Darmkrebsstudie: Null Rückfälle nach Immuntherapie
Good News

Darmkrebsstudie: Null Rückfälle nach Immuntherapie

Eine britische Phase-II-Studie hat bei aggressivem Darmkrebs ein außergewöhnliches Ergebnis gezeigt: 59 Prozent der Patienten hatten nach Immuntherapie vor der Operation keine Krebszellen mehr. Kein einziger der 32 Patienten erlebte in fast drei Jahren einen Rückfall.

21. Mai 2026, 17:08 Uhr 725 Wörter · 4 Min. Lesezeit

In fast drei Jahren Nachbeobachtung erlebte kein einziger Patient einen Rückfall. Die NEOPRISM-CRC-Studie, auf der AACR-Jahreskonferenz 2026 in San Diego präsentiert, hat für eine spezifische Form von Darmkrebs Ergebnisse geliefert, die Onkologen als außergewöhnlich bezeichnen: 59 Prozent der 32 Patienten zeigten nach einer kurzen Immuntherapie vor der Operation keine Krebszellen mehr im operierten Gewebe.

Was MSI-high-Darmkrebs bedeutet

Darmkrebs ist nicht gleich Darmkrebs. Etwa 10 bis 15 Prozent der Erkrankten tragen eine besondere molekulare Signatur: Ihre Tumorzellen haben defekte DNA-Reparaturgene, in der Fachsprache als Mismatch-Repair-defizient (MMR-d) oder MSI-high bezeichnet. Diese Defekte führen dazu, dass sich in den Zellen viele Mutationen anhäufen. Ironischerweise macht genau das die Tumorzellen anfälliger für das Immunsystem: Es erkennt sie leichter als fremd.

darmkrebs

Bisheriger Standard bei Stadium-II-III-Erkrankungen ist Operation gefolgt von Chemotherapie. Für MSI-high-Tumoren ist das problematisch: Sie sprechen auf die klassische 5-Fluorouracil-Chemotherapie schlecht an. Rückfallraten von 25 bis 40 Prozent innerhalb von drei Jahren sind typisch.

Immuntherapie vor statt nach der Operation

Dr. Kai-Keen Shiu, Konsultant für Onkologie am University College London Hospital und Leiter der Studie, hat den Behandlungsablauf umgekehrt. Statt zuerst zu operieren und dann zu therapieren, bekamen die 32 Patienten aus fünf britischen Kliniken zunächst Pembrolizumab, einen PD-1-Inhibitor der das Immunsystem gegen den Tumor aktiviert. Drei Zyklen über neun Wochen für die meisten Patienten. Vier bis sechs Wochen nach der letzten Behandlung folgte die Operation.

Das Ergebnis, das am 5. Mai 2026 in San Diego präsentiert wurde: 59 Prozent der Patienten zeigten eine pathologische komplette Remission. Das bedeutet, der Pathologe fand im entnommenen Gewebe keine Krebszellen mehr, weder im Tumor noch in den Lymphknoten. Nach einem medianen Nachbeobachtungszeitraum von 32,9 Monaten hatte kein einziger der 32 Patienten einen Rückfall erlitten. Die Verträglichkeit war gut: Nur 6,2 Prozent erlebten schwere Nebenwirkungen (Grad 3 oder 4). Die Studie wurde von MSD (Merck Sharp and Dohme), dem Hersteller von Pembrolizumab, gesponsert.

Im Vergleich: Immuntherapie vor der OP hat Vorläufer

Das Prinzip der Immuntherapie vor der Operation ist aus anderen Krebsarten bekannt. Bei dreifach-negativem Brustkrebs führte die KEYNOTE-522-Studie dazu, dass Pembrolizumab vor der OP zum neuen Standard wurde. Die Studie zeigte, dass das Immunsystem vor der Operation den Tumor angreifen und die Heilungschancen verbessern kann. Ein ähnlicher Paradigmenwechsel gelang bei Mastdarmkrebs durch die sogenannte totale neoadjuvante Therapie: Statt Chemotherapie und Bestrahlung nach der OP zu geben, bekommen Patienten beides vorher. Ein Teil kommt danach ohne Operation aus.

Für MSI-high-Darmkrebs hatte die chinesische PICC-Studie 2023 in einer kleinen Kohorte ähnliche Signale gezeigt. NEOPRISM-CRC liefert nun die bisher längste Nachbeobachtung für diesen Ansatz.

immuntherapie

Zum direkten Vergleich: Bei MSI-high-Patienten die mit Standard-Chirurgie und adjuvanter Chemotherapie behandelt werden, erleben 25 bis 40 Prozent innerhalb von drei Jahren einen Rückfall. NEOPRISM-CRC zeigte in demselben Zeitraum null Rückfälle.

Einordnung: Was diese Studie kann und was nicht

Die Daten sind beeindruckend, aber 32 Patienten sind eine kleine Kohorte. Phase-II-Studien in dieser Größe reichen, um Signale zu erkennen, nicht um Leitlinien zu ändern. Dafür braucht es Phase-III-Studien mit Hunderten von Patienten, die Ergebnisse reproduzieren. Das Ergebnis ist außerdem auf einen spezifischen Tumor-Subtyp beschränkt: MMR-d/MSI-high tritt bei etwa 10 bis 15 Prozent aller Darmkrebspatienten auf. Für den häufigeren Typ ohne dieses Profil wirkt Pembrolizumab nicht.

Die Finanzierungsquelle muss bei der Bewertung bedacht werden: MSD hat ein wirtschaftliches Interesse an positiven Pembrolizumab-Daten. Das begründet keinen Zweifel an der wissenschaftlichen Integrität von Dr. Shiu und seinem Team, aber unabhängige Replikation bleibt notwendig.

Bis Phase III: 4.000 bis 6.000 Patienten jährlich in Großbritannien allein

Sollte eine Phase-III-Studie die Ergebnisse bestätigen, wären die Auswirkungen erheblich. In Großbritannien erkranken jedes Jahr etwa 40.000 Menschen an Darmkrebs. Bei 10 bis 15 Prozent MSI-high-Anteil wären das 4.000 bis 6.000 Patienten jährlich, die von diesem Ansatz profitieren könnten. Auf Deutschland übertragen, wo jährlich rund 58.000 Neuerkrankungen auftreten, kämen weitere 5.800 bis 8.700 Patienten hinzu.

Dr. Shiu arbeitet laut UCL-Pressemitteilung an einer Follow-up-Studie. Einen genauen Zeitplan nannte er nicht. Für Patienten mit MSI-high-Darmkrebs, die bisher die schlechtesten Prognosen hatten, wäre die Bestätigung durch eine große Studie ein Wendepunkt.

Quellen (5)

Kommentare