Trump: Keine Urananreicherung. Irans Preis: Libanon
Trump hat am Montag sein Ultimatum schriftlich gestellt: „Wir sind einem Deal sehr nahe. Wenn nicht, jage ich sie in die Luft.” Kurz zuvor hatte Irans militärisches Khatam-Al-Anbiya-Kommando die formelle Einstellung seiner Angriffe auf Israel verkündet. Am 100. Kriegstag liegen die Forderungen beider Seiten erstmals öffentlich auf dem Tisch, sechs Tage vor dem G7-Gipfel in Évian-les-Bains.
Der formelle Stopp und Trumps Ceasefire-Post
Irans Khatam-Al-Anbiya-Kommando, das militärische Hauptquartier der Revolutionsgarden, verkündete am späten Montagabend die „Einstellung der Operationen der Streitkräfte“ gegen Israel. Die Formulierung war bewusst formal: Teheran hatte den ganzen 8. Juni betont, die Schläge seien Warnungen, keine unbegrenzte Offensive. Vorausgegangen war ein israelischer Angriff auf den Petrochemiekomplex Karun in Bandar-e Mahshar sowie elf ballistische Raketen, die Iran daraufhin auf israelische Städte feuerte.
Trump reagierte mit einer Nachricht auf Truth Social: „Beide Seiten, Israel und Iran, suchen einen sofortigen Waffenstillstand. Finale Verhandlungen über den Frieden laufen, sofern nicht Dummheit oder Ignoranz dazwischenfunken.“ An die Adresse Israels fügte er hinzu, er „bestimme die Schüsse“ und Netanyahu werde „keine Wahl haben“ als einen Deal anzunehmen.
Was Washington verlangt: Keine Zentrifugen, alle Bestände raus
Die US-Forderungen gehen über das hinaus, was frühere Verhandlungsrunden skizziert hatten. Trump umriss sie auf Truth Social mit einer Formulierung, die direkt auf Militäroptionen verweist: „Es wird keine Urananreicherung geben. Die USA werden, gemeinsam mit Iran, alle tief vergrabenen nuklearen Bestände ausgraben und entfernen.“ In Klammern setzte er: „B-2-Bomber.“
Der Klammerzusatz ist kein Versprecher. Die USA unterhalten B-2-Tarnkappenflugzeuge, die mit massiven Bunkerbrecherbomben ausgerüstet werden können und selbst tief im Fels verankerte Anlagen wie die Urananreicherungsanlage Fordow bei Qom theoretisch erreichen können. Iran hat Teile seines Nuklearprogramms in den vergangenen Jahren bewusst tief vergraben, um solche Angriffe zu erschweren.
Für Iran hat das Atomprogramm eine innenpolitische Dimension, die über den militärischen Nutzen hinausgeht. Seit Jahrzehnten legitimiert die Führung Urananreicherung gegenüber der Bevölkerung als Symbol nationaler Souveränität. Der vollständige Verzicht wäre ein Gesichtsverlust ohne Präzedenz in der Geschichte der Islamischen Republik.
Was Teheran verlangt: Libanon und das Ende der Blockade
Irans öffentlich formulierten Bedingungen haben zwei Teile. Teheran verlangt ein Ende der israelischen Luftangriffe im Libanon. Zudem fordert Iran die Aufhebung der US-Seeblockade, die seit März die iranische Schifffahrt einschränkt und Ölexporte deutlich reduziert hat. Irans Staatssprecher betonte, israelische Aktionen seien „nicht von US-Politik zu trennen“, womit Washington direkt in die Pflicht genommen wird.
Die Libanonbedingung schafft ein strukturelles Problem: Jede Einigung zwischen Washington und Teheran hängt davon ab, dass Israel seine Operationen im Libanon einstellt. Netanyahu hat in den vergangenen Wochen dreimal ohne US-Zustimmung eskaliert, zuletzt mit den Luftangriffen auf Beiruter Vororte am Sonntag, die am Montag zur Eskalation führten. Trump hat das jedes Mal kritisiert, ohne Konsequenzen zu ziehen.
Pakistan als Brücke zwischen den Fronten
Hinter den öffentlichen Positionen läuft Vermittlung. Pakistans Innenminister Mohsin Naqvi war zuletzt am Samstag zum dritten Mal binnen drei Wochen in Teheran und überbrachte direkte Botschaften von Premierminister Shehbaz Sharif an Irans neuen Obersten Führer Mojtaba Khamenei. Dass Teheran diesen Kanal offen hält, während seine Streitkräfte Raketen abfeuern, ist das Muster des gesamten Konflikts: militärischer Druck und Gesprächsbereitschaft gleichzeitig.
Der US-Kongress votierte am 3. Juni mit 215 zu 208 Stimmen für eine Resolution, die Trump anweist, den Krieg ohne Zustimmung des Kongresses nicht auszuweiten. Das ist ein politisches, kein operatives Instrument. Trump hat deutlich gemacht, dass er sich an diese Resolution nicht für gebunden hält.
Sechs Tage bis Évian, sieben Wochen bis zum Ende der Waffenruhe
Der G7-Gipfel in Évian-les-Bains beginnt am 15. Juni. Frankreich hat das Treffen bewusst als Plattform für Nahostdiplomatie angelegt. Ob bis dahin genug Bewegung entsteht, um mehr als ein gemeinsames Communiqué zu produzieren, ist offen. Die informelle Waffenruhe vom 8. April läuft Mitte Juli aus. Danach gibt es keinen formellen Rahmen mehr, der beide Seiten auch nur zum Schein bindet.
Trump hat mit dem Verweis auf „finale Friedensverhandlungen“ einen Erwartungsrahmen gesetzt, den er ohne Glaubwürdigkeitsverlust kaum zurücknehmen kann. Das ist sein klassischer Verhandlungsstil: Ankündigung als Druck. Ob er tatsächlich bereit wäre, Israel gegen dessen Willen zu einem Deal zu zwingen, ist aus seiner bisherigen Haltung nicht eindeutig ablesbar. Netanyahu hat dreimal demonstriert, dass er Washington im entscheidenden Moment ignoriert.
Aktualisierungen
Update 9. Juni, 09:00 Uhr: Trump erklärte bei einem Telefonkongress für Senator Lindsey Graham, die USA würden innerhalb von zwei Wochen den „totalen Sieg“ über Iran verkünden. Teheran sei bereit, „alles zu geben“: weder Urananreicherung noch Nuklearbestände. Netanyahu bestätigte am Dienstagmorgen nach einem Telefonat mit Trump offiziell den Waffenstillstand mit Iran, schloss jedoch ausdrücklich aus, dass dieser auch für den Libanon gelte. PBS NewsHour prüfte die Siegesbehauptungen und stellte fest: Iran verfüge noch immer über 440 Kilogramm hochangereichertes Uran, die strategischen Denuklearisierungsforderungen seien noch nicht erfüllt.
Update 9. Juni, 17:05 Uhr: Nach den NBA Finals in New York erklärte Trump, ein Abkommen mit Iran sei in zwei oder drei Tagen erreichbar und die Straße von Hormuz werde unmittelbar danach für den Schiffsverkehr wieder geöffnet. Die Ölpreise gaben daraufhin nach, weil die Märkte ein baldiges Ende der Blockade einpreisten. Das Muster ist vertraut: Trump hat vergleichbare Ankündigungen in den vergangenen Wochen mehrfach gemacht, ohne dass ein Abschluss folgte. Die drei offenen Streitpunkte sind unverändert: der Verbleib der 440 Kilogramm hochangereicherten Urans, die Freigabe der gesperrten iranischen Auslandsvermögen und das Ende der israelischen Luftangriffe im Libanon als Bedingung Teherans.
Update 9. Juni, 21:00 Uhr: Trump bestätigte in einem Interview mit Axios, Iran habe Washington direkt kontaktiert und gebeten, Israel zur Einstellung der Angriffe aufzufordern: „Sie riefen uns an und sagten, sie würden keine weiteren Angriffe mehr machen und baten uns, Israel dasselbe zu tun.“ Er warnte Premierminister Netanyahu, Israel werde „auf sich allein gestellt sein“, falls es erneut den Iran beschieße. Gleichzeitig griff Israel die libanesische Hafenstadt Tyrus an: Mindestens acht Menschen kamen bei dem Luftangriff ums Leben, 32 wurden verletzt. UN-Generalsekretär António Guterres forderte alle Seiten auf, die Angriffe sofort einzustellen und erklärte eine militärische Lösung für nicht erreichbar. Israel setzt seine Libanon-Operationen unterdessen fort und lässt damit Irans Kernforderung für jedes Abkommen unerfüllt.
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