Vier Tage nach Trump: Putin trifft Xi in Peking
Vier Tage lagen zwischen Trumps Abreise aus Peking und Putins Ankunft in der chinesischen Hauptstadt. Xi Jinping empfing den russischen Präsidenten am 19. Mai mit militärischen Ehren in der Großen Halle des Volkes: demselben Ort, an dem er eine Woche zuvor noch den Mann willkommen geheißen hatte, der Russland mit Sanktionen belegt. Für Peking ist das kein Widerspruch. Es ist Kalkül.
Das Jubiläum als Kulisse
China und Russland feiern in diesem Jahr den 25. Jahrestag des Freundschafts- und Kooperationsvertrags, den Putin und der damalige Staatspräsident Jiang Zemin 2001 unterzeichnet hatten. Seither hat sich die Beziehung grundlegend gewandelt. Nach Russlands Überfall auf die Ukraine 2022 und den westlichen Sanktionen ist China zum wichtigsten Handelspartner Moskaus geworden. Der bilaterale Handel erreichte 2024 nach Angaben chinesischer Zollbehörden mehr als 240 Milliarden US-Dollar, ein Rekord.
Putins Besuch vom 19. bis 20. Mai ist sein erster formeller Staatsbesuch in China seit mehr als zwei Jahrzehnten. Frühere Reisen galten meist multilateralen Formaten wie dem BRICS-Gipfel oder dem G20. Der offizielle Charakter ist diesmal betont: militärische Ehren, Staatsbankett, Pressekonferenz. Geplant sind laut Kremlin-Mitteilung rund 40 bilaterale Abkommen zu Themen von Energiekooperation über Bildungsaustausch bis hin zu Finanzfragen. Beide Seiten starten zudem die bilateralen Bildungsjahre 2026 bis 2027, die Hochschulpartnerschaften ausbauen sollen.
Die Pipeline als eigentlicher Prüfstein
Das zentrale ungelöste Projekt zwischen beiden Ländern ist die Power-of-Siberia-2-Pipeline, die sibirisches Erdgas durch die Mongolei nach China transportieren soll. Die geplante Kapazität von bis zu 50 Milliarden Kubikmetern jährlich entspräche etwa einem Viertel des früheren russischen Gasexports nach Europa. Für Moskau ist das Projekt existenziell: Westliche Sanktionen haben den Absatz russischen Gases nach Europa weitgehend abgeschnitten.
China hingegen hält die Verhandlungen seit Jahren hin. Peking hat wenig Interesse, die energiepolitische Abhängigkeit von Russland zu erhöhen und damit das Druckmittel in Preisverhandlungen zu verlieren. Beim Besuch eines russischen Energieberaters im September 2025 hatte Moskau signalisiert, das Projekt befinde sich in einem "sehr fortgeschrittenen Stadium" einer Einigung. Ob Putin in Peking einen Durchbruch erzwingt, war bis zum Abend des 20. Mai offen. Pressekonferenzen beider Seiten sind für den Abschluss des Besuchs angekündigt.
In der bereits im Vorfeld bekannt gewordenen gemeinsamen Erklärung bekennen sich beide Staatschefs zur "Multipolarität" der Weltordnung, dem diplomatischen Begriff für die gemeinsame Ablehnung westlich geführter Institutionen als alleinige Ordnungsmacht.
Pekings Doppelstrategie
Das Zeitfenster von vier Tagen zwischen Trumps Abreise und Putins Ankunft ist kein Zufall. Trumps Besuch Mitte Mai hatte konkrete Ergebnisse gebracht: ein Hornuz-Abkommen mit dem Iran, Boeing-Bestellungen im Wert von Dutzenden Milliarden Dollar, handelspolitische Entspannung mit Washington. Peking macht Geschäfte mit demselben Amerika, das Russland sanktioniert.
Für die EU und ihre Verbündeten ist die Konstellation unbequem. Europa hatte nach 2022 darauf gesetzt, dass Peking angesichts westlichen Drucks und Sanktionsfolgen seinen Kurs gegenüber Moskau anpassen würde. Das Gegenteil ist eingetreten: China hat die Handelsströme zu Russland ausgebaut, bezieht russisches Öl zu Rabatten und liefert Industriegüter, die Russlands Kriegswirtschaft stützen. Der US-Kongress drängt seit Jahren auf schärfere Gegenmaßnahmen gegen chinesische Unternehmen, die indirekt russische Rüstungsproduktion beliefern. Bislang ohne durchgreifenden Effekt.
Analysten beobachten zudem, dass Peking möglicherweise strategische Energievorräte aufstockt, die im Konfliktfall, etwa um Taiwan, relevant wären. Russisches Öl und Gas käme dann aus einem Lieferland, das westliche Sanktionen weitgehend ignoriert.
Die Abkommen bis Ende der Woche
Bis zum 22. Mai sollen die geplanten rund 40 Abkommen unterzeichnet sein. Ob darunter ein verbindliches Rahmenabkommen zur Power-of-Siberia-2-Pipeline ist, wird erst am Ende des Besuchs feststehen. Für die Ukraine ist Putins Peking-Besuch eine strukturell schlechte Nachricht: Er signalisiert, dass Russland auf absehbare Zeit einen belastbaren Alternativmarkt für seine Rohstoffe hat und die westliche Sanktionspolitik China nicht zur Distanzierung von Moskau bewogen hat. Die Frage, wie Peking zwischen Washington und Moskau balanciert, wird die nächste Phase des Ukrainekonflikts mitprägen.
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