Berlin getroffen wurde: Die Kosten der Energiewende sollen nicht durch menschenrechtliche Sorgfalt erhöht werden.

Quellen (18)

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