Libanon: 35 Tote, Israel bleibt trotz Waffenruhe
Sechzehn Tote in Nabatija, sieben in Qennarit, vier in Sohmor, drei in Arabsalim, zwei in Rihan, eine in Tyros, zwei libanesische Soldaten: Das libanesische Gesundheitsministerium summierte am Sonntag mindestens 35 Todesopfer israelischer Luftangriffe. Seit Freitagnachmittag gilt formal eine Waffenruhe. Verteidigungsminister Israel Katz erklärte am Wochenende, Israel werde im Südlibanon bleiben und akzeptiere keinerlei Einschränkungen beim Vorgehen gegen die Hisbollah.
Die Pufferzone als ungelöste Grundfrage
Die Waffenruhe, die Israel und die Hisbollah im April 2026 unter Vermittlung der USA, Katars und Irans vereinbart hatten, scheitert immer wieder an demselben Punkt. Israel hält eine Sicherheitspufferzone im Südlibanon besetzt. Aus Sicht Jerusalems ist diese Zone legitimes Verteidigungsgebiet: Sie soll verhindern, dass Hisbollah aus nächster Nähe auf den israelischen Norden feuert.
Aus Sicht der Hisbollah ist diese Besetzung selbst ein Regelbruch. Das Islamabad-Memorandum, das am 17. Juni unterzeichnet wurde, enthält in Artikel 1 die Verpflichtung, alle Kampfhandlungen auf allen Fronten sofort einzustellen sowie die libanesische Souveränität und territoriale Integrität zu garantieren. Irans Außenminister Abbas Araghchi formulierte es in dieser Woche direkt: Jeder weitere Angriff Israels auf Libanon oder jede fortgesetzte Besatzung libanesischen Territoriums werde von Teheran als Verstoß gegen das Memorandum gewertet.
Diese zwei Positionen schließen sich aus. Israel sagt, seine Präsenz schützt den Norden. Die Hisbollah sagt, Israels Präsenz ist Krieg. Solange diese Grundfrage ungelöst bleibt, ist jede Feuerpause strukturell instabil.
Netanyahu trotzt Washington
Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und Verteidigungsminister Katz erteilten der IDF am Sonntag die Weisung, in den besetzten Gebieten des Südlibanon zu verbleiben und das Feuer einzustellen, ausgenommen am Hügel Ali al-Taher, wo IDF-Einheiten und Hisbollah täglich aufeinandertreffen. Der Generalstabschef der israelischen Armee bekräftigte, das Ziel im Südlibanon sei klar und unverändert: den Norden Israels zu sichern.
Damit stellte Israel sich gegen eine Anforderung, die Washington im Namen des Iran-Deals durchzusetzen versucht. Das Islamabad-Memorandum war ausdrücklich als Bedingung für die Fortführung der US-Iran-Verhandlungen formuliert worden. Als die Schweizer Gesprächsrunde am vergangenen Donnerstag abgesagt wurde, hatte Iran das Scheitern der Libanon-Waffenruhe als Verstoß gewertet und Vance seine Reise kurzfristig storniert. Erst eine neue Waffenruhe am Freitag ermöglichte, dass US-Vizepräsident JD Vance und Araghchi sich am Sonntagmorgen auf dem Bürgenstock dann doch noch trafen.
Israelische Kabinettsmitglieder haben öffentlich erklärt, Israel sei durch den Iran-Deal nicht gebunden. Finanzminister Bezalel Smotrich und Nationaler Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir hatten in der Vorwoche gefordert, Israel müsse militärisch frei handeln können. Das ist eine direkte Konfrontation mit der eigenen Schutzmacht, die Washington zunehmend offen missbilligt.
Warum Washington Israel nicht aufhalten kann
Das Islamabad-Memorandum ist ein bilaterales Abkommen zwischen den USA und Iran. Es verpflichtet nicht Israel direkt. Präsident Trump kann Israel ermahnen und tat dies am Freitag explizit: Er griff zum Telefon und bat Netanjahu, einer Waffenruhe zuzustimmen. Netanjahu stimmte zu. Wenige Stunden später griffen israelische Kräfte im Südlibanon erneut an.
Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius brachte diese Dynamik am Sonntag in der ARD auf eine knappe Formel: Trump habe den Korken in die Straße von Hormus gedrückt. Die Nähe der USA zu Israel habe Iran dazu veranlasst, die strategische Meerenge als Druckmittel zu nutzen. Die Hormus-Krise ist demnach keine isolierte Eskalation, sondern eine Folge des Scheiterns, Israel zu Zurückhaltung zu bewegen.
Für das geplante Bundestagsmandat zur Bundeswehrmission in der Straße von Hormus ist das eine konkrete Konsequenz: Pistorius erklärte, ob das Mandat noch vor der Sommerpause verabschiedet werden könne, sei völlig offen. Voraussetzung sei eine belastbare Waffenruhe. Die entsandten Bundeswehrschiffe stehen im östlichen Mittelmeer bereit und könnten in acht bis zehn Tagen vor Ort sein, haben aber noch keinen politischen Auftrag.
Verhandlung in der Schweiz, Bombardierung im Südlibanon
Während Vance und Araghchi am Sonntagvormittag auf dem Bürgenstock verhandelten, starben im Südlibanon 35 Menschen. Die Parallelität beider Prozesse zeigt das strukturelle Dilemma der laufenden Diplomatie: Die USA verhandeln mit Iran über die Konditionen eines regionalen Friedens, der Israel einschließen soll. Israel entscheidet aber selbst, ob es sich an diese Konditionen hält.
Iran hat die eigene Reaktion für diesen Fall klar formuliert. Die iranische Nachrichtenagentur Tasnim meldete, Teheran werde die technischen Verhandlungen über das MoU aussetzen, wenn Artikel 1 nicht erfüllt werde. Artikel 1 verlangt das Ende der israelischen Besatzung libanesischen Territoriums. Das fordert die IDF auf, eine Zone zu verlassen, die Netanjahu und Katz als dauerhaft israelisch betrachten.
Am Hügel Ali al-Taher, für den Netanjahu am Sonntag ausdrücklich eine Ausnahme von der Feuerruhe machte, kam es in den vergangenen Tagen täglich zu Zusammenstößen. Das ist die nächste Eskalationsprüfung, nicht irgendwann, sondern morgen.
Kommentare