Nato-Gipfel Ankara: Selenskyj will Patriot-Raketen
Am Vorabend des 36. Nato-Gipfels bombardierte Russland Kiew mit 29 ballistischen Raketen. Keine wurde abgefangen. Mit diesem Angriff im Hintergrund eröffnete die Allianz der 32 am Montagmorgen im Beştepe-Präsidentenkomplex in Ankara und Wolodymyr Selenskyj formulierte seinen Kernwunsch klar: mehr Patriot-Luftabwehrsysteme und das Recht, diese Raketen in der Ukraine selbst herzustellen. US-Präsident Donald Trump trifft den ukrainischen Präsidenten am Mittwoch bilateral, plant danach ein Gespräch mit Wladimir Putin. Erstmals seit dem G7-Gipfel in Évian betreibt Washington eine direkte Shuttle-Diplomatie im Ukrainekrieg.
Erstmals alle 32 Mitglieder über zwei Prozent
Der Ankara-Gipfel ist der erste, bei dem alle 32 Nato-Mitgliedsstaaten das 2014 in Wales vereinbarte Zwei-Prozent-Ziel erfüllen. Damals schafften es von 28 Mitgliedern gerade vier: die USA, Großbritannien, Griechenland und Estland. In den Jahren danach stockten die europäischen Ausgaben nur zögerlich auf. 2025 stiegen sie um 20 Prozent, der stärkste Jahresanstieg unter europäischen Nato-Mitgliedern seit 1953. Einige Länder haben das 2025 vereinbarte neue Fünf-Prozent-Ziel bis 2035 bereits in diesem Jahr erreicht.
Für die Ukraine haben die Mitglieder 140 Milliarden Euro über zwei Jahre zugesagt, 70 Milliarden jährlich für 2026 und 2027. Der Betrag kommt nicht von Washington: Die USA beteiligen sich nicht an diesem Versprechen. Er setzt sich zusammen aus dem Verteidigungsanteil des EU-Darlehens von 28,3 Milliarden Euro 2026, allen bilateralen Zusagen europäischer Nato-Mitglieder und Kanadas. In der Abschlusserklärung behält die Allianz die Formulierung bei, dass Russland eine Bedrohung für die euroatlantische Sicherheit darstelle.
Was Selenskyj konkret fordert
Der ukrainische Präsident reiste mit einer präzisen Forderungsliste nach Ankara. Erstens: zusätzliche Patriot-Interceptors aus den Beständen der Nato-Partner. "Solange Patriot-Raketen in den Lagern unserer Verbündeten bleiben, wird Russland nur ermutigt", sagte Selenskyj vor dem Gipfel. Zweitens: US-Produktionslizenzen, die der Ukraine erlauben würden, Patriot-Raketen auf eigenem Boden herzustellen. Das würde die strategische Abhängigkeit von westlichen Nachschublinien deutlich senken.
Trump reagierte auf den Patriot-Wunsch ausweichend positiv. "Wir schauen uns das an", sagte er nach einem Telefonat mit Selenskyj am 4. Juli. Das Gipfeldokument hält fest, die Nato-Partner seien "bereit zu prüfen", inwieweit Rüstungsproduktionslizenzen an Kiew vergeben werden können. Kein Nein, aber auch kein Ja. Für Selenskyj ist das ein bekanntes Muster: Wohlwollen ohne konkrete Termine.
Trumps Pendeldiplomatie
Der eigentliche Kern des Gipfels aus Washingtons Sicht ist die Friedensdiplomatie. Am Samstag, dem 4. Juli, führte Trump ein fast 90-minütiges Telefonat mit Putin über Möglichkeiten zur Beendigung des Krieges, anschließend sprach er auch mit Selenskyj. Am Mittwoch, dem 8. Juli, folgt das bilaterale Treffen mit Selenskyj in Ankara. Danach plant Trump nach Angaben seines Teams einen weiteren Anruf bei Putin.
Selenskyj zeigte sich nach dem Trump-Telefonat auffallend zuversichtlich: Es gebe "eine echte Aussicht auf ein Kriegsende", sagte er. Ein hochrangiger US-Beamter formulierte die amerikanische Lageeinschätzung nüchterner: "Das Schlachtfeld ist seit einigen Monaten eindeutig eingefroren. Keine Seite kommt wirklich voran." Diese Pattsituation ist genau der Ausgangspunkt, den Trump nutzen will, um beide Seiten an den Verhandlungstisch zu bringen.
Die Grundpositionen haben sich seit Monaten nicht verändert. Russland besteht auf der Übergabe der verbliebenen ostukrainischen Gebiete, die es beansprucht. Die Ukraine lehnt einen Waffenstillstand ohne international verbindliche Sicherheitsgarantien ab. Was sich verändert hat, ist die militärische Dynamik. Keiner der beiden Seiten gelingt es, nennenswert Terrain zu gewinnen.
Das eingefrorene Schlachtfeld
An der Front gibt es eine kleine, aber aufschlussreiche Entwicklung. Russland forderte in dieser Woche eine sechsstündige lokale Waffenruhe rund um Kostjantyniwka im Donbas, um die Übergabe der Körper gefallener ukrainischer Soldaten zu ermöglichen. Die Ukraine lehnte ab. Der Vorwurf steht seither im Raum, Kiew verweigere eine Geste, die keine militärischen Kosten hätte. Für sich genommen ist das ein Routinedisput. Als Teil eines größeren Musters zeigt er, wie wenig Vertrauen auf beiden Seiten vorhanden ist.
Gleichzeitig vollzog sich im Juni eine unbemerkte Verschiebung. Weißrussland schaltete unter Alexander Lukaschenko die russischen Drohnen-Relaisstationen ab, die seit Monaten russischen Shahed-Drohnen als Navigationshilfe für Angriffe auf die Westukraine dienten. Selenskyj hatte Lukaschenko ein Ultimatum gestellt und Lukaschenko gab nach. Er bezeichnete den Schritt als Friedensgeste und entschuldigte sich öffentlich bei Selenskyj für frühere Äußerungen. Das ist keine Friedensvereinbarung. Es zeigt aber, dass auch Minsk nach Spielräumen sucht.
Mittwoch, 8. Juli: Das Bilateral und der Putin-Anruf
Das Treffen zwischen Trump und Selenskyj am Mittwoch wird zeigen, ob hinter dem Zuversichtssignal des ukrainischen Präsidenten konkrete Substanz steckt. Selenskyjs Leitlinie für das Gespräch: mehr Luftabwehr, um die Verhandlungsposition zu stärken und gleichzeitig Offenheit für einen Waffenstillstand, der internationale Sicherheitsgarantien umfasst. Ob Trump danach tatsächlich Putin anruft und was dabei herauskommen könnte, wird die nächste Phase bestimmen.
Die Nato hat in Ankara das Geld bereitgestellt. Der Wille zu einem Ende des Krieges ist auf beiden Seiten vorhanden, aber die Bedingungen dafür liegen noch weit auseinander. Die Diplomatie beginnt erst nach dem Gipfel.
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