Ein Nasenspray gegen COVID, Grippe und Lungenentzündung
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Ein Nasenspray gegen COVID, Grippe und Lungenentzündung

Ein Stanford-Forschungsteam hat einen experimentellen Impfstoff als Nasenspray entwickelt, der Mäuse drei Monate lang gleichzeitig gegen Coronaviren, Lungenentzündungsbakterien und Hausstauballergen schützte. Die Schutzwirkung setzt anders als herkömmliche Impfstoffe nicht auf spezifische Erreger, sondern versetzt die Lunge in dauerhafte Abwehrbereitschaft.

24. Juli 2026, 17:05 Uhr 828 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Die Viruslast geimpfter Tiere sank um das 700-Fache, die Zeit bis zur gezielten Immunreaktion verkürzte sich von zwei Wochen auf drei Tage: Mit diesen Ergebnissen veröffentlichte ein Team der Stanford Medicine am 19. Februar 2026 in Science einen Impfstoffansatz, der Mäuse drei Monate lang gegen sechs Erreger und Allergene gleichzeitig schützte. Das Nasenspray zielt nicht auf einen bestimmten Krankheitserreger, sondern versetzt die Lunge in dauerhafte Abwehrbereitschaft.

Was ist das eigentlich?

Das menschliche Immunsystem besteht aus zwei Armen mit unterschiedlichem Tempo. Der Erste, das angeborene Immunsystem, reagiert innerhalb von Minuten auf allgemeine Gefahrensignale, ohne zu wissen, welchen Erreger es bekämpft. Der Zweite, das adaptive Immunsystem, ist spezifischer: Er produziert maßgeschneiderte Antikörper, braucht dafür aber ein bis zwei Wochen. Herkömmliche Impfstoffe trainieren das adaptive System.

impfstoff

Das Stanford-Team um Bali Pulendran, Professor für Immunologie an der Stanford Medicine und Direktor des Institute for Immunity, Transplantation and Infection, wählte einen anderen Ansatz. Ihre Formulierung enthält Signalstoffe, die sogenannte Toll-like-Rezeptoren auf Immunzellen in den Lungen aktivieren. Diese Rezeptoren sind die Alarmsensoren des angeborenen Immunsystems. Gleichzeitig werden T-Zellen in die Lungen gelockt, die Botenstoffe ausschütten und den Zustand erhöhter Wachsamkeit verlängern. Normalerweise klingt die angeborene Reaktion nach wenigen Tagen ab. In den Tierversuchen hielt sie mindestens drei Monate an.

Der Unterschied zum herkömmlichen Impfstoff: Das Spray zielt nicht auf die Oberfläche eines bestimmten Erregers. Es versetzt die Lunge in generelle Alarmbereitschaft, die gegenüber jedem Eindringling wirkt, ob Virus, Bakterium oder Allergen.

Warum jetzt?

Die Suche nach einem Universalimpfstoff gegen Atemwegserkrankungen ist kein neues Vorhaben. Grippeimpfstoffe müssen jedes Jahr neu formuliert werden, weil Influenzaviren mutieren und bestehende Antikörper die veränderten Varianten nicht mehr erkennen. Liegt die Saisonvorhersage daneben, kann die Wirksamkeit stark sinken. In der Grippesaison 2014/15 in den USA schätzte das Centers for Disease Control and Prevention die Wirksamkeit des damaligen Impfstoffs auf nur 19 Prozent, weil der im Impfstoff enthaltene H3N2-Stamm von den dominierenden zirkulierenden Varianten antigenisch abgedriftet war.

COVID-19 zeigte das gleiche Grundproblem in größerem Maßstab. Die mRNA-Impfstoffe von BioNTech/Pfizer und Moderna wurden in Rekordzeit entwickelt und schützten anfangs gut gegen schwere Erkrankungen. Dann erschienen neue Varianten, Auffrischungen wurden nötig. Gegen Influenza halfen sie nicht.

Pulendrans Konzept umgeht das Problem, weil es nicht auf das Antigen eines bestimmten Erregers zielt, sondern die generelle Abwehrfähigkeit der Lungen erhöht.

Im Vergleich mit bisherigen Ansätzen

Impfstoffe, die auf das angeborene Immunsystem einwirken, gibt es bereits. Der zugelassene Herpes-Zoster-Impfstoff Shingrix enthält den Adjuvant-Komplex AS01B, der über ähnliche Toll-like-Wege wirkt und die Schutzrate auf über 90 Prozent hebt. AS01B verstärkt dabei eine erregerspezifische Reaktion auf Varizella-Zoster-Antigen. Der Stanford-Ansatz soll ohne spezifisches Erregerantigen schützen.

stanford

Das Konzept der nasalen Verabreichung ist ebenfalls nicht neu. CanSino Biologics aus China hat mit Convidecia Air einen inhalierbaren COVID-19-Impfstoff entwickelt, der 2022 in China als Auffrischung zugelassen wurde. Er zielt aber weiterhin spezifisch auf das Spike-Protein von SARS-CoV-2. Das Stanford-Spray versucht, beides zu verbinden: nasal verabreicht und erregerneutral in seiner Schutzwirkung.

In den Tierversuchen schützte ein einzelnes Spray die Mäuse mindestens drei Monate gegen fünf Bedrohungen: SARS-CoV-2 und weitere Coronaviren, Staphylococcus aureus, Acinetobacter baumannii sowie Hausstaubmilben. Das Team schätzt, dass beim Menschen zwei Dosen ausreichen könnten.

Was bedeutet das konkret?

Der wichtigste Vorbehalt: Alle Ergebnisse stammen aus Mausversuchen. Solche Tierversuche führen bei Impfstoffen häufig nicht zu vergleichbaren Ergebnissen beim Menschen. Das Immunsystem der Maus unterscheidet sich in mehreren relevanten Punkten vom menschlichen. Pulendrans Team betont selbst, dass Sicherheit und Wirksamkeit am Menschen noch gezeigt werden müssen, zunächst in Sicherheitsstudien, danach in kontrollierten Expositionsstudien mit Freiwilligen.

Sollte der Impfstoff die klinischen Phasen bestehen, hätte er praktische Vorteile gegenüber dem heutigen Impfalltag. Kein Arzt muss eine Spritze setzen. Menschen, die Spritzen fürchten oder keinen einfachen Zugang zu Arztpraxen haben, kämen in Reichweite. Eine jährliche Grippeimpfung könnte durch ein erregerneutrales Spray ersetzt werden, das gleichzeitig gegen COVID-19 und bakterielle Pneumonie schützt.

18 Millionen Dollar für den nächsten Schritt

Im Juni 2026 bewilligte ARIA, die britische Advanced Research and Invention Agency, dem Pulendran-Team rund 18 Millionen Dollar über viereinhalb Jahre. ARIA wurde 2023 nach dem Vorbild der US-amerikanischen DARPA gegründet. Das Förderprogramm heißt Sustained Viral Resilience und zielt auf eine neue Klasse von Medikamenten: anhaltende angeborene Immunprophylaktika, die durch das Zielorgan definiert sind, nicht durch den Erreger.

Pulendran schätzt, dass ein klinisch einsetzbares Produkt bei ausreichender Förderung in fünf bis sieben Jahren möglich ist, also frühestens 2031. Bis dahin müssen Regulierungsbehörden entscheiden, wie ein Impfstoff eingestuft wird, der nicht auf einen spezifischen Erreger zielt. Für die klassische Zulassungsprüfung, die immer auf einen bestimmten Erreger ausgerichtet ist, wäre das ein neues Prüfungsformat.

Quellen (10)

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