San Diego: Wachmann schützt 140 Kinder und stirbt
Er hatte den Posten freiwillig übernommen, nach dem Attentat auf die Moscheen in Christchurch 2019. Als es am 18. Mai 2026 so weit war, stellte sich Amin Abdullah den Angreifern entgegen und hielt sie auf. Drei Menschen starben, darunter Abdullah selbst. Die rund 140 Kinder in den Klassenzimmern nebenan überlebten.
Das Attentat vom 18. Mai
Um die Mittagszeit betraten zwei junge Männer das Gelände des Islamic Center of San Diego im Stadtteil Clairemont. Der 17-jährige Cain Lee Clark aus San Diego und der 18-jährige Caleb Liam Vazquez aus dem benachbarten Chula Vista eröffneten das Feuer. Abdullah feuerte auf die Angreifer zurück, verlangsamte damit ihren Vorstoß in das Hauptgebäude und warnte die Menschen im Inneren. Ohne sein Eingreifen wären die Täter direkt in die Klassenzimmer gelangt, in denen sich zu diesem Zeitpunkt rund 140 Kinder befanden, teilweise nur fünf Meter von den Schützen entfernt.
Drei Menschen starben: Abdullah selbst, 51 Jahre alt, der 78-jährige langjährige Mitarbeiter der Moschee Mansour Kaziha und der 57-jährige Nader Awad. Die Angreifer starben wenig später in ihrem Fahrzeug, rund 500 Meter vom Tatort entfernt. Clark hatte Vazquez zweimal in den Kopf geschossen und sich anschließend selbst das Leben genommen.
Die Polizei war nach FBI-Angaben innerhalb von vier Minuten nach dem ersten Notruf vor Ort. Bei Hausdurchsuchungen in drei Wohnungen sicherten die Ermittler mehr als 30 Waffen, darunter Pistolen, Gewehre und Schrotflinten, außerdem Taktikausrüstung und Datenträger mit Manifesten und Videomaterial. Die Waffen gehörten den Eltern eines der Täter; wie Clark und Vazquez Zugang zu ihnen erhielten, ist Teil der laufenden Ermittlungen.
Wer die Täter waren
Clark und Vazquez hatten sich laut FBI online kennengelernt, festgestellt, dass beide im Raum San Diego lebten und sich schließlich persönlich getroffen. Das 75-seitige Manifest, das sie hinterließen, richtet sich gegen Muslime, Juden, Schwarze, LGBTQ+-Personen und Frauen. Beide Täter bezeichneten sich als „Sons of Tarrant“, in Anlehnung an den Haupttäter des Attentats auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch 2019, bei dem 51 Menschen getötet wurden. Sie nannten ihn im Manifest einen „Helden“. Den Anschlag übertrugen sie live per Video.
Das Manifest folgt der Ideologie des Akzelerationismus, einer rechtsextremen Strömung, die auf die gewaltsame Destabilisierung der Gesellschaft als Schritt zu einem weißen Ethnostaat setzt. FBI-Sonderbeauftragter Mark Remily bestätigte auf einer Pressekonferenz, die Täter hätten „einen weit gefächerten Hass auf viele Gruppen“ gezeigt. Das US-Justizministerium ermittelt wegen eines terroristischen Anschlags mit rassistischem Motiv.
Bereits 2025 hatte die Polizei der Stadt Chula Vista Vazquez nach einem Hinweis befragt, der sein Interesse an „extremistischer Ideologie und Massenangriffen“ betraf. Das Gespräch blieb folgenlos. Dieser Umstand wird die Ermittler nun beschäftigen.
Amin Abdullah
Abdullah war kein bezahlter Profisicherheitsmann. Kollegen berichten, er habe die Aufgabe nach dem Christchurch-Attentat 2019 freiwillig übernommen, weil er genau solche Angriffe fürchtete. Er sei so pflichtbewusst gewesen, dass er manchmal stundenlang auf eine Pause verzichtet habe, aus Angst, in diesem Moment könnte etwas passieren.
FBI-Sonderbeauftragter Remily beschrieb Abdullahs Eingreifen so: Er habe die Täter „aufgehalten, abgelenkt und letztlich daran gehindert“, in die Hauptbereiche der Moschee vorzudringen, in denen sich die Kinder befanden. Bürgermeister Todd Gloria erklärte, Abdullahs Handeln werde der Stadt in Erinnerung bleiben. Eine Onlinespendenaktion für seine Familie brachte innerhalb weniger Tage mehr als 1,7 Millionen Dollar zusammen.
Islamfeindlichkeit auf Rekordniveau
Hussam Ayloush, Chef des Council on American-Islamic Relations (CAIR) in Kalifornien, erklärte: „Wir sind tief beunruhigt, aber nicht überrascht.“ Im Jahr 2025 dokumentierte CAIR 8.683 Beschwerden wegen Diskriminierung oder Anfeindung gegen Muslime, den höchsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen 1996. Das Muslim Public Affairs Council registrierte im ersten Quartal 2026 einen elfachen Anstieg von Angriffen auf islamische Institutionen im Vergleich zum Vorjahresquartal. Das Zentrum für organisierte Hassforschung veröffentlichte einen Bericht, demzufolge islamfeindliche Äußerungen von gewählten republikanischen Amtsträgern auf Social Media zwischen Februar 2025 und März 2026 um 1.450 Prozent zunahmen.
Der Anstieg fiel zeitlich zusammen mit dem Irankrieg, der in den USA eine Welle antimuslimischer Rhetorik ausgelöst hat. Forscher vom Institute for the Study of Global Antisemitism and Policy benennen diesen Zusammenhang explizit: Geopolitische Konflikte, an denen muslimisch geprägte Länder beteiligt sind, steigern erfahrungsgemäß die Anfeindungen gegen Muslime in westlichen Gesellschaften, unabhängig davon, ob die Betroffenen irgendeinen Bezug zum Konflikt haben.
Gouverneur Gavin Newsom erklärte in einem Statement: „Hass hat in Kalifornien keinen Platz und wir werden Akte des Terrors nicht dulden. Die muslimische Gemeinschaft San Diegos steht nicht allein.“ Präsident Donald Trump nannte den Anschlag eine „schreckliche Situation“, ohne auf das ideologische Motiv einzugehen.
FBI untersucht das Online-Netzwerk der Täter
Beide Täter sind tot. Eine Strafverfolgung wird es nicht geben. Das FBI untersucht dennoch, über welche Plattformen und Netzwerke Clark und Vazquez radikalisiert wurden, welche weiteren Personen Kontakt zu ihnen hatten und ob die Online-Gemeinschaft, in der sie sich bewegten, auf andere potenzielle Täter hinweist. Das Muster, das die Ermittler beschreiben, ist nicht neu: Zwei Personen treffen sich in einer extremistischen Online-Community, der gemeinsame geografische Raum kommt als Zufall hinzu, das gemeinsame Vorhaben wächst im Verborgenen.
Wie Clark und Vazquez an mehr als 30 Waffen gelangen konnten, während Vazquez bereits im Blickfeld der Polizei war, ist eine Frage, die über den Einzelfall hinausgeht. Wann das FBI seine Ermittlungsergebnisse zum Netzwerk der Täter veröffentlicht, ist nicht bekannt.
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