So viele Kriegsdienstverweigerer wie seit 2011 nicht
Im ersten Quartal 2026 haben 2.656 Menschen beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) einen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung gestellt. Das sind in drei Monaten fast so viele wie im gesamten Jahr 2024, als 2.998 Anträge eingingen. Hält der Trend an, werden 2026 mehr als 10.000 Anträge eingehen: der höchste Stand seit der Aussetzung der Wehrpflicht 2011.
Was das Wehrdienstgesetz seit Januar 2026 verlangt
Das Wehrdienstmodernisierungsgesetz wurde am 5. Dezember 2025 vom Bundestag mit 323 gegen 272 Stimmen verabschiedet und trat am 1. Januar 2026 in Kraft. Es verlangt zunächst drei Dinge: Alle Männer des Geburtsjahrgangs 2008 müssen einen Online-Fragebogen zu ihrer Tauglichkeit ausfüllen, eine Musterung absolvieren und sich registrieren lassen. Den Wehrdienst selbst leistet niemand gegen seinen Willen, zumindest noch nicht. Für den Fall, dass sich nicht genug Freiwillige melden, sieht das Gesetz ein Losverfahren vor.
Genau diese Konstruktion erklärt den Anstieg der Verweigerungsanträge: Wer als Kriegsdienstverweigerer anerkannt ist, fällt aus dem potenziellen Losverfahren heraus. Der Antrag beim BAFzA wird damit für viele zur Vorsichtsmaßnahme, auch wenn der Pflichtdienst noch nicht unmittelbar droht.
Dreifacher Anstieg: Die Zahlen im Kontext
Seit 2022, als Russland die Ukraine überfiel und die sicherheitspolitische Debatte in Deutschland neu entflammte, steigen die Zahlen kontinuierlich. Das BAFzA verzeichnete 2024 insgesamt 2.998 Anträge, 2025 bereits 3.867. Im ersten Quartal 2026 allein waren es 2.656. Hochgerechnet auf das Gesamtjahr ergibt sich eine Zahl von mehr als 10.000 Anträgen, was rund dem Dreifachen des Wertes von 2024 entspräche.
Auffällig ist auch eine Gegenbewegung: 233 Menschen haben im ersten Quartal 2026 ihre bereits anerkannte Kriegsdienstverweigerung widerrufen. Das entspricht bei weitem nicht der Zahl der Neuanträge, zeigt aber, dass das Meinungsbild nicht eindimensional ist. Die Deutsche Friedensgesellschaft (DFG-VK) und die Evangelische Friedensarbeit berichten von massiv gestiegener Nachfrage in ihren Beratungsstellen.
Vor der Aussetzung der Wehrpflicht 2011 gingen beim BAFzA jährlich mehrere zehntausend Anträge ein. Die hochgerechneten 10.000 Anträge für 2026 klingen dagegen bescheiden, spiegeln aber die strukturell andere Ausgangslage wider: Die neue Wehrpflicht erfasst zunächst nur einen Jahrgang vollständig, die Musterung ist erst angelaufen und der eigentliche Pflichtdienst ist noch nicht aktiviert. Der Anstieg ist deshalb umso aussagekräftiger, weil er auf einen noch sehr begrenzten Anwendungsbereich trifft.
Was Verweigerung bedeutet und was nicht
Ein Antrag auf Kriegsdienstverweigerung ist in Deutschland ein Grundrecht. Artikel 4 Absatz 3 des Grundgesetzes garantiert das Recht, den Kriegsdienst mit der Waffe aus Gewissensgründen zu verweigern. Das BAFzA prüft jeden Antrag. Wer glaubhaft machen kann, dass das eigene Gewissen den Waffendienst verbietet, erhält die Anerkennung. Ein ziviles Ersatzdienstangebot, wie es die alte Wehrpflicht kannte, sieht das neue Gesetz nicht vor.
Verteidigungsminister Boris Pistorius hat das Ziel ausgegeben, die Bundeswehr auf 260.000 aktive Soldaten aufzustocken. Aus dem Ministerium heißt es, die Verweigerungsquote bewege sich "im einstelligen Prozentbereich", was stimmt, solange man die Gesamtzahl der betroffenen Jahrgänge in Relation setzt. Die Entwicklungsrichtung bleibt dennoch unverkennbar. "Die Wiedereinführung der Wehrpflicht unter dem Deckmantel von Modernisierung lehnen wir ab", erklärte die DFG-VK. Die Evangelische Friedensarbeit betonte: "Der Anstieg zeigt tiefe Besorgnis in der Bevölkerung über Militarisierung."
Auffällig ist, dass der Anstieg nicht zwingend auf grundsätzlichen Pazifismus hindeutet. Umfragen zeigen, dass eine Mehrheit der Deutschen mehr Verteidigungsausgaben befürwortet. Wer Kriegsdienstverweigerung beantragt, entzieht sich nicht der Sicherheitsdebatte, sondern dem persönlichen Waffendienst. Das Gesetz enthält keine Regelung dafür, wie dieser Widerspruch gesellschaftlich aufgelöst werden soll.
Was die Q2-Zahlen im Juni zeigen werden
Das BAFzA wird die Zahlen für das zweite Quartal 2026 voraussichtlich Ende Juni veröffentlichen. Überschreiten die ersten Halbjahreswerte die Gesamtzahl von 2025 (3.867 Anträge) bereits nach sechs Monaten, dürfte die Bundesregierung unter Druck geraten, das Verhältnis zwischen Wehrpflichtrahmen, Gewissensfreiheit und einem möglichen Gesellschaftsdienst politisch neu zu verhandeln. Verteidigungsminister Pistorius hat den Anstieg der Verweigerungen bislang öffentlich kaum thematisiert.
Ein praktisches Problem zeichnet sich bereits ab: Das BAFzA verfügt über begrenzte Kapazitäten zur Bearbeitung der gestiegenen Antragszahlen. Ob das Amt bei einer Verdreifachung der Anträge gegenüber 2024 regulär arbeiten kann, ist ungeklärt. Wer einen Antrag stellt, wartet derzeit länger auf Bescheid als in Vorjahren.
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