Ausgestorben 1900, heute 14.000: Chinas Miluhirsch
Alle 14.000 Miluhirsche der Welt stammen von elf Tieren ab. Diese elf lebten zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht in China, sondern im englischen Woburn Abbey. China hatte die Art 1900 verloren; ein englischer Adliger verhinderte das vollständige Aussterben. Von dieser Gründergruppe in Bedfordshire sind in vierzig Jahren mehr als 14.000 Tiere geworden, heute verteilt auf mehrere Reservate in China.
Das Ende im Kaiserpark und die Arche in England
Die letzten Miluhirsche lebten im Kaiserlichen Jagdpark südlich von Peking, abgeschirmt von der Außenwelt, als Repräsentationstier des Hofes. 1895 brach ein schweres Hochwasser die Parkmauern und tötete den Großteil der Herde. Was blieb, starb während der Boxerrebellion 1900, als Truppen in den Park eindrangen. In China war die Art damit vollständig ausgelöscht.

Herbrand Russell, der 11. Duke of Bedford, erkannte zwischen 1894 und 1904 die Gefahr des vollständigen Aussterbens und sammelte die in europäischen Zoos verstreuten Miluhirsche in seinem Landsitz Woburn Abbey in Bedfordshire ein. Von 18 Tieren, die er dort versammelte, trugen letztlich 11 zur Weiterführung der Art bei. Alle heute lebenden Miluhirsche, alle 14.000, sind Nachfahren dieser elf Individuen.
39 Tiere und ein neues Zuhause in Jiangsu
1985 übergab der Marquess of Tavistock, Eigentümer von Woburn Abbey, 22 Miluhirsche als Geschenk an China zurück. Von diesen 22 Tieren kamen 20 in den Nanhaizi-Park südlich von Peking, den früheren Kaiserlichen Jagdpark. 1986 wurden im Dafeng-Nationalreservat in der Provinz Jiangsu 39 Tiere aus mehreren britischen Zoos eingesetzt. Dafeng liegt im Küstenfeuchtgebiet des Gelben Meeres und ähnelt dem historischen Lebensraum der Art: flache Feuchtgebiete, Schilfflächen, träge Flüsse.
Das Ergebnis nach vierzig Jahren: Im Dafeng-Reservat leben heute mehr als 8.500 Miluhirsche, davon 3.673 vollständig frei ohne Gehege. Ganz China zählt laut der Staatsagentur Xinhua über 14.000 Tiere, verteilt auf mehrere Reservate und Aufzuchtzentren. Die Gesamtpopulation ist seit der Rückkehr 1985 um das 200-Fache gestiegen, was einem mittleren jährlichen Wachstum von rund 13 Prozent entspricht.
Für das Dafeng-Reservat wird in wissenschaftlichen Veröffentlichungen hervorgehoben, dass es gelungen ist, eine ausschließlich in Zoohaltung überlebende Art in ein weitgehend selbsttragendes Wildtierökosystem zurückzuführen. Wildpopulationen, die sich ohne menschliche Zufütterung und ohne ständige tierärztliche Intervention vermehren, sind das eigentliche Ziel jeder Wiederansiedlung.
Im Vergleich: Was anderen Arten gelungen ist
Der Miluhirsch ist kein Einzelfall unter den Tiercomebacks der vergangenen Jahrzehnte. Der Europäische Bison war 1927 in der freien Wildbahn ausgestorben, nachdem der letzte Wisent im Kaukasus erlegt wurde. Ihre Rettung begann 1923, als Zoobiologinnen und Zoobiologen ein koordiniertes Zuchtprogramm für die noch lebenden Tiere in Tiergärten starteten. Per Ende 2024 zählt das Europäische Bisonzuchtbuch 12.209 Tiere weltweit, davon 9.762 freilebend. Polen und Russland teilen mit je rund 3.000 Tieren die größten Populationen.

Der Iberische Luchs zählte 2001 nur noch 62 geschlechtsreife Individuen. Im Dezember 2024 wurden 2.401 Tiere auf der Iberischen Halbinsel gezählt, 2.047 in Spanien und 354 in Portugal. Das ist ein Wachstum um den Faktor 39 in 23 Jahren. Im Juni 2024 stufte die Weltnaturschutzunion IUCN die Art von „stark gefährdet” auf „gefährdet” herab, ein Schritt, der in der Roten Liste des Artenschutzes selten vorkommt.
Was alle drei Arten verbindet: Ihr Wiederaufstieg begann nicht mit einem Naturphänomen, sondern mit einer politischen Entscheidung. In China war es die Entscheidung von 1985, ein diplomatisches Geschenk anzunehmen und Feuchtgebiete für ein paar Dutzend unbekannte Hirsche zu reservieren. In Spanien die Finanzierung eines Luchszuchtprogramms über LIFE-Fördermittel der EU ab 2002. In Polen die Entscheidung von 1923, in staatlichen Zoos eine letzte Zuchtpopulation zu erhalten.
Das Inzuchtproblem: Alle 14.000 stammen von elf Tieren ab
Hinter den Erfolgszahlen liegt eine biologische Gefährdung, die chinesische Wissenschaftler nicht verschweigen. Weil alle Miluhirsche weltweit von einem Genpool ausgehen, der auf elf Tieren basiert, zeigt die Population typische Inzuchtmerkmale: erhöhte Fehlgeburtsraten, kürzere Lebensspannen und erhöhte Krankheitsanfälligkeit. Chinesische Biologen, die Populationsdynamik des Miluhirsches systematisch untersuchen, nennen die genetische Enge als zentrale offene Frage des Artenschutzes.
Die chinesische Regierung hat darauf reagiert: Im Dafeng-Reservat entsteht derzeit Asiens größte Milugenbank. Ziel ist die systematische Sicherung von Erbgut, das für künftige genetische Diversifizierung genutzt werden kann. Kooperationen mit zoologischen Institutionen sollen genomische Werkzeuge einbringen, die beim Europäischen Bison bereits erprobt sind. Ein Tier, dessen Zahlen als Erfolg ausgewiesen werden, ist biologisch noch nicht gesichert. Eine Population ohne genetische Vielfalt ist anfälliger für neue Krankheitserreger und klimatische Extreme als eine, die aus Hunderten unabhängiger Linien entstanden ist.
Der Miluhirsch hat die erste Etappe seiner Rückkehr hinter sich. Von null freilebenden Tieren in China auf 14.000 in vierzig Jahren ist mehr als Symbolpolitik. Die zweite Etappe, der Aufbau genetischer Belastbarkeit, hat gerade begonnen.
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