Steuerflucht legal: Wie Konzerne Milliarden verschieben
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Steuerflucht legal: Wie Konzerne Milliarden verschieben

Amazon zahlt auf 40,9 Milliarden Euro Umsatz effektiv 3,4 Prozent Unternehmenssteuern. Das ist legal und Teil eines Systems, das Deutschland jährlich 21 bis 30 Milliarden Euro kostet, während Finanzämter unterbesetzt bleiben und Lobbyverbände Reformen blockieren.

17. Mai 2026, 7:02 Uhr 1505 Wörter · 8 Min. Lesezeit

Amazons deutscher Ableger setzte 2024 nach eigenen Angaben 40,9 Milliarden Euro um. An Unternehmenssteuern zahlte der Konzern 1,4 Milliarden Euro. Das entspricht einer effektiven Steuerquote von 3,4 Prozent, einem Bruchteil des deutschen Körperschaftsteuerregelsatzes von 15 Prozent plus Solidaritätszuschlag und Gewerbesteuer, der für mittlere Unternehmen bei rund 30 Prozent liegt. Juristisch ist daran nichts auszusetzen. Genau das ist das Problem.

Deutschland verliert nach Schätzungen von Transparency International und dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung jährlich zwischen 21 und 30 Milliarden Euro durch legale Steuervermeidung multinationaler Konzerne. Geld, das in Schulen, Krankenhäusern und beim Straßenbau fehlt. Die zuständigen Finanzbehörden sind personell ausgedünnt, Reformen werden seit Jahren durch Lobbyverbände blockiert und die Bundesregierung beschreibt das Problem als weitgehend gelöst.

Das System der legalen Gewinnverschiebung

Was gemeinhin als Steuerflucht bezeichnet wird, ist bei multinationalen Konzernen meist legale Gewinnverschiebung, in der Fachsprache Base Erosion and Profit Shifting, kurz BEPS. Das Prinzip: Wo Gewinne entstehen und wo sie offiziell verbucht werden, sind zwei verschiedene Orte.

Das am häufigsten eingesetzte Instrument ist die Verrechnungspreisgestaltung, auf Englisch Transfer Pricing. Ein Konzern teilt sich in Dutzende Tochtergesellschaften auf, die miteinander Waren und Dienstleistungen handeln. Der deutschen Tochter werden dann Beratungsleistungen oder Lizenzen aus einer Schwestergesellschaft in Irland oder Luxemburg in Rechnung gestellt, oft zu weit überhöhten Preisen. Der Gewinn fließt ins Niedrigsteuerland, die Kosten bleiben in Deutschland und mindern die hiesige Steuerlast. Solange die Preise formal als angemessen dokumentiert sind, ist das legal.

Amazon betreibt dieses Modell konsequent: Laut Recherchen des Nachrichtenportals taz laufen rund 75 Prozent aller Konzerngeschäfte außerhalb der USA über Luxemburg, wo deutlich niedrigere effektive Steuersätze gelten als in Deutschland.

Das Ergebnis ist eine strukturelle Wettbewerbsverzerrung. Ein mittelständisches Unternehmen in Bayern, das seine Gewinne vollständig im Inland erwirtschaftet, zahlt rund 30 Prozent Steuern. Ein internationaler Konzern derselben Branche kann durch Lizenzgebühren an eine irische Schwestergesellschaft den steuerpflichtigen Gewinn in Deutschland auf nahezu null drücken, tritt aber als günstigerer Anbieter am selben Markt auf. Der Mittelständler aus Bayern subventioniert damit indirekt den Preisunterbietungsspielraum seines internationalen Konkurrenten.

Pharmaunternehmen nutzen zusätzlich das Patentmodell. Sie übertragen geistige Eigentumsrechte an Tochterfirmen in Niedrigsteuerländern. Die deutsche Gesellschaft muss dann Lizenzgebühren zahlen, um die eigenen Produkte vertreiben zu dürfen. Die Einnahmen landen im Steuerparadies. Laut einer Untersuchung der Redaktion Investigate Europe unterhält Bristol-Myers Squibb 135 Tochtergesellschaften in Steueroasen: 81 in Delaware, 15 in der Schweiz, 13 in Irland und 12 in den Niederlanden. Der effektive Konzernsteuersatz lag nach dieser Analyse bei 4,7 Prozent.

Den wohl spektakulärsten Einzelfall lieferte Apple. Im September 2024 urteilte der Europäische Gerichtshof, dass Apple dem irischen Staat 13 Milliarden Euro an Steuern nachzahlen muss. Irland hatte dem Konzern über Jahrzehnte Sonderkonditionen gewährt, die EU-Kommission als illegale staatliche Beihilfe einstufte. Apple hatte das Verfahren jahrelang angefochten. Dass erst das höchste EU-Gericht nötig war, um 13 Milliarden einzutreiben, illustriert das Ausmaß des Kontrolldefizits.

Unterbesetzt, unterfinanziert, überfordert

Hätten die deutschen Finanzbehörden entschlossen kontrolliert, wären viele dieser Konstruktionen früher aufgefallen. Stattdessen prüft das Finanzamt nur 1,8 Prozent aller Unternehmen pro Jahr, wie das Bundesfinanzministerium in seinen Monatsberichten dokumentiert. Ein Betrieb muss statistisch 55 Jahre warten, bis ein Prüfer klingelt.

Aber das bedeutet: Fast fünf von sechs Großkonzernen bleiben im jeweiligen Jahr ungeprüft. Kleinstbetriebe, die keine internationalen Verschiebungsstrukturen aufbauen können, werden mit einer Quote von 0,8 Prozent geprüft und zahlen dennoch den vollen Steuersatz.

Hinter diesen Zahlen steckt strukturelle Unterfinanzierung. Nach Berechnungen des Tagesspiegels auf Basis amtlicher Statistiken sank die Zahl der Betriebsprüfungen bei Hochverdienern von 1.628 im Jahr 2009 auf 876 im Jahr 2023, ein Rückgang um fast die Hälfte. Knapp 7.000 Stellen in den Finanzämtern sind derzeit unbesetzt, doppelt so viele wie vor zehn Jahren. Gleichzeitig werden die Steuervermeidungsstrukturen immer komplexer: Cloud-Dienstleistungen lassen sich in Sekundenschnelle durch ein Dutzend Jurisdiktionen lenken, während das Recht zur Kontrolle an der Landesgrenze endet.

Das Absurde daran: Ein Betriebsprüfer bringt dem Staat nach Berechnungen aus der Haushaltspolitik rund eine Million Euro Mehreinnahmen pro Jahr. Mehr Prüfer würden sich rechnen. Der Deutsche Gewerkschaftsbund DGB hat das seit Jahren gefordert. Konzernsteuervermeidung sei Umverteilung zulasten von Arbeitnehmern, erklärt der DGB. Der Personalabbau in den Finanzämtern sei eine bewusste Entscheidung gegen Steuergerechtigkeit. Verdi und die Deutsche Steuer-Gewerkschaft haben zuletzt ähnliche Kritik geäußert: Der Staat entziehe sich selbst die Mittel zur Durchsetzung seiner eigenen Gesetze.

Wie Lobbyverbände Reformen blockieren

Konkret scheiterte 2021 ein Anlauf zur verpflichtenden öffentlichen Länderberichterstattung für Großkonzerne am koordinierten Widerstand der Wirtschaftsverbände. Das Transparenzregister, das seit 2017 Informationen über wirtschaftlich Berechtigte von Unternehmen sammeln soll, bleibt in der Praxis schwer zugänglich und wird selten durchgesetzt. Sanktionen bei Meldeverstößen gegen Offshore-Firmen mit deutschen Immobilien werden nach Angaben von Finanzwende Recherche kaum verhängt.

Die Organisation LobbyControl hat dokumentiert, wie der Bundesverband Deutscher Banken und der Bundesverband der Deutschen Industrie konkrete Reformansätze blockieren. Das Nachrichtenportal abgeordnetenwatch.de hat am Beispiel der Cum-Ex-Gesetzgebung gezeigt, wie Bankenlobbyisten nicht nur Einwände formulierten, sondern ganze Gesetzespassagen entwarfen, die anschließend wörtlich in offizielle Gesetzentwürfe übernommen wurden. Beim Thema Transfer Pricing und Country-by-Country Reporting wiederholt sich das Muster.

BDI-Präsident Siegfried Russwurm warnte noch 2026 öffentlich davor, Steuerreformen seien ein Standortnachteil für Deutschland. Das ist die Standardformel: Jede Maßnahme zur Kontrolle multinationaler Konzerne wird als Angriff auf den Wirtschaftsstandort gerahmt. Dass die Steuervermeidung vor allem kleine und mittlere Unternehmen benachteiligt, die solche Strukturen nicht aufbauen können, bleibt dabei unerwähnt. Der Bundesverband der mittelständischen Wirtschaft BVMW hat genau das mehrfach kritisiert. Im öffentlichen Diskurs findet diese Stimme deutlich weniger Gehör als die der exportorientierten Großindustrie.

Oxfam Deutschland weist darauf hin, dass Konzernsteuervermeidung kein rein deutsches Problem ist. Der Globale Süden verliere sechs bis dreizehn Prozent seiner Steuereinnahmen durch BEPS, verglichen mit zwei bis drei Prozent in OECD-Ländern. Für viele Entwicklungsländer bedeute das, Bildungs- und Gesundheitssysteme unterfinanzieren zu müssen, weil Konzerngewinne in europäischen Steueroasen landen.

Warum die Mindeststeuer nicht reicht

Die Bundesregierung verweist auf Fortschritt: Seit 2024 gilt in Deutschland eine globale Mindeststeuer von 15 Prozent auf Gewinne multinationaler Konzerne, beschlossen im Rahmen von BEPS Pillar 2 der OECD. Das DIW schätzt, dass diese Maßnahme das deutsche Steuervermeidungsvolumen um rund 5 Milliarden Euro jährlich reduzieren könnte. Damit blieben 16 bis 25 Milliarden Euro Jahresschaden weiterhin bestehen.

Attac Deutschland und 63.000 Unterstützerinnen einer entsprechenden Kampagne fordern deshalb mehr: eine Mindeststeuer von mindestens 21 Prozent statt 15 Prozent, verpflichtendes Country-by-Country Reporting und Sanktionen gegen Steueroasen. Denn 15 Prozent stoppt nur die extremsten Ausreißer. Wer seinen effektiven Steuersatz vorher auf 4,7 Prozent optimiert hatte, zahlt künftig 15 Prozent. Wer schon bei 14 Prozent war, wechselt lediglich die Konstruktion.

Country-by-Country Reporting, also die Pflicht für Konzerne, Gewinne und Steuerzahlungen für jedes Land öffentlich aufzuschlüsseln, ist in Kanada und Australien bereits Standard. In Deutschland lehnen der Bundesverband der Deutschen Industrie und der Bankenverband das als Offenlegung von Geschäftsgeheimnissen ab. Die Bundesregierung folgt dieser Linie. Dabei ist Transparenz die Grundvoraussetzung für wirksame Kontrolle: Wer nicht weiß, wie viel ein Konzern wo verdient, kann Regeln nicht durchsetzen.

Im internationalen Vergleich fällt Deutschland weiter zurück. Die US-Steuerbehörde IRS beschäftigt rund 86.000 Beamte; die deutschen Finanzämter kommen auf etwa 13.000 im Bereich Betriebsprüfung. Skandinavische Länder setzen höhere Steuerquoten durch und haben gleichzeitig weniger Lobbyblockaden, weil Lobbyprozesse dort transparenter gesetzlich geregelt sind. Dänemark verurteilte den Cum-Ex-ähnlichen Dividendensteuerraub durch den Investor Sanjay Shah zu zwölf Jahren Haft, nachdem es das Verfahren in wenigen Jahren abgeschlossen hatte. In Deutschland dauern vergleichbare Ermittlungen über zwölf Jahre ohne rechtskräftige Urteile.

Wer die Zeche zahlt

Drei Gruppen tragen die Kosten dieser Lücke. Erstens: kleine und mittlere Unternehmen, die ihre Gewinne im Inland erwirtschaften und vollständig versteuern, im Wettbewerb mit internationalen Konzernen aber systematisch benachteiligt sind. Zweitens: Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die über Einkommensteuer und Sozialabgaben den Großteil der Staatseinnahmen tragen. Drittens: die Allgemeinheit, die auf Investitionen in Infrastruktur, Bildung und öffentliche Daseinsvorsorge verzichtet.

Der Bildungshaushalt des Bundes liegt bei rund 21 Milliarden Euro jährlich. Das jährliche Steuervermeidungsvolumen multinationaler Konzerne entspricht also mindestens dem vollständigen Bundesbildungsbudget. Das Sondervermögen für die Bundeswehr von 100 Milliarden Euro wäre in drei bis fünf Jahren vollständig refinanziert, wenn Konzerne die gesetzlich vorgesehene Steuerlast tatsächlich zahlten. Diese Zahlen stehen nicht in Haushaltsdebattentexten. Sie stehen auch nicht in den Positionspapieren von BDI und Bankenverband.

Country-by-Country Reporting: Die Gretchenfrage ab 2027

Mit der EU-Richtlinie 2021/2101 zur öffentlichen Länderberichterstattung sind Großkonzerne ab 750 Millionen Euro Jahresumsatz verpflichtet, ihre Steuerzahlungen und Gewinne je EU-Land offenzulegen. Deutschland musste die Richtlinie bis Juni 2023 umsetzen; die ersten Berichte sind seit 2025 fällig. Ob die Bundesregierung dabei eine enge oder weite Auslegung wählt, ob sie auf Ausnahmetatbestände dringt oder echte Transparenz ermöglicht, wird die entscheidende Frage sein.

Die OECD prüft, ob die bisherige BEPS-Pillar-2-Umsetzung nachgeschärft werden muss. Attac hat parlamentarische Initiativen für den Herbst 2026 angekündigt. Und das Bundesverfassungsgericht hat in verschiedenen Steuerrechtsfragen signalisiert, dass es gleichmäßige Besteuerung als Verfassungsgebot versteht.

Ob Deutschland die Lücke schließt, hängt davon ab, ob die politischen Kosten des Nichtstuns eines Tages höher werden als der Preis der Reformblockade. 21 bis 30 Milliarden Euro pro Jahr. Jedes Jahr. Das ist keine abstrakte Haushaltszahl. Es ist Geld, das derzeit in Steueroasen landet, statt in Schulen, Brücken und Kliniken. Die technischen Instrumente zur Kontrolle existieren. Was fehlt, ist der politische Wille, sie gegen den Widerstand der mächtigsten Lobbys in Deutschland durchzusetzen. Die Entscheidung fällt nicht in Luxemburg oder Irland. Sie fällt in Berlin.

Quellen (15)

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