23 Kälber: Nordatlantische Glattwale erholen sich
Von den rund 70 reproduktionsfähigen Weibchen der Nordatlantischen Glattwale waren in der Saison 2025/26 fast ein Drittel gleichzeitig trächtig: 23 Neugeborene wurden zwischen Dezember 2025 und März 2026 dokumentiert, der vierthöchste Wert in der gesamten Bestandserfassung. 13 dieser Mütter hatten ihren letzten Nachwuchs 2021 oder 2022 bekommen, vier bis fünf Jahre vor diesem Kalb. Gesund wäre ein Abstand von drei bis vier Jahren; in den Krisenjahren lagen die Werte bei sieben bis zehn Jahren.
1990 bis 2018: Jahrzehnte des Rückgangs
Der Nordatlantische Glattwal gehört zu den am stärksten gefährdeten Meeressäugern der Welt. Historisch machten kommerzielle Waljäger die Art zur Zielscheibe, weil sie langsam, küstennah und nach dem Tod schwimmend aufzufinden war, ein leichtes Ziel. In Nordamerika galt kommerzieller Walfang ab den 1930er Jahren als verboten, doch der Bestand erholte sich nie vollständig. Stattdessen wirkten neue Bedrohungen: Containerschiffe und Fischereiausrüstung.

Über Jahrzehnte pendelte der Bestand zwischen 350 und 500 Tieren. NOAA Fisheries überwacht die Population seit den 1980er Jahren systematisch. Ende 2018 zählte die Behörde 412 Tiere. Mehr als 85 Prozent der bekannten Individuen tragen Narben von Fischereiausrüstung, über 60 Prozent wurden nachweislich mehrfach verstrickt.
2018 bis 2024: Dramatischer Einbruch und erstes Aufatmen
Zwischen 2017 und 2019 starben ungewöhnlich viele Glattwale, hauptsächlich durch Schiffsanfahrungen und Verstrickung in Hummerfangausrüstung vor Kanada. Die Population fiel bis 2020 auf etwa 340 bis 358 Tiere, das niedrigste jemals gemessene Niveau. Die Kalbungszahlen brachen in denselben Jahren ein und blieben danach niedrig: Die Saison 2022/23 brachte nur elf Kälber.
Die Behörden reagierten. NOAA Fisheries erweiterte im Februar 2024 das Massachusetts Restricted Area, ein Meeresgebiet vor der US-Atlantikküste mit strengen Schiffsgeschwindigkeitsbegrenzungen. In fünf Bundesstaaten testeten rund 50 Fischer sogenannte ropeless gear, also Fangreusensysteme ohne dauerhaft im Wasser treibende Seile, die häufigste Verstrickungsursache sind. Ob diese Maßnahmen die Wende gebracht haben, ist noch ungeklärt; der Zusammenhang zwischen konkreter Maßnahme und beobachteter Verbesserung ist schwer zu isolieren.
Saison 2025/26: 23 Kälber und ein neues Signal
Zwischen Dezember 2025 und März 2026 wurden in den Küstengewässern vor Georgia, Florida und South Carolina insgesamt 500 Sichtungen von 129 verschiedenen Individuen dokumentiert, so NOAA Fisheries. 23 davon waren Neugeborene, begleitet von Müttern deren Geburtsintervall sich verkürzt hat. Das ist biologisch bedeutsam: Walweibchen die häufiger gebären, sind in besserer körperlicher Verfassung. Hunger und Schadstoffbelastung strecken das Intervall; Verbesserungen in der Nahrungsversorgung und Gesundheit verkürzen es.
Mindestens vier der 23 Muttertiere trugen sichtbare Narben von Schiffsanfahrungen. Das ist eine bittere Begleitnachricht: Selbst in diesem starken Kalbungsjahr sind die Hauptbedrohungen unverändert präsent. NOAA setzt die Schwelle für eine nachhaltige Erholung bei mindestens 50 Kälbern pro Jahr an, ein Wert, der erst bei einer deutlich größeren Zahl reproduktionsfähiger Weibchen erreichbar wäre. Mit 23 ist dieser Wert nicht erreicht; der Bestand bleibt kritisch gefährdet.
Im Vergleich: Andere Meeressäuger vom Rand des Aussterbens
Die Kalbungssaison 2025/26 reiht sich in eine Reihe von Erholungsgeschichten ein, die zeigen, wie langsam marine Säugetiere auf veränderte Bedingungen reagieren. Der Buckelwal galt Mitte des 20. Jahrhunderts als beinahe ausgerottet; schätzungsweise 5.000 Tiere überlebten in globalen Gewässern. Nach dem internationalen Walfangstopp von 1986 erholte sich die Art auf heute über 80.000 Individuen. Das Instrument war ein globales Verbot, konsequent durchgesetzt über Jahrzehnte.
Der Iberische Luchs zeigt, dass auch kleine Populationen zurückkehren können: 2002 gab es noch weniger als 100 frei lebende Tiere in Spanien und Portugal, eine der niedrigsten Populationsgrößen je bei einem Raubtier gemessen. 2024 zählte die IUCN über 2.000 Individuen. Beim Seeadler in Deutschland stieg die Zahl der Brutpaare von rund 240 in den 1990er Jahren auf über 1.000 bis 2024. Alle drei Fälle verbindet: Die Tiere kamen zurück, sobald die spezifische Hauptbedrohung systematisch reduziert wurde.
Schiffspropeller und Fischerleinen: Die offenen Bedrohungen
Tierschutzorganisationen wie Oceana und das Center for Biological Diversity drängen seit Jahren auf strengere Vorschriften für Schiffsgeschwindigkeiten entlang der gesamten US-Atlantikküste und verpflichtende Einführung von ropeless gear für alle kommerziellen Hummerfischer. Die bisherigen Regelungen, so ihre Kritik, gelten nur für bestimmte Gebiete und Jahreszeiten und schützen die Wale nicht ausreichend auf ihren Wanderrouten. NOAA hat für Ende 2026 und Anfang 2027 neue Sitzungen des Atlantic Large Whale Take Reduction Team angesetzt, dem Gremium das Maßnahmen vorschlägt.
Der Bestand ist heute mit rund 380 bis 384 Tieren zwar größer als auf dem Tiefpunkt 2020, liegt aber noch unter dem Niveau von 2018. Von den rund 70 reproduktionsfähigen Weibchen muss ein deutlich höherer Anteil regelmäßig Kälber zur Welt bringen, damit der Bestand wächst. 23 Kälber ist der beste Wert seit 2009 und ein reales Zeichen biologischer Erholung. Es ist aber erst ein Satz, kein Rücksprung.
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