Drohne tötet Chefingenieur des AKW Saporizhzhia
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Drohne tötet Chefingenieur des AKW Saporizhzhia

Alexander Jakowlew, Chefingenieur des besetzten AKW Saporizhzhia, wurde am Mittwoch von einer ukrainischen Drohne getötet. Russland fordert IAEA-Reaktion, die Ukraine schweigt offiziell und nennt ihn einen Kollaborateur.

16. Juli 2026, 5:01 Uhr 712 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Am Mittwoch tötete eine Drohne Alexander Jakowlew auf einer Fahrt zwischen dem Kraftwerk Saporizhzhia und der Stadt Enerhodar. Jakowlew verantwortete als Chefingenieur die technische Sicherheit des größten Kernkraftwerks Europas, eines Standorts mit sechs Reaktoren, unter russischer Besatzung seit 2022. Russland nennt den Angriff einen gezielten Terrorakt. Die Ukraine hat offiziell geschwiegen, ukrainische Medien bezeichneten Jakowlew als Kollaborateur.

Ein Kraftwerk ohne Netz seit 2022

Das AKW Saporizhzhia liegt im Südosten der Ukraine am Ufer des Dnipro-Stausees. Russische Truppen besetzten das Werk im März 2022, wenige Tage nach dem Beginn des Vollangriffs. Seither produziert das Kraftwerk keinen Strom mehr für das ukrainische Netz, benötigt aber weiterhin externe Stromzufuhr für die Kühlung der Brennstäbe. Ohne diese Kühlung droht der gleiche Mechanismus wie in Fukushima 2011: Die Abwärme der radioaktiven Zerfallsprodukte in den Brennstäben muss dauerhaft abgeführt werden, unabhängig davon, ob die Reaktoren in Betrieb sind oder nicht.

Seit Kriegsbeginn zählte die IAEA 22 vollständige Blackouts am Standort, bei denen die Kühlung auf Dieselgeneratoren umstellen musste. Von ursprünglich zehn Hochspannungsleitungen blieb zuletzt eine einzige 330-kV-Backupverbindung. Das Kraftwerk operiert damit am äußersten Rand des technisch Vertretbaren. Am 12. Juli, nur drei Tage vor dem Angriff auf Jakowlew, hatten Drohnenangriffe in Enerhodar nach IAEA-Angaben Opfer unter Werksmitarbeitern und Subunternehmern gefordert.

In dieser Umgebung ist die Funktion des Chefingenieurs besonders exponiert. Er koordiniert die technischen Sicherheitssysteme, beaufsichtigt Wartungspersonal und ist der primäre Ansprechpartner für die IAEA-Inspektoren, die dauerhaft vor Ort stationiert sind. Nach dem Werksdirektor trägt er die höchste technische Verantwortung im Kraftwerk.

Der Angriff und Russlands Reaktion

Rosatom-Chef Alexej Lichatschow bestätigte, dass Jakowlew und sein Fahrer Dmitri Filippow am Mittwoch in einem Toyota Camry getötet wurden. Das Fahrzeug wurde von einer ukrainischen Drohne an der Grenze zwischen dem Kraftwerksgelände und der Stadt Enerhodar getroffen. Lichatschow bezeichnete den Angriff als gezielten Terroranschlag auf das Fachpersonal eines Kernkraftwerks und forderte von der IAEA eine «prompte, konkrete und klare Reaktion auf diese Tragödie».

Außenministeriums-Sprecherin Maria Sacharowa verlangte ein «klares und unmissverständliches Statement» der Behörde. Das AKW Saporizhzhia selbst erklärte, der Angriff stelle einen Angriff auf das Prinzip der nuklearen Anlagensicherheit dar und betonte, dass Nuklearinfrastruktur und deren Personal außerhalb der Politik stehen müsse.

Ukraines Reaktion: Schweigen und Andeutung

Eine offizielle ukrainische Stellungnahme blieb aus. Das ukrainische Nachrichtenportal ua.news berichtete mit der Formulierung, Russland habe sich beschwert, «ein Kollaborateur wurde liquidiert». Der Begriff verweist auf Jakowlews Arbeit unter russischer Besatzung. Russland hat das Werk nach 2022 schrittweise mit eigenen Kadern besetzt; ein Teil des ukrainischen Ursprungspersonals arbeitete unter den neuen Verhältnissen weiter vor Ort.

Die Ukraine hat vergleichbare Vorfälle in der Vergangenheit nicht offiziell kommentiert. Das Schweigen ist kalkuliert: Eine Anerkennung des Angriffs würde die IAEA-Inspektoren, die auf Kooperation beider Seiten angewiesen sind, in eine schwierige Position bringen.

Grossis Dilemma nach dem getöteten Ingenieur

IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi verurteilte den Vorfall ohne Ukraine oder Russland namentlich zu erwähnen: Der Angriff stelle «einen inakzeptablen Angriff auf die Anlage und ihr Management dar, der die nukleare Sicherheit ernsthaft gefährdet». Die IAEA rief zu einem «sofortigen Ende aller Angriffe auf oder in der Nähe von nuklearen Einrichtungen und deren Personal» auf.

Diese Formulierung folgt Grossis Linie seit Kriegsbeginn: keine Schuldzuweisungen, um den Zugang zu beiden Kriegsparteien zu bewahren. Mehr als 180 IAEA-Mitarbeiter stehen dauerhaft in der Ukraine. Ihre Anwesenheit hängt davon ab, dass beide Seiten sie tolerieren. Grossi hat seit Kriegsbeginn sechs lokale Waffenruhen für die Zone um das Kraftwerk ausgehandelt, keinen Waffenstillstand, aber Fenster für technische Reparaturen.

Lichatschow hat diese Zurückhaltung nun explizit unter Druck gesetzt. Er fordert Konkretheit: eine Benennung der Ukraine als Angreiferin. Ob die IAEA von ihrer Neutralitätspolitik abweicht, entscheidet darüber, ob Russland die IAEA-Präsenz am Standort weiter duldet. Die nächste reguläre Sitzung des IAEA-Gouverneursrats ist für September 2026 angesetzt.

Wer Jakowlew ersetzt und was das bedeutet

Ob Jakowlews Tod kurzfristig die Sicherheit des Kraftwerks beeinträchtigt, hängt davon ab, wer seine Funktion übernimmt und wie schnell. IAEA-Inspektoren haben im Zusammenhang mit dem Vorfall bisher keine Hinweise auf akute nuklearsicherheitsrelevante Probleme gemeldet.

Grundsätzlicher ist die Frage, die der Vorfall aufwirft: Können Einrichtungen mit dem Gefahrenpotenzial von Saporizhzhia langfristig betrieben werden, wenn ihr Fachpersonal systematisch zum militärischen Ziel wird? Bisher umfasste die Praxis beider Seiten Drohnen auf die Anlage selbst, Angriffe auf Versorgungsinfrastruktur und zuletzt den Tod des leitenden Ingenieurs. Die IAEA-Maxime, Nuklearanlagen außerhalb des Kriegsgeschehens zu halten, ist damit erneut verletzt worden.

Quellen (8)

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