Psyche erreicht Mars: Auf Kurs zum Metallweltall
Der Asteroid 16 Psyche könnte der nackte Kern eines Protoplaneten sein, der vor Milliarden Jahren beim Aufprall auf ein anderes Objekt seinen Mantel verlor. Normalerweise liegt ein Planetenkern unter Tausenden Kilometern Gestein. Am 5. August 2029 wird die NASA-Sonde Psyche erstmals direkt darauf blicken. Einen wichtigen Zwischenschritt absolvierte sie am 15. Mai 2026: den Vorbeiflug am Mars, der ihr genug Schwung für die restliche Reise gab. Die ersten Bilder sind jetzt verfügbar.
Was ist eigentlich die Mission Psyche?
Im Oktober 2023 startete die NASA-Sonde Psyche vom Kennedy Space Center in Florida. Ihr Ziel ist der Asteroid 16 Psyche im Hauptasteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter, rund 280 Kilometer im Durchmesser. Was ihn von den meisten anderen Asteroiden unterscheidet: Er besteht laut Radaranalysen überwiegend aus Eisen und Nickel statt aus Gestein oder Eis.
Die gängige Hypothese lautet, Psyche sei der freigelegte Kern eines frühen Planetesimales. In der Entstehungszeit des Sonnensystems bildeten sich aus Materialansammlungen sogenannte Planetesimale, also Vorläufer der heutigen Planeten. Traf eines dieser Objekte auf ein anderes, konnten gewaltige Kollisionen die äußeren Schichten abtragen und nur den eisernen Kern zurücklassen. Wenn diese Hypothese stimmt, bietet Psyche eine einmalige Gelegenheit: die erste direkte Untersuchung eines Planetenkerns. Der Kern der Erde liegt mehr als 5.000 Kilometer unter der Oberfläche und bleibt dort auf absehbare Zeit unerreichbar.
An Bord der Sonde befinden sich drei wissenschaftliche Instrumente. Das Magnetometer soll messen, ob Psyche ein Restmagnetfeld besitzt, was auf frühere Dynamoaktivität ähnlich dem Erdkern hinweisen würde. Ein Gamma-Ray- und Neutronenspektrometer wird die chemische Zusammensetzung der Oberfläche analysieren. Zwei Multispektralkameras nehmen Bilder in sichtbarem Licht und Nahinfrarot auf. Technisch ist die Sonde eine Premiere: Psyche ist die erste interplanetare NASA-Mission, die ausschließlich mit solarbetriebenen Hall-effect-Triebwerken fliegt. Diese Ionentriebwerke beschleunigen Xenongas mit elektrischem Strom zu einem Schub; sie sind sehr effizient, aber erst auf langen Strecken sinnvoll.
Warum dieser Marsvorbeiflug?
Ein Gravitationsmanöver nutzt die Schwerkraft eines Planeten als natürliche Beschleunigungsanlage, ohne Treibstoff zu verbrauchen. Am 15. Mai 2026, gegen 12:03 Uhr UTC, passierte Psyche den Mars in einem minimalen Abstand von 4.609 Kilometern. Das entspricht ungefähr dem Abstand Berlin-Casablanca. Der Vorbeiflug gab der Sonde laut NASA einen Geschwindigkeitsgewinn von rund 1.600 Stundenkilometern und verschob ihre Bahnebene um etwa ein Grad relativ zur Sonne.
Mit den Ionentriebwerken allein hätte Psyche diesen Schwung nicht erreicht. Das Gravitationsmanöver ist damit kein Umweg, sondern ein einkalkulierter Teil der Route. Alle drei wissenschaftlichen Instrumente nahmen den Vorbeiflug als Testgelegenheit: Sie sammelten aktiv Daten und Bilder vom Mars, auch wenn das nicht der Hauptzweck der Mission ist. Die Rohdaten wurden mit wenigen Stunden Verzug veröffentlicht.
Was die Bilder zeigen
Das auffälligste Bild der Marspassage zeigt den Krater Huygens nahe dem Marsäquator. Er misst 470 Kilometer im Durchmesser und weist konzentrische Ringstrukturen auf, die einen besonders gewaltigen frühen Einschlag bezeugen. Auch Aufnahmen der Südpolkappe des Mars und Weitwinkelansichten des gesamten Planeten wurden veröffentlicht. Wissenschaftler der Mission sprachen von einer Schärfe, die sie angesichts der kurzen Vorbeiflugdauer überraschte.
Die Bilder liefern auch wissenschaftliche Daten über den Mars, die in das globale Archiv der Marsforschung eingehen werden. Geplant war das nicht als primäres Ziel, aber es zeigt einen Vorteil tiefer Raumfahrt: Selbst der Weg zum eigentlichen Ziel erzeugt verwertbare Ergebnisse.
Zur oft zitierten Bewertung des Asteroiden: Eine Berechnung aus dem Jahr 2017 beziffert den theoretischen Metallwert von Psyche auf bis zu zehn Quintillionen Dollar, also eine Zahl mit 19 Stellen. Diese Zahl ist eine Kuriosität, keine realistische Einschätzung. Linda Elkins-Tanton, die leitende Wissenschaftlerin der Mission, hat mehrfach betont, dass selbst die hypothetische Möglichkeit, das Metall zur Erde zu bringen, die weltweiten Metallmärkte sofort zum Kollaps bringen würde. Die Mission verfolgt keine wirtschaftliche, sondern eine wissenschaftliche Frage: Wie bildeten sich die felsigen Planeten des inneren Sonnensystems?
August 2029: Drei Jahre bis zur Oberfläche eines verlorenen Kerns
Am 5. August 2029 soll Psyche den Asteroiden erreichen und in einen Orbit eintreten. Die Orbitalphase dauert nach aktuellem Plan 817 Tage, bis Ende Oktober 2031. In dieser Zeit wird die Sonde schrittweise in engere Umlaufbahnen absteigen, um die Oberfläche aus zunehmend geringer Distanz zu untersuchen. Das Magnetometer wird dabei klären, ob ein Restfeld existiert, das Rückschlüsse auf die thermische Geschichte des Objekts erlaubt. Wenn Psyche tatsächlich ein ehemaliger Planetenkern ist, wird die Mission liefern, was bisher nur Theorien beschrieben: eine direkte Messung der Materie, aus der das Innere felsiger Planeten besteht.
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