Russland kleiner als Kanada: Warum Putin verliert
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Russland kleiner als Kanada: Warum Putin verliert

Russlands Bruttoinlandsprodukt ist kleiner als das Kanadas, sein Militärbudget beträgt ein Drittel von dem NATO-Europas: Historiker Mark Edele zeigt, wie Putins Krieg Russland schwächt statt es zu stärken. Charkiw wird täglich bombardiert.

20. Juni 2026, 5:04 Uhr 802 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Am 19. Juni 2026 beschoss Russland Charkiw mit gelenkten Gleitbomben. Neun Menschen wurden verletzt, darunter vier Kinder, mehr als 40 Wohnhäuser beschädigt. Es ist das Bild, das sich in Charkiw täglich wiederholt. Vier Jahre nach dem Großangriff zeigt eine Analyse des Historikers Mark Edele, dass Putins Krieg das Gegenteil von dem erreicht, was er bezweckte: Russland steht wirtschaftlich und strategisch schwächer da als vor dem Einmarsch.

Eine Wirtschaft kleiner als Kanadas

Russlands Bruttoinlandsprodukt liegt unterhalb von Kanada und Brasilien, annähernd auf dem Niveau Südkoreas. Das ist nicht Randnotiz, sondern Kern des Arguments. Mark Edele, Hansen-Professor für Geschichte an der University of Melbourne und Autor von "Russia's War Against Ukraine: The Whole Story", nennt Russland eine Mittelmacht mit Großmachtansprüchen. Das Land besitze die Symbole früherer Weltmacht: einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat und ein Atomwaffenarsenal. Es fehle jedoch die wirtschaftliche Basis, die einem Weltmachtstatus entspräche.

In Zahlen: Russland gab 2025 rund 190 Milliarden US-Dollar für das Militär aus, entsprechend 7,5 Prozent seiner Wirtschaftsleistung. NATO-Europa wendete im gleichen Jahr 559 Milliarden US-Dollar auf. Das ist das Dreifache des russischen Rüstungsbudgets. Was Moskau proportional mehr kostet als jede andere Ausgabe, liegt in absoluten Zahlen weit unter dem, womit sich Europas Bündnis ausrüstet. Die russische Regierung hat die Wachstumsprognose für das Bruttoinlandsprodukt 2026 auf 0,4 Prozent gesenkt.

Der Vergleich mit Kanada hat dabei eine eigene Schärfe: Kanada hat knapp 42 Millionen Einwohner, Russland fast 144 Millionen. Obwohl Russland mehr als dreimal so viele Menschen hat, ist seine Gesamtwirtschaftsleistung kleiner. Das zeigt, wie wenig Russland aus seinen Ressourcen macht und wie sehr staatliche Investitionen an der wirtschaftlichen Wirklichkeit vorbeigehen.

Was vier Jahre Krieg nicht erreicht haben

Putin begann den Großangriff im Februar 2022 mit dem erkennbaren Ziel, die Ukraine rasch zu kontrollieren und dauerhaft einzubinden. Das ist ausgeblieben. Nach viereinhalb Jahren Krieg kontrolliert die Ukraine noch immer rund 80 Prozent ihres Staatsgebiets. Das Land hat sich zur führenden Drohnenproduktionsmacht entwickelt und liefert bereits Ausrüstung in die Golfregion. Diplomatisch steht Kiew gestärkt da.

Edele beschreibt den Antrieb hinter dem Angriff als kolonialistisches Denken: die Überzeugung, dass die Ukraine kein eigenständiges Volk mit eigener Geschichte sei, sondern russisches Kerngebiet, das zurückgewonnen werden müsse. Dieses Denkmuster treibe Russlands Führung auch dann noch an, wenn die militärischen Realitäten es widerlegen. Für die strategische Beurteilung des Krieges folgt daraus eine unbequeme Schlussfolgerung: Schwache Wirtschaft bedeutet nicht automatisch baldiges Kriegsende. Auch erschöpfte Mittelmächte können lange Kriege führen, vor allem wenn der innenpolitische Druck gegen ein öffentliches Eingestehen der Niederlage überwiegt.

Nicht alle Analysten teilen dieses Urteil uneingeschränkt. Ökonomen und Sicherheitsexperten verweisen darauf, dass Russland seine Kriegswirtschaft trotz massiver Sanktionen bislang aufrechterhalten hat. Der Tagesspiegel zitierte eine Studie, der zufolge Russlands Rüstungsproduktion in manchen Segmenten sogar wächst. Die Frage bleibt, wie lange das unter dem Druck steigender Zinsen, sinkender Ölpreise und struktureller Engpässe funktioniert.

Charkiw: Der alltägliche Preis des Krieges

Während Strategen den Ausgang des Krieges analysieren, läuft er in Charkiw täglich weiter. Die zweitgrößte Stadt der Ukraine liegt wenige Kilometer von der russischen Grenze entfernt und gehört zu den meistbombardierten Städten des Krieges. Am 9. Juni töteten russische Drohnen und Raketen drei Menschen in der Region Charkiw und verletzten 18 weitere, darunter in der Stadt Chuhuiv. Bürgermeister Ihor Terekhov meldete nach dem Gleitbombenangriff vom 19. Juni: Nur durch Glück habe es keine Todesopfer gegeben.

Russland greift Charkiw nicht aus militärstrategischem Kalkül an, sondern weil die Stadt erreichbar ist und weil die Erschöpfung der Zivilbevölkerung zum russischen Kriegskonzept gehört. Kein Angriff hat bislang die ukrainische Strategie verändert oder die westliche Unterstützung geschwächt.

NATO-Gipfel in Ankara am 7. Juli

Am 7. Juli treffen sich die NATO-Staaten in Ankara. NATO-Generalsekretär Mark Rutte hat bestätigt, die USA werden künftig weniger Militärfähigkeiten unter NATO-Kommando stellen. Großbritannien soll einen Großteil der Lücken übernehmen. Frankreich und Deutschland zögern noch.

Für Russland verschiebt diese Debatte den Kontext des Krieges: Schwächt der Westen seinen europäischen Verteidigungsverbund, gewinnt Moskau relativen Spielraum. Stärkt er ihn, steigt der Preis für jeden weiteren Kriegsmonat. Edeles Analyse legt nahe, dass Russland selbst bei westlicher Einigkeit die Kapazität hat, diesen Krieg weiterzuführen. Die entscheidende Variable ist nicht die russische Wirtschaft allein, sondern der innenpolitische Preis, den Putin für das Ausbleiben eines Sieges zu zahlen bereit ist. Diesen Preis hat er bisher nicht benannt.

Quellen (9)

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