Russlands Offensive: Langsamste Fortschritte seit 100 Jahren
Im Juni 2026 gewann Russland rund 30 Quadratkilometer ukrainisches Territorium. Im Juni 2025 waren es 481 Quadratkilometer. Der Preis für diese 30 Quadratkilometer: rund 39.000 getötete und verwundete russische Soldaten. Das Center for Strategic and International Studies in Washington hat diese Zahlen am 1. Juli in seinem Bericht „Blood and Treasure” veröffentlicht und kommt zu einem Urteil, das Putins Militärstrategie grundlegend infrage stellt: Russlands Offensive ist die langsamste militärische Vorwärtsbewegung in einem Krieg der vergangenen hundert Jahre.
Was der CSIS-Bericht im Einzelnen zeigt
Die Zahlen sind präzise und konsistent über mehrere Messmethoden hinweg. Um Kostiantyniwka rücken russische Kräfte täglich rund 50 Meter vor. Um Pokrowsk sind es 70 Meter, um Slowjansk 90 Meter täglich. Zum Vergleich: Im Ersten Weltkrieg, der als Paradigma des festgefahrenen Grabenkriegs gilt, betrugen typische Vormarschraten an den Brennpunkten der Somme und bei Verdun 100 bis 200 Meter täglich.
Das CSIS rechnet weiter: Bei diesem Tempo würde Russland 5.150 Tage brauchen, um das verbleibende ukrainische Territorium zu besetzen. Das entspricht vierzehn Jahren. Diese Zahl ist keine Prognose, sie ist eine Illustration: Sie zeigt, wie weit Putins öffentlich formuliertes Kriegsziel von der militärischen Realität entfernt ist.
Am teuersten sind die Verluste. Für jeden Quadratkilometer, den Russland im Juni 2026 gewann, zahlte es 1.298 Soldaten, fast neunzehnmal so viele wie im Juni 2025 (68 Soldaten je Quadratkilometer). Insgesamt hat Russland seit Februar 2022 laut CSIS rund 1,4 Millionen Kriegsopfer erlitten, davon etwa 450.000 Gefallene. General Oleksandr Syrskyj, der ukrainische Oberbefehlshaber, berichtete am 14. Juli, russische Kräfte verlören in der Oblast Donezk im Schnitt über 400 Soldaten für jeden eingenommenen Quadratkilometer.
Das Rekrutierungsproblem verschärft die Lage
Russland kann seine Verluste nicht mehr durch Neuzugänge ausgleichen. Nach CSIS-Schätzungen rekrutiert Moskau monatlich 24.000 bis 30.000 neue Soldaten. Dem stehen rund 39.000 Verluste im Monat gegenüber. Das monatliche Defizit beläuft sich auf 9.000 bis 15.000 Mann.
Sichtbar wird die schwindende Offensivkraft auch an der Anzahl gleichzeitig geführter Frontabschnitte. Russische Kommandeure koordinierten früher Angriffe an 13 verschiedenen Stellen gleichzeitig. Heute sind es noch sechs oder sieben. Die Fähigkeit, gleichzeitig Druck an mehreren Punkten aufzubauen und ukrainische Reserven zu binden, ist damit fast halbiert. Das Handelsblatt berichtete Anfang Juli unter Berufung auf westliche Militäranalysten von einem faktischen Stillstand der Offensive an mehreren Frontabschnitten.
Für April und Mai 2026 wies die Bilanz sogar netto zugunsten der Ukraine aus: Russland verlor in diesen zwei Monaten zusammen rund 400 Quadratkilometer mehr als es gewann. Es waren die ersten Nettoverluste seit August 2024.
Mehr als 90 Prozent der Verluste durch Drohnen
Der markanteste Befund des CSIS-Berichts betrifft die Art der Kampfbegegnungen. Über 90 Prozent der russischen Kriegsopfer entstehen heute durch Drohnenangriffe, nicht durch menschliche Kampfbegegnungen. Das war vor zwei Jahren grundlegend anders.
Ukraines Rüstungsindustrie produziert nach eigenen Angaben monatlich mehr als 200.000 Drohnen. Diese Dichte macht klassische Infanterievorstöße extrem kostspielig: Jede Einheit, die sich auf offenem Terrain bewegt, wird von Aufklärungsdrohnen erfasst und in der Regel beschossen bevor sie ihr Ziel erreicht. Das erklärt, warum Russland für identische Terraingewinne heute einen so grundlegend anderen Preis zahlt als 2025. Das CSIS bezeichnet diese Entwicklung als „eine der größten taktischen Verschiebungen in einem konventionellen Krieg seit 1945”.
Im Verhältnis der Gesamtverluste beider Seiten ergibt sich für das erste Halbjahr 2026 eine Quote von fast 8 zu 1 zugunsten der Ukraine, verglichen mit 2 zu 1 oder 3 zu 1 in früheren Kriegsphasen. Al Jazeera berichtete am 3. Juli unter Berufung auf westliche Geheimdienstquellen, in Moskau wachse die Angst vor einem tatsächlichen strategischen Scheitern.
Warum Russland trotzdem weitermacht
Die CSIS-Zahlen könnten den Eindruck erwecken, Russland stehe kurz vor einem militärischen Zusammenbruch. Das wäre eine Fehllektüre. Russlands Kriegswirtschaft läuft nach Einschätzung westlicher Think-Tanks auf Hochtouren. Solange der Ölpreis ausreichend hoch bleibt und der politische Druck im Innern begrenzt bleibt, kann Moskau diese Verlustrate über Jahre tragen.
Russland hat außerdem die Strategie bereits angepasst: Statt Bodentruppen setzt Moskau verstärkt auf Drohnenangriffe und Raketenbombardierungen ukrainischer Infrastruktur. In der Nacht auf den 20. Juli feuerte die Ukraine mehr als 400 Drohnen auf Moskau und das Umland, Russland konterte mit Marschflugkörpern und ballistischen Raketen auf Kyjiw. Die Schlachtfelder haben sich in den Luftraum und die Tiefen beider Länder verlagert. Beide Seiten beschädigen die Infrastruktur des anderen, ohne auf dem Boden entscheidende Vorteile zu erzielen.
Kritisch bleibt das Personaldefizit. Ukraine wertet das als strukturelles Problem, das Russland mittelfristig zwingt, die Offensivintensität weiter zu reduzieren. Moskau setzt dagegen auf Technologie: Der Einsatz von Gleitbomben und ferngesteuerten Kampfmitteln soll Soldaten ersetzen, die nicht mehr ersetzt werden können.
ISW und CSIS sehen keinen Durchbruch vor dem Herbst
Das Institute for the Study of War (ISW) veröffentlichte am 19. Juli seine jüngste Lagebeurteilung. Es sieht keine Anzeichen, dass Russland im Herbst 2026 eine größere Bodenoffensive vorbereitet. Die Reduzierung gleichzeitig geführter Frontabschnitte deutet stattdessen darauf hin, dass Moskau Kräfte sammelt. Das kann zweierlei bedeuten: Vorbereitung auf einen konzentrierten Stoß in einer bestimmten Region oder eine strategische Pause zur Erholung der Rekrutierungszahlen bis in den Winter.
Drei Variablen werden nach CSIS-Einschätzung die Dynamik bis zum Herbst bestimmen: Erstens, ob Russland seine Verlustrate durch bessere Drohnenabwehr oder veränderte Angriffstaktiken senken kann. Zweitens, ob Ukraine die Drohnenproduktion und die Artillerieversorgung auf dem aktuellen Niveau halten kann. Drittens, welchen Kurs die neue ukrainische Regierung unter Premierminister Koretskyi, der am 16. Juli bestätigt wurde, in Verhandlungsfragen einschlägt.
CSIS will Mitte August eine Aktualisierung für das zweite Quartal 2026 vorlegen. Der jetzt vorliegende Stand ist eindeutig: Russland hat das militärische Momentum verloren. Es hat die Ukraine damit noch nicht besiegt.
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