Hundert Jahre gesperrt: Die Seine ist wieder eine Badestelle
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Hundert Jahre gesperrt: Die Seine ist wieder eine Badestelle

Seit 1923 war das Schwimmen in der Seine verboten. Im Sommer 2026 öffnen drei offizielle Badestellen im Herzen von Paris, nach einer Investition von 1,4 Milliarden Euro. Das Ende des Jahrhundertverbots zeigt, wie weit Stadtflusssanierung gehen kann.

27. Juli 2026, 9:41 Uhr 720 Wörter · 4 Min. Lesezeit

In den 1970er Jahren erklärten Umweltschützer die Seine für biologisch nahezu tot: Mehr als die Hälfte des regionalen Abwassers floss ungeklärt in den Fluss, der Sauerstoffgehalt sank auf Werte, bei denen Fische nicht überleben konnten. Heute, gut fünfzig Jahre später, öffnen drei offizielle Badestellen im Herzen von Paris ihre Türen. Was dazwischen liegt: 1,4 Milliarden Euro Investition, zwei Jahrzehnte Kläranlagensanierung und eine Olympia-Deadline, die das Projekt aus der politischen Endlosschleife herausgezogen hat.

1923: Das Ende des freien Badens

Die Seine war bis ins frühe 20. Jahrhundert fester Bestandteil des Pariser Alltagslebens. Badewagen standen am Ufer, Schwimmbäder auf Booten machten Geschäfte, Pariser sprangen direkt vom Treidelpfad ins Wasser. Dann folgte das Verbot. 1923 untersagte die Stadtverwaltung das Schwimmen aus zwei Gründen: Der wachsende Schiffsverkehr auf der Seine hatte die Zahl der Ertrinkungsunfälle und Kollisionen erhöht und die Wasserqualität wurde gefährlicher, weil Paris seine Abwässer weitgehend ungeklärt in den Fluss einleitete.

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In den folgenden Jahrzehnten verschlechterte sich die Lage erheblich. In den 1970er Jahren war die Seine auf weiten Strecken biologisch nahezu tot. Mehr als die Hälfte des regionalen Abwassers floss ungeklärt in den Fluss. Der Sauerstoffgehalt sank auf Werte, bei denen Fische nicht überleben konnten.

1,4 Milliarden Euro und ein unterirdisches Becken

Der Wendepunkt kam langsam und kostete viel. Paris investierte bis zu den Olympischen Spielen 2024 insgesamt 1,4 Milliarden Euro in die Sanierung. Kernstück des Projekts ist ein unterirdisches Speicherbecken, das Mischwasserüberläufe bei Starkregen auffängt, bevor sie in den Fluss fließen. Parallel dazu modernisierte die Stadt die Kläranlagen und erneuerte weite Teile der Abwasserinfrastruktur im Großraum Paris.

Das System hat eine Schwachstelle, die bis heute gilt: Bei Starkregen müssen die Badestellen vorsorglich für 24 bis 36 Stunden geschlossen werden, bis die Wasserqualität neu bewertet werden kann. Die tägliche Kontrolle läuft über Wasserproben, deren Ergebnis die Behörden über ein Flaggensystem an den Einstiegsstellen veröffentlichen.

Der olympische Testlauf 2024

Im Sommer 2024 testete Paris seine Sanierungsleistung vor den Augen der Welt. Die Olympischen Spiele schrieben Triathlon und Freiwasserschwimmen in das Programm der Seine. Dass dieser Plan aufging, war nicht selbstverständlich: Vorangegangene Testveranstaltungen mussten wegen mangelhafter Wasserqualität abgesagt werden. Die Olympiade verlief anders. Die Athleten schwammen tatsächlich in der Seine und die Pariser Behörden werteten das als Nachweis, dass die Sanierungsmaßnahmen greifen.

2025 folgte der erste Sommer, in dem auch die Öffentlichkeit schwimmen durfte. Bilder von Parisern, die zum ersten Mal seit mehr als hundert Jahren in der Seine badeten, gingen weltweit durch die Presse. 2026 ist die zweite Saison.

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Grenelle, Bras Marie, Bercy: drei Stellen ohne Eintritt

Seit dem 4. Juli 2026 sind drei offizielle Badestellen geöffnet, alle täglich von Rettungsschwimmern beaufsichtigt. Am Bras de Grenelle im 15. Arrondissement schwimmt man mit Blick auf den Eiffelturm. Die Stelle am Bras Marie im 4. Arrondissement liegt nahe der Kathedrale Notre-Dame. Im östlichen Bercy (12. Arrondissement) ist die Atmosphäre weniger touristisch, der Platz größer.

Der Zutritt ist kostenlos und ohne Reservierung möglich. Eine Pflichtdusche vor dem Einstieg ist vorgeschrieben, die Stadt empfiehlt auch danach eine Reinigung mit Seife. Die Saison läuft bis zum 30. August 2026. Grüne Flagge bedeutet Freigabe, rote Flagge Schließung.

Im Vergleich: Die Themse und der Rhein

Paris ist nicht das erste Beispiel erfolgreicher Stadtflusssanierung in Europa. Die Themse in London wurde 1957 vom Natural History Museum als biologisch tot erklärt. Gesetzliche Vorgaben ab 1961 und vollständige Kläranlagenpflicht ab 1976 leiteten die Wende ein. Heute sind in der Themse rund 125 Fischarten nachgewiesen, darunter Lachse und Seepferdchen. Die Zoological Society of London erklärte den Fluss 2021 offiziell wieder für ökologisch aktiv.

Der Rhein liefert eine andere Parallele. Nach dem Sandoz-Chemieunfall 1986 bei Basel, bei dem mit Pestiziden versetztes Löschwasser auf Hunderten von Kilometern Fische tötete, koordinierten die Anrainerstaaten eine gemeinsame Sanierung. Das Aktionsprogramm Rhein brachte bis 2000 Lachse und andere Arten zurück, die seit Jahrzehnten im Fluss nicht mehr gesichtet worden waren.

Zwei Jahrzehnte Geduld und eine Olympia-Deadline

Das Pariser Projekt zeigt, unter welchen Bedingungen urbane Flusssanierung gelingt. Erstens braucht es politische Kontinuität über Legislaturperioden hinaus: Die 1,4 Milliarden Euro wurden nicht in einer Wahlperiode beschlossen, sondern über rund zwei Jahrzehnte aufgebaut und weitgehend unabhängig vom Wechsel der Stadtregierung verfolgt. Zweitens half eine externe Deadline: Die Olympischen Spiele 2024 zwangen das Projekt in einen konkreten Zeitplan, an dem es öffentlich gemessen wurde.

Das Ergebnis: Erstmals seit 103 Jahren ist der Fluss, der das historische Zentrum von Paris durchquert, wieder Teil des städtischen Sommerlebens. Im gesamten Stadtgebiet und seiner unmittelbaren Umgebung hat Paris inzwischen elf beaufsichtigte Badestellen eröffnet, drei davon direkt in der Seine.

Quellen (10)

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