Jedes vierte Kind psychisch belastet
Gesellschaft

Jedes vierte Kind psychisch belastet

Das Deutsche Schulbarometer 2025/26 zeigt: 25 Prozent der 8- bis 17-Jährigen sind psychisch belastet, erstmals mehr als nach der Pandemie. Jeder dritte Jugendliche erlebt mindestens monatlich Mobbing. Die Studie der Robert Bosch Stiftung benennt klare Ursachen.

17. Mai 2026, 6:41 Uhr 790 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Fünf Jahre nach dem Beginn der Coronapandemie steigt der Anteil psychisch belasteter Kinder und Jugendlicher in Deutschland wieder und liegt jetzt auf einem neuen Höhepunkt. Das Deutsche Schulbarometer 2025/26 der Robert Bosch Stiftung, durchgeführt durch das Meinungsforschungsinstitut forsa in Zusammenarbeit mit der Universität Leipzig, zeigt: 25 Prozent der 8- bis 17-Jährigen weisen psychische Auffälligkeiten auf. 2024 waren es 21 Prozent. Es ist der erste Anstieg seit der Pandemie.

Was die Zahlen zeigen

Die 25 Prozent setzen sich aus zwei Gruppen zusammen: 15 Prozent gelten als klinisch auffällig belastet, weitere 10 Prozent befinden sich im Grenzbereich. Die Studie erfasste 1.507 Schülerinnen und Schüler, sie ist repräsentativ für die 8- bis 17-jährige Bevölkerung in Deutschland.

Besonders betroffen sind zwei Gruppen. Kinder aus einkommensschwachen Familien weisen eine psychische Belastungsquote von 31 Prozent auf, sechs Prozentpunkte über dem Gesamtschnitt. Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf erreichen sogar 36 Prozent. Die Schere zwischen sozial bevorteilten und benachteiligten Kindern zeigt sich damit nicht nur in schulischen Leistungen, sondern auch in psychischer Gesundheit.

26 Prozent der Befragten berichten von geringer Lebensqualität insgesamt. 16 Prozent fühlen sich in der Schule kaum wohl. Das bedeutet: Für rund ein Sechstel der Schülerinnen und Schüler ist der tägliche Schulbesuch subjektiv kein positiver Raum.

Mobbing, Druck und fehlende Mitbestimmung

30 Prozent der 11- bis 17-Jährigen erleben Mobbing mindestens einmal im Monat. Am stärksten betroffen sind 14-Jährige mit einer Quote von 38 Prozent. Das Mobbing findet überwiegend im direkten Umfeld statt, wird aber durch soziale Medien verlängert: 25 Prozent berichten, dass über sie online Gerüchte verbreitet werden. Rund 33 bis 34 Prozent sind sowohl direkten als auch digitalen Formen von Belästigung ausgesetzt.

Dazu kommt Leistungsdruck: 61 Prozent der Schülerinnen und Schüler empfinden die schulischen Anforderungen als hoch. 47 Prozent lernen am Wochenende, um mitzukommen. 20 Prozent berichten von Hausaufgaben, die sie nicht bewältigen können. Mädchen nehmen mehr Druck wahr als Jungen; Gymnasiastinnen und Gymnasiasten berichten stärkere Belastung als Schülerinnen und Schüler anderer Schulformen.

Ein weiterer Faktor ist fehlende Partizipation: 50 Prozent der Befragten können nach eigener Einschätzung keinen Einfluss auf die Auswahl von Unterrichtsinhalten nehmen. Lediglich 34 Prozent dürfen bei Klassenregeln mitentscheiden. Die Studie belegt einen direkten Zusammenhang: Schülerinnen und Schüler mit hohem Wohlbefinden berichten viermal häufiger von Mitsprache als jene mit niedrigem Wohlbefinden.

Was die Forschung über Schutzfaktoren weiß

Die Autoren der Schulbarometer-Studie identifizieren einen dominanten Schutzfaktor: die Qualität des Unterrichts und das Verhältnis zu Lehrpersonen. Laut den Daten werden rund 60 Prozent des schulischen Wohlbefindens durch vier Variablen erklärt: Unterstützung durch Lehrkräfte, angemessene Herausforderung ohne Überforderung, positives Klassenklima und akademisches Selbstkonzept. Anders gesagt: Wo Schülerinnen und Schüler das Gefühl haben, von Erwachsenen wahrgenommen und gefördert zu werden, ohne überfordert zu sein, ist psychische Belastung deutlich seltener.

Das ist eine Erkenntnis, die Ressourcen impliziert. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) verweist seit Jahren auf den eklatanten Lehrkräftemangel: Laut der Kultusministerkonferenz fehlten 2024 bundesweit über 40.000 Vollzeitstellen. In Klassen mit zu vielen Schülerinnen und Schülern pro Lehrkraft ist individuelles Coaching strukturell nicht möglich, unabhängig vom persönlichen Engagement der Lehrenden.

Was diese Zahlen mit sozialer Ungleichheit zu tun haben

Der Befund, dass einkommensschwache Kinder stärker betroffen sind, ist kein Zufall. Er reproduziert ein bekanntes Muster: Sozioökonomischer Stress in der Familie überträgt sich auf die psychische Gesundheit der Kinder. Wer zu Hause erlebt, dass Geld für Nachhilfe fehlt, dass Elternteile mit Jobverlust kämpfen oder in beengten Verhältnissen lebt, trägt diese Belastung in die Schule. Das Schulsystem ist in seiner heutigen Struktur nicht darauf ausgerichtet, diesen Unterschied auszugleichen.

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2025 schätzte, dass Bildungsbenachteiligung durch frühe Förderung und stärkere soziale Durchmischung in Schulen um bis zu 40 Prozent reduziert werden könnte. Die politischen Konsequenzen daraus blieben bislang begrenzt.

Nächster Schulbarometer-Zyklus: 2028

Die Robert Bosch Stiftung plant eine Fortführung der Schulbarometer-Reihe. Der nächste vollständige Zyklus ist für 2028 angekündigt. Ob die psychische Belastungsquote bis dahin weiter steigt oder sinkt, hängt laut den Studienautoren weniger von schulinternen Maßnahmen ab als von politischen Entscheidungen: Lehrkräftefinanzierung, Klassengrößen, Schulsozialarbeit und sozialpolitische Unterstützung von Familien am Rand des Existenzminimums. Strukturelle Schutzfaktoren sind keine Frage des guten Willens, sondern des Budgets.

Quellen (5)

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