Gentherapie reaktiviert schlafende Sehzellen
Mehr als 130 verschiedene Gene können Retinitis Pigmentosa auslösen, die häufigste erbliche Ursache für Erblindung. Die einzige zugelassene Gentherapie, das 2017 zugelassene Luxturna, hilft nur jenen zwei Prozent der Betroffenen, bei denen das RPE65-Gen mutiert ist. Für alle anderen gab es bis dato keine Behandlungsoption. Im Oktober 2025 wurde der erste Patient mit SPVN20 behandelt, einer Gentherapie, die diesen Mangel grundlegend beheben soll.
Was Retinitis Pigmentosa mit dem Sehen macht
Retinitis Pigmentosa ist die häufigste erbliche Netzhauterkrankung: Weltweit sind etwa 1,5 Millionen Menschen betroffen, schätzungsweise einer von 4.000 bis 5.000 Personen. Die Erkrankung beginnt typischerweise mit dem Verlust der Stäbchen in der Netzhaut, jener Photorezeptoren, die für das Sehen bei Dämmerlicht und in der Peripherie zuständig sind. Was zunächst wie mäßige Nachtblindheit erscheint, weitet sich oft zu einem röhrenförmigen Tunnelblick aus. Im späteren Verlauf greifen die Schäden auf die Zapfen über, die für zentrales Sehen und Farbwahrnehmung zuständig sind. Vollständige Erblindung ist in schweren Fällen das Endergebnis.

Was die Erkrankung so schwer behandelbar macht, ist ihre genetische Vielfalt. Mehr als 130 verschiedene Gene können mutiert sein und RP auslösen; Forscher haben bislang mehr als 3.100 verschiedene Mutationen in diesen Genen identifiziert. Jeder Betroffene trägt oft eine einzigartige genetische Signatur.
Warum bisherige Therapien nur wenigen helfen
Luxturna, im Dezember 2017 von der US-Arzneimittelbehörde FDA zugelassen, war ein Meilenstein: die weltweit erste Gentherapie gegen eine Form erblicher Blindheit. Sie liefert per AAV-Vektor eine funktionierende Kopie des RPE65-Gens in die Netzhaut und hat bei Patienten mit dieser spezifischen Mutation das Sehen messbar verbessert. Das Problem: RPE65-Mutationen verursachen laut Fachpublikationen etwa zwei Prozent aller RP-Fälle. Für die anderen 98 Prozent der Betroffenen, jene mit Mutationen in RHO, USH2A, RPGR und mehr als 130 weiteren Genen, bleibt Luxturna ohne Wirkung.
Ein paralleler Forschungsweg ist die Optogenetik: GenSight Biologics testete ab 2018 in der PIONEER-Phase-1/2-Studie die Therapie GS030, die erblindete Netzhautzellen mit lichtaktivierenden Proteinen reaktiviert. Erste Fallberichte in Nature Medicine zeigten ermutigende Signale. Ein 58-jähriger Patient, der seit 40 Jahren blind war, konnte nach der Behandlung Objekte auf einem Tisch lokalisieren und Zebrastreifen auf der Straße erkennen. Eine zweite Patientin erzielte zwölf Monate nach der Injektion eine Trefferquote von 57 Prozent beim Auffinden von Objekten. Entscheidende Einschränkung: Die GS030-Therapie erfordert eine spezielle Videobrille, die natürliches Licht für die behandelten Zellen konvertiert.
Wie ein Kaliumkanal schlafende Zapfen weckt
SPVN20 setzt an einem anderen Punkt an: Zapfenzellen in der RP-Netzhaut sterben langsamer als Stäbchen und sind bei vielen Patienten noch in großer Zahl vorhanden, auch wenn die Sehfähigkeit bereits stark eingeschränkt ist. Ihr Problem ist nicht das Fehlen der Zapfen selbst, sondern dass diese ihre Fähigkeit verloren haben, Licht in elektrische Signale umzuwandeln. Sie sind stumm, nicht tot.
SparingVision liefert laut Unternehmensangaben per einmaliger Injektion in den Glaskörper des Auges einen AAV-Vektor, der das Gen für einen GIRK-Kanal (G-Protein-gesteuerten Kaliumkanal) in diese schlafenden Zapfen einschleust. Dieser Kanal soll es den Zellen ermöglichen, wieder auf Licht zu reagieren und visuelle Signale an das Gehirn weiterzuleiten. Da der Ansatz nicht das defekte Gen selbst korrigiert, sondern den Zapfen einen neuen Signalweg verleiht, spielt die spezifische genetische Ursache keine Rolle. Deniz Dalkara, Forscherin am Institut de la Vision in Paris und wissenschaftliche Direktorin von SparingVision, entwickelte dieses Konzept aus der Beobachtung, dass inaktive Zapfen in fortgeschrittenen RP-Stadien zwar überleben, aber kein Signal mehr senden.
Im Vergleich: Die Grenzen der Einzelgentherapie
Bei mehr als 130 genetischen Ursachen von RP würde ein Ansatz wie bei Luxturna 130 separate Entwicklungsprogramme erfordern, jedes für eine seltene Mutation, jedes mit Jahrzehnten Entwicklungszeit und Milliardenkosten. In der Praxis zeigt sich bereits, wie stark die Verfügbarkeit begrenzt ist: In Australien wurden bis August 2025 insgesamt 20 Menschen mit Luxturna behandelt. Die Therapie kostet in den USA rund 850.000 Dollar für beide Augen.
SPVN20 würde diesen Rahmen grundlegend verändern: eine einzige Therapie für alle Patienten mit noch vorhandenen, aber stummen Zapfen, statt 130 separate Programme. Zusätzliches Potenzial sieht SparingVision bei der trockenen altersabhängigen Makuladegeneration, der weltweit häufigsten Erblindungsursache, wo ein ähnlicher Mechanismus der Zapfendegeneration vorkommt.
2027 kommen die ersten Wirksamkeitsdaten
Die NYRVANA-Studie ist eine offene, multizentrische Phase-1/2-Dosiseskalationsstudie. Der erste Patient wurde im Oktober 2025 in Belgien behandelt, Frankreich und Irland sollen die Rekrutierung erweitern. Primär prüft die Studie in den ersten sechs Monaten Sicherheit und Verträglichkeit; danach folgt eine fünfjährige Nachverfolgung. Erste Wirksamkeitsdaten erwartet SparingVision für 2026 und 2027.
Damit SPVN20 irgendwann zur zugelassenen Therapie wird, müssen mehrere Bedingungen erfüllt sein: Die Sicherheitsdaten aus NYRVANA dürfen keine unerwarteten Risiken zeigen. Wirksamkeitssignale müssen stark genug sein, um eine Phase-3-Studie zu rechtfertigen. Und die Produktion des AAV-Vektors muss in ausreichender Menge gelingen, was bei Gentherapien regelmäßig ein Engpass ist. SparingVision plant für 2026 die Beantragung der Genehmigung für US-Studien. Bis zu einer regulatorischen Zulassung dürften, wenn alle Schritte planmäßig verlaufen, noch fünf bis sieben Jahre vergehen. Der erste Schritt im Menschen ist getan.
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