Deutsche Konzerne beim SPIEF: Rückkehr nach Russland
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Deutsche Konzerne beim SPIEF: Rückkehr nach Russland

Zum ersten Mal seit dem russischen Überfall auf die Ukraine nehmen deutsche Unternehmer offiziell am Petersburger Internationalen Wirtschaftsforum teil. 1.600 deutsche Firmen mit mehr als 100 Milliarden Euro Vermögenswerten sind weiterhin in Russland aktiv.

1. Juni 2026, 0:40 Uhr 830 Wörter · 5 Min. Lesezeit

In drei Tagen eröffnet Wladimir Putin in St. Petersburg das Petersburger Internationale Wirtschaftsforum (SPIEF). Eine offizielle deutsche Unternehmensdelegation wird erstmals seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine dabei sein. Das verbindende Argument der Teilnehmer ist pragmatisch: China füllt die Lücke, also lieber wir.

Das Forum und seine Zahlen

Das SPIEF läuft seit 1997 und gilt als Russlands wichtigstes internationales Wirtschaftstreffen. Putin nutzt es jährlich als Schaufenster für ausländische Investoren. Diese Ausgabe (3. bis 6. Juni 2026) hat Saudi-Arabien als Gastland eingeladen, anlässlich des 100. Jahrestags der diplomatischen Beziehungen beider Länder. Teilnehmer aus mehr als 100 Ländern sind angemeldet.

Nach dem russischen Einmarsch 2022 hatten westliche Unternehmensvertreter und Regierungsbeamte das Forum gemieden. Seit 2025 kehren westliche Delegationen zurück: Amerikaner und Franzosen waren bereits im vergangenen Jahr dabei. Nun folgen die Deutschen offiziell.

Wer aus Deutschland kommt

Matthias Schepp, Vorstandsvorsitzender der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK Russland), bestätigte am 31. Mai die Teilnahme. Sein Motiv ließ er nicht im Dunkeln: „Wir wollen, wie andere große westliche Länder, eine wirtschaftliche Brücke mit Russland erhalten und die deutschen Vermögenswerte von mehr als 100 Milliarden Euro dort schützen."

Namentlich bestätigt sind bisher Stefan Dürr, der mit der EkoNiva-Gruppe in Russland Milchprodukte herstellt, sowie Thomas Bruch, langjähriger Geschäftsführer der Globus Holding. Globus betreibt in Russland rund 20 Hypermarktstandorte mit rund 10.000 Mitarbeitern. Weitere dauerhaft aktive Unternehmen sind Metro, Beiersdorf (Nivea und Eucerin), der Käsehersteller Hochland sowie die Medizinunternehmen B. Braun und Merck. Zusammen kommen rund 1.600 deutsche Firmen auf einen Jahresumsatz von etwa 20 Milliarden Euro in Russland.

Das China-Argument und seine Logik

Schepp nannte als entscheidendes Argument die Geschwindigkeit des chinesischen Vorrückens. Im ersten Quartal 2026 allein eröffneten chinesische Unternehmen 1.400 neue Firmen in Russland. Wer jetzt abzieht, überlässt den Markt nicht aus ethischen Gründen leer, sondern Beijing. Die 75 Prozent der deutschen Unternehmen in Russland, die in einer internen Umfrage angaben, mit ihrer Geschäftsentwicklung trotz Sanktionen zufrieden zu sein, haben dieses Kalkül bereits gemacht.

Kirill Dmitriev, Sonderbeauftragter des russischen Präsidenten und Chef des Russischen Direktinvestitionsfonds RDIF, rahmte die Rückkehr erwartungsgemäß als Signal: „Die deutschen Unternehmer zeigen Politikern und Beamten den richtigen Weg." Das ist eine kalkulierte Provokation: Dmitriev hat ein Interesse daran, die Forumsteilnahme als Normalisierung zu deuten, die Berliner Politik noch nicht vollzogen hat.

Steuern, Sanktionen und die Frage der Mitverantwortung

Die Teilnahme am SPIEF verstößt nach Einschätzung der beteiligten Unternehmen nicht gegen EU-Recht. Die EU-Sanktionen richten sich gegen Energieimporte, bestimmte Personen und militärisch relevante Güter, nicht gegen Wirtschaftsforen als solche. Der Bundestag hatte die Strafvorschriften für Sanktionsverstöße am 15. Januar 2026 verschärft und die Strafen für schwere Verstöße auf bis zu zehn Jahre Haft angehoben. Die Unternehmen erklären, alle Vorschriften einzuhalten.

Dennoch bleibt eine Zahl bemerkenswert: Deutsche Unternehmen zahlten 2025 insgesamt 1,72 Milliarden Euro Steuern an den russischen Staat. Das ist keine Sanktionsumgehung, aber es ist Geld, das in einem Haushalt landet, der den Krieg in der Ukraine mitfinanziert. EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas sagte am 28. Mai unmissverständlich: „Europa wird niemals ein neutraler Vermittler zwischen Russland und der Ukraine sein, weil wir auf der Seite der Ukraine stehen."

Was die Teilnahme ab 3. Juni signalisiert

Die Bundesregierung hat bisher keine öffentliche Position zur Teilnahme ihrer Unternehmensvertreter am SPIEF kommuniziert. Während Berlin Kiew mit Waffen und Finanzmitteln unterstützt, reisen deutsche Manager nach St. Petersburg. Ob das als außenpolitischer Widerspruch gilt oder als pragmatisches Interessenmanagement, ist innerhalb der Koalition nicht abgestimmt.

Die 1.600 deutschen Firmen in Russland sind längst keine Wartenden mehr, die auf bessere Zeiten hoffen. Sie zahlen Steuern, beschäftigen Mitarbeiter und nehmen an Wirtschaftsforen teil. Die entscheidende Frage ist nicht, ob das legal ist, sondern was es über die Grenzen wirtschaftlicher Sanktionspolitik sagt: Wenn drei Viertel der deutschen Unternehmen in Russland profitabel operieren, hat die Sanktionsstrategie ihr Ziel, die Geschäftstätigkeit unattraktiv zu machen, bei dieser Gruppe offensichtlich nicht erreicht.

Quellen (10)

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